Ein ganzes Netz von Online-Versendern gefälschter Potenzpillen hat die Staatsanwaltschaft Potsdam in den vergangenen Tagen und Wochen Stück um Stück zerlegt. Die Behörde hat mittlerweile sieben Haftbefehle gegen deutsche Internetseitenbetreiber und ihre Hintermänner aus dem südosteuropäischen Raum erlassen. Die Personen sind zwischen 33 und 61 Jahren alt. Einer der Hauptverdächtigen stammt aus Brandenburg.
Nach einem Morgenpost Online aus dem Umfeld der Beschuldigten zugespielten Haftbefehl verdienten die Betrüger in den vergangenen zwei Jahren mindestens 18 Millionen Euro mittels eines raffiniert angelegten Labyrinths von Internetseiten mit klangvollen Namen wie viagrasicherbestellen, männerapotheke oder pillendienst. Sie wickelten mehr als 200.000 Bestellungen aus dem deutschsprachigen Raum ab und schufen dafür sogar ein eigenes Online-Bezahlsystem namens we-pay, um mit seriös wirkenden deutschen Kontoverbindungen zu werben.
Das Geld der Besteller landete trotzdem auf Nummernkonten bei Banken in Limassol auf Zypern und in Prag. Im Gegenzug erhielten die Kunden statt der Originalpräparate plumpe Fälschungen aus Asien, die nach Tests der Staatsanwaltschaft bestenfalls nur wenig wirkungsvoll und schlimmstenfalls gesundheitsgefährdend waren. Auch in Deutschland verbotene, schädliche Schlankmacher-Pillen verkauften die Beschuldigten.
Über Umwege und anonymisiert konnte Morgenpost Online einen der Beschuldigten befragen. Der 30-Jährige ist seit zehn Jahren in einschlägigen Kreisen unterwegs und beschreibt eine wohl einzigartige Organisation: „Über 800 deutsche Onliner waren an dem Netzwerk beteiligt, eine Spitzengruppe von 35 Webseitenbetreibern erhielt monatlich fünfstellige Provisionen und traf sich zweimal im Jahr in Luxushotels für ausschweifende Partys.“ Die ersten Festnahmen trafen demnach nur die Spitze des Netzes, das seine Unternehmung höchst professionell organisierte. Verpackt wurden die verbotenen Pillen nach Angaben des Beschuldigten in Tschechien, um dann mit Kurierfahrern über Österreich nach Deutschland gebracht zu werden: „Meines Wissens nach wurde nie ein Fahrer vom Zoll erwischt.“
Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Potsdam bestätigte die Ermittlungen sowie die Untersuchungshaftbefehle, das Zollfahndungsamt Berlin-Brandenburg veröffentlichte weitere Details. Seit Anfang März haben deutsche und tschechische Fahnder mehr als 60 Wohnungen und Betriebe durchsucht, 40 davon in Deutschland. Bei den Razzien wurden Pillen und Daten sichergestellt sowie Geld, luxuriöse Autos und Unterhaltungselektronik.
In mehrmonatiger Ermittlungsarbeit vor dem Zugriff hatten die Fahnder Telefone, E-Mails und Chats im Internet-Telefondienst Skype überwacht – speziell im Chat hatten sich die Täter anscheinend sicher gefühlt und Details abgesprochen.
Aufgeflogen war das Netz der Online-Pillenshops auch dank eines Hinweises des Viagra-Herstellers Pfizer, der selbst seit mehr als zwei Jahren Jagd auf die Produktfälscher im Netz machte. Ebenfalls gefälscht wurden Potenzpillen von Bayer Health Care. Pfizer-Sprecher Martin Fensch bestätigte die Zusammenarbeit des US-Pharmakonzerns mit der Staatsanwaltschaft: „Gefälschte Medikamente können lebensgefährlich sein und sind deshalb ein enormes, leider auch zunehmendes Problem.“ Laut Fensch ist jedoch der Vertrieb über Online-Apotheken nur schwer einzudämmen.
Viagra ist das am häufigsten gefälschte Medikament, weltweit werden jährlich rund acht Millionen der gefälschten blauen Pillen beschlagnahmt. Bayer-Sprecher Herbert Schäfer wies daraufhin, dass Männer sich oft scheuten, Potenzmittel in der Apotheke zu kaufen. Deswegen seien derartige Onlineshops so erfolgreich.
Im vorliegenden Fall erreichten die Betrüger die hohen Umsätze vor allem dank eines raffinierten Schneeballsystems: Sie warben deutschsprachige Webmaster und Online-Marketingspezialisten, versprachen Mindestumsätze und Umsatzbeteiligungen von bis zu 55 Prozent, wenn die Angesprochenen über eigene Homepages zahlungswillige Kunden auf einen der vier Online-Shops umlenkten.





