Der nächste Lokführerstreik soll nach Angaben der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) länger dauern als der sechsstündige Ausstand am Donnerstagmorgen. „Wir werden ohne lange zu warten die nächste Aktion planen“, sagte der Berliner GDL-Bezirksvorsitzende Frank Nachtigall der "Berliner Zeitung". Sie werde von längerer Dauer sein. “Wir sind bestrebt, die Eskalation zügig voranzutreiben. Eine elfmonatige Hängepartie, wie wir sie bei der Tarifauseinandersetzung 2007/08 erleben mussten, wollen wir diesmal vermeiden."
Möglich sei allerdings, dass die Berliner S-Bahn vom nächsten Streik ausgenommen wird. "Wir haben noch nicht entschieden, ob wir sie dann wieder einbeziehen", sagte Nachtigall. Die sowieso geplagte S-Bahn in der Hauptstadt war bei Warnstreiks zuletzt verschont worden, wurde dann am Donnerstag aber ebenfalls lahmgelegt. Der GDL-Vorsitzende Claus Weselsky hatte zuvor noch angekündigt, die Streiks nicht unmittelbar fortsetzen zu wollen. "Die GDL wird nun eine Pause machen, damit sich die Arbeitgeber besinnen können", sagte er.
Nachtigall warb in der Bevölkerung für Unterstützung für die Arbeitskampfmaßnahmen. "Hätten wir eine Aktionsform, die Fahrgäste nicht oder nicht so stark belastet, würden wir sie sofort wählen. Eine solche Möglichkeit haben wir jedoch nicht", sagte er der "Berliner Zeitung" und fügte an: "Was wir tun, ist nicht kriminell."
Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt hat der Lokführergewerkschaft GDL im Tarifkonflikt dagegen "erpresserisches" Verhalten vorgeworfen. Viele Branchen seien auf "Just-in-time-Lieferungen" durch die Bahn angewiesen, sagte Hundt der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". Sie benötigten Pünktlichkeit der Güterströme, weil sie über keine Puffer verfügten, sagte der Chef der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA). "Je länger die Streiks dauern, desto schlimmer sind die Folgen für die Wirtschaft."
In der "Berliner Zeitung" forderte er, die Tarifeinheit in den Betrieben durchzusetzen. "Das aktuelle Verhalten der GDL zeigt, wie dringend erforderlich es ist, schnell zum Prinzip der Tarifeinheit zurückzukommen", sagte Hundt. Die Politik müsse schleunigst eine gesetzliche Regelung auf den Weg bringen. Andernfalls "drohen uns laufend Streiks wie in den siebziger Jahren in Großbritannien", sagte der BDA-Chef der "Berliner Zeitung". Durch die Tarifeinheit soll erreicht werden, dass nur ein Tarifvertrag in einem Unternehmen gilt und damit längere Tarifkonflikte mit mehreren Gewerkschaften vermieden werden.
Derweil macht der Industrie vor allem der Streik im Güterverkehr große Sorgen. Nach Angaben des Präsidenten des Bundesverbands Groß- und Außenhandel sei der "noch weitaus schädlicher als im Personenverkehr". Wie Anton F. Börner den "Ruhr Nachrichten" sagte, drohten trotz Vorsorge der Unternehmen "schon in kurzer Zeit erhebliche Engpässe in Industrie und Handel", die je nach Branche unterschiedlich ausfielen. "Die Industrie und natürlich auch der Handel sind auf stundengenaue pünktliche Lieferung aus ganz Europa angewiesen", sagte Börner. Der Ausfall der Bahn in den Lieferketten ließe sich nur teilweise durch Lkw oder Binnenschiff ersetzen.
Ziel müsse es daher jetzt sein, "den Schaden möglichst gering zu halten", forderte Börner. Neben dem wirtschaftlichen Schaden drohe auch ein erheblicher Imageschaden, speziell im Ausland. "Denn unsere Kunden kaufen und bezahlen mit den hohen Preisen auch Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit." Der Bundesverband Groß- und Außenhandel appelliert an die Beteiligten, "die Vernunft und Verhältnismäßigkeit im Auge zu behalten". Es könne nicht sein, dass eine kleine Interessengruppe eine ganze Volkswirtschaft in Geiselhaft nehme.
In einer Urabstimmung hatten sich mehr als 90 Prozent der GDL-Mitglieder für einen unbefristeten Streik ausgesprochen. Die Gewerkschaft fordert von der Deutschen Bahn sowie deren sechs wichtigsten privaten Konkurrenten einen bundesweit gültigen Flächen-Tarifvertrag für Lokführer bei allen Unternehmen im Nah-, Fern- und Güterverkehr. Ziele sind ein einheitliches Mindesteinkommen auf dem Niveau des Marktführers Deutsche Bahn sowie weitere einheitliche Regelungen.
Der bisher heftigste Streik hatte den Güter- und Personenverkehr in Deutschland massiv getroffen. Viele Personenzüge waren von 4.00 bis 10.00 Uhr am 10.03.2011 lahmgelegt worden. Zuvor hatte die Gewerkschaft bereits dreimal zu Warnstreiks aufgerufen, die aber jeweils nur zwei bis drei Stunden lang waren.
dpa/AFP/dapd/mac



