Marktregulierung

Warum die chinesische Blase nicht platzen wird

Die chinesische Staatsführung beweist Geschick: Sie kühlt die überhitzte Wirtschaft rechtzeitig ab. Deutschland profitiert.

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Noch vor wenigen Jahren waren alle davon überzeugt, dass das Schicksal der Welt, wirtschaftlich gesehen, von der Kauflaune der US-Verbraucher abhing. Wenn es darum ging, eine Prognose für das Sozialprodukt des eigenen Landes aufzustellen, wurde erst einmal darüber spekuliert, in welche Richtung sich die USA bewegten. Was denn die Notenbank Fed wohl als nächstes beschließen könnte und wie die Konsumenten und damit die US-Importe reagieren würden. Davon ist keine Rede mehr.

Es ist schon fast banal, festzustellen, dass diese Rolle inzwischen von den Importen Chinas übernommen wurde. Zuletzt lagen die Einfuhren von Industriegütern dort um mehr als 50 Prozent über dem Stand vom Vorjahr, die von Rohstoffen und Energie sogar um über 80 Prozent. Vom absoluten Volumen her können die chinesischen Importe noch nicht mit den amerikanischen konkurrieren, in Euro oder Dollar gerechnet ist das jährliche Wachstum aber bereits größer.

China bestimmt, wohin die Rohstoffpreise gehen und wie sich die Exporte der Industrieländer entwickeln. Insbesondere für Deutschlands Außenhandel ist China der entscheidende Akteur. Glücklicherweise verfügt unser Land über die Produkte, mit denen sich auf diesem riesigen und dynamischen Markt reüssieren lässt. Zuletzt übertrafen die deutschen Ausfuhren nach China die zusammengerechneten Ausfuhren Frankreichs, Italiens, Großbritanniens, Belgiens und der Niederlande um 40 Prozent. Und sie übertreffen die Einfuhren aus China deutlich.

Die Frage ist, ob China sein atemberaubendes Expansionstempo beibehalten kann, ob wir uns darauf verlassen können, dass dort auch künftig die Musik spielen wird. Es gibt einige Anzeichen dafür, dass sich Blasen gebildet haben könnten, dass zu viel spekulativ und zu wenig ertragsorientiert investiert wurde. Wenn Blasen platzen, kann das gesamtwirtschaftliche Wachstum auf viele Jahre hinaus stark beeinträchtigt werden. Vor allem kreditfinanzierte Überinvestitionen in Aktien und Immobilien sind gefährlich, weil die Schulden nach einem Preiseinbruch höher sein können als der Marktwert des Vermögens.

In den Boomregionen entlang der Küste war es, befeuert von reichlich Liquidität sowie Zinsen, die deutlich niedriger waren als die Zuwachsraten des nominalen Sozialprodukts, zu einem Immobilienboom gekommen. Inzwischen scheint es der Regierung gelungen zu sein, die Märkte durch Auflagen und Kreditkontrollen zu beruhigen. Gleichzeitig wird versucht, das Wachstum im armen Westen und Südwesten zu fördern. Das neue Urbanisationsprogramm für die zurückgebliebenen Regionen ist ein Schritt in die richtige Richtung: Es entschärft das soziale Konfliktpotenzial und die Immobilienexzesse im relativ reichen Osten.

Bei chinesischen Aktien ist es in diesem Jahr bereits zu einer deutlichen Kurskorrektur gekommen. Ende vergangenen Jahres hatte es noch sehr nach einer Blase ausgesehen. Die Kurs-Gewinnverhältnisse auf der Basis der Gewinnschätzungen für 2010 liegen an der Börse Shanghai zurzeit bei einem relativ moderaten 15 1/2- bis 16-fachen. In Japan waren es vor dem Platzen der Aktienblase mehr als dreimal so viel. Grund für den Kursrückgang von bislang knapp 20 Prozent war vor allem der Schwenk der Geldpolitik in Richtung Restriktion. Das Ziel, die Märkte zu beruhigen und der Blasenbildung vorzubeugen, wurde inzwischen erreicht. Damit sich das Wachstum nicht zu sehr abkühlt, haben Regierung und Notenbank bereits wieder auf Expansion umgeschaltet.

Insgesamt wird das Makro-Management der chinesischen Wirtschaft mit einigem Geschick betrieben. Keynesianische, also antizyklische Programme, sind weiterhin sehr wirksam. Das hat vermutlich damit zu tun, dass das Land noch einen so großen Nachholbedarf an allem hat, dass die Schuldenquote des Staates gering ist und dass es wegen der nationalen Sparquote von fast 50 Prozent keine finanziellen Engpässe gibt. Wenn ein Land so aggressiv in die Infrastruktur und andere Komponenten des Kapitalstocks investiert, gibt es zwangsläufig auch viele Fehlinvestitionen - das scheint aber nicht systemgefährdend zu sein.

Das Wachstumsziel von acht bis zehn Prozent kann also noch einige Jahre lang erreicht werden. Dadurch sind die Preise für Öl, Stahl, Kupfer, Nickel, Aluminium oder Zement global einigermaßen nach unten abgesichert. Ostasien wird zudem auf absehbare Zeit das Epizentrum des globalen Wachstums und damit für Deutschland die wichtigste Wachstumslokomotive bleiben. Vielen gefällt das nicht sonderlich, weil China schließlich ein Einparteienstaat oder sogar eine Diktatur ist und weil das Wachstum einhergeht mit einer Verwüstung der Umwelt. Allerdings: Gerade hat China nach Auskunft der Internationalen Energieagentur die USA als Energiekonsument Nummer eins überholt - das ist pro Kopf gerechnet immer noch nur ein Viertel des amerikanischen Standards.

Der Autor ist Head of Research bei Wermuth Asset Management.