Lokführergewerkschaft

"Lokführer brauchen kein Weichei an der Spitze"

GDL-Chef Claus Weselsky bringt mit den Streiks seiner Lokführer die Deutschen gegen sich auf. Er nimmt das in Kauf.

Foto: Jannis Chavakis/Courtesy Staatliche Museen zu Berlin, (Bodemuseum), 2011 / Jannis Chavakis

Morgenpost Online: Herr Weselsky, jetzt bin ich richtig erleichtert.

Claus Weselsky: Warum das denn?

Morgenpost Online: Als Sie einen Museumsbummel vorgeschlagen haben, fürchtete ich schon, Sie schleppen mich in eine Eisenbahnausstellung mit Schaffner-Mützen und so. Aber jetzt sind wir auf der Berliner Museumsinsel. Was zieht Sie dort hin?

Weselsky: Ich finde die antiken Hochkulturen bewundernswert. Was die Menschen damals geschaffen haben, ist unglaublich. Wenn ich das mit heute vergleiche, dann fehlen uns diese Visionen. Alles ist ein bisschen kleiner.

Morgenpost Online: Werden Sie eigentlich erkannt, wenn Sie so durch ein – sagen wir mal – Museum schlendern?

Weselsky: Ja, durchaus. Gerade wenn wir uns wie zurzeit in einem Tarifkonflikt befinden.

Morgenpost Online: Und was erzählen Ihnen die Leute so, nach zwei, drei Streiktagen dann so?

Weselsky: Manche tuscheln nur, ah, da ist ja der oberste Lokführer. Andere sprechen mich an. Meisten gelingt es dann, eine sachliche Diskussion zu führen.

Morgenpost Online: Wollen Sie wissen, was man über Sie sagt, wenn man Zug fährt?

Weselsky: Mir ist schon klar, dass der Frust bei Bahnkunden manchmal groß ist, gerade wenn sie die Folgen eines Streiks unmittelbar zu spüren bekommen haben. Aber ich bekomme die Stimmung mit, ich stelle mich gerade an Streiktagen den Diskussionen und gehe an die großen Bahnhöfe.

Morgenpost Online: Die Menschen sind sauer. Macht es Ihnen was aus, zurzeit für die Bundesbürger eines der rötesten Tücher im Land zu sein?

Weselsky: Es ist ja nicht so, dass ich das gerne bin. Aber ich habe eine Aufgabe zu erfüllen, im Interesse der Lokführer. Ich stehe in deren Pflicht.

Morgenpost Online: Sie haben ja das Wortspiel gar nicht erkannt. Rotes Tuch – dabei wirken Sie gar nicht wie ein typischer Gewerkschafter.

Weselsky: (lacht) Eben darum bin ich darauf gar nicht eingegangen. Lokführer haben eine ganz bestimmte Berufsehre. Das ist nicht irgendein Job, um Züge fahren zu können, muss man was lernen, sich qualifizieren, man hat Verantwortung. Das muss man abbilden, gerade als Chef der Lokführergewerkschaft. Da kann man nicht daherkommen wie irgendein Nietenklopper.

Morgenpost Online: Sie tragen elegantes Tuch, sind CDU-Mitglied und angeblich siezen Sie sogar viele ihrer Mitarbeiter in der Frankfurter GDL-Zentrale. Wie passt das zu einem Gewerkschaftschef?

Weselsky: Ich bin nicht nur GDL-Vorsitzender, sondern auch Arbeitgeber. Mit Mitarbeitern lassen sich auf der Sie-Ebene manche Dinge besser regeln, wie wenn man per du ist. Das ein oder andere Problem lässt sich nicht gemütlich beim Gespräch mit einem Whiskey klären. Auch eine Gewerkschaft muss professionell geführt werden. Ich habe die Kollegen schon gesiezt, als ich noch Betriebsrat war, auch die Sekretärin in unserem Büro. Der hat das gefallen, die hat sich damit wohl gefühlt.

Morgenpost Online: Auch wenn Sie anders daherkommen, führen Sie sich auf wie der Fundi unter den Gewerkschaftsbossen, wie einer von der ÖTV in den 70er Jahren. Warum eigentlich? Mit Verhandlungen erreicht man doch oft mehr als mit der bildlichen Brechstange in der Hand?

Weselsky: Das ist richtig, aber wir haben mehr als sechs Monate verhandelt und es hat bislang zu keinem für uns akzeptablen Ergebnis geführt. Irgendwann ist man eben an einen Punkt, an dem Verhandlungen nicht weiterführen.

Morgenpost Online: Schauen Sie sich die IG-Metaller an, das sind auch keine Klosterbrüder, aber die machen auch nicht immer Krawall, die sitzen bei wichtigen industriepolitischen Entscheidungen mit am Tisch – die GDL steht draußen und lärmt. So geht’s doch auch.

Weselsky: Sicher, das hat die GDL wiederholt bewiesen. Zum Beispiel 2009, da hatten wir eine erfolgreiche Tarifrunde was das Thema Arbeitszeit angeht. Es ist ja nicht so dass die GDL damals in der Krise nicht mitgeholfen hätte, ein vernünftiges Paket zu schnüren.

Morgenpost Online: Jetzt geht es eher darum, den Arbeitskampf anzuschüren. Steht uns wieder ein monatelanger Arbeitskampf bevor wie 2007, mit Drohungen, immer wiederkehrenden Streikwelle?

Weselsky: Ich gehe davon aus, dass der Tarifkonflikt diesmal nicht so lange dauern wird. Wir fahren eine andere Strategie. Die Streiks sollen schneller hintereinander getaktet werden, der Arbeitskampf soll sich dadurch nicht wieder in die Länge ziehen …

Morgenpost Online: … schneller getaktet?

Weselsky: Die einzelnen Streikaktionen kommen schneller hintereinander. Wir werden – falls nötig – im Güter- und Personenverkehr öfter hintereinander streiken. Und wir werden länger streiken als 2007. Das und die Abfolge erhöht den Druck. Aber es wird keine unbefristeten Streiks geben.

Morgenpost Online: Die ohnehin gebeutelte S-Bahn Berlin wird weiter mit dran sein.

Weselsky: Wir haben sie zweimal geschont, immer geht das nicht. Die Probleme der Lokführer sind dieselben wie andernorts.

Morgenpost Online: Wissen Sie wie viele Einträge unser Archiv bei den Stichwörtern GDL und Streik hat – endlose viele. Seit Jahren. Können Sie verstehen, dass es die Menschen, die einfach zur Arbeit müssen, es einfach satt haben, für die Ziele der GDL in Geiselhaft genommen zu werden?

Weselsky: Ich kann die persönliche Betroffenheit nachvollziehen, natürlich. Aber warum machen Sie nur uns verantwortlich? Die Arbeitgeber sollen ein verhandelbares Angebot auf den Tisch legen, dann muss all das nicht sein. Aber die andere Seite bewegt sich nicht. Wir haben sonst kein wirksames Mittel, als über das gesetzlich verankerte Streikrecht Druck auszuüben.

Morgenpost Online: Eines wird bei diesem Arbeitskampf erneut deutlich: eine kleine Gruppe von Menschen kann viel bewegen – oder bremsen – wenn sie nur will. Ist Ihnen klar, wie viel Macht die GDL hat?

Weselsky: Ich bin mir dieser Macht bewusst und daher überziehen wir auch nicht. Übrigens stehen wir unter Beobachtung der Gerichte, die die Verhältnismäßigkeit der Mittel im Arbeitskampf kontrollieren.

Morgenpost Online: Und was ist das für ein Gefühl, Macht zu haben?

Weselsky: Es ist beeindruckend. Und ich empfinde ein Stück weit Genugtuung, dass wir in der Lage sind, in dieser Auseinandersetzung den Arbeitgeber Grenzen zu setzen. Das sind die nämlich nicht gewohnt.

Morgenpost Online: Ausgerechnet die Chefs der Berliner S-Bahn haben Ihnen einen Bittbrief geschrieben, in dem sie darum ersuchen, die Hauptstadtbahn zu verschonen. Das war bestimmt ein besonderer Triumph für Sie?

Weselsky: Was die Berliner S-Bahn-Manager treiben, ist ein perfides Spiel. Sie spielen mit der Angst der Kollegen. Sie haben nämlich in dem Schreiben damit argumentiert, man müsse Streiks verhindern, um die Lokführer vor Übergriffen der Fahrgäste zu schützen. Das ist ein ganz mieser Trick. Ich habe gar nicht darauf geantwortet.

Morgenpost Online: Man hat das Gefühl, die scharfe Gangart in dieser Tarifrunde kommt auch daher, weil Sie sich profilieren wollen – gegenüber dem abgetretenen Übervater der GDL, Manfred Schell. Der hatte immerhin 2007/2008 einen Branchentarifvertrag für die Lokführer und elf Prozent mehr Lohn erkämpft.

Weselsky: Es geht hier um Fortsetzung einer stringenten Tarifpolitik der GDL, um die Bedürfnisse der Lokführer, die ich vertrete. Nicht um Profilierung.

Morgenpost Online: Sind Sie machtbewusst? Immerhin haben Sie sich nach der Wende kontinuierlich den Weg nach oben gekämpft.

Weselsky: Ich habe einen gewissen Ehrgeiz und sicher, ich bin auch machtbewusst. Ich bin in der DDR groß geworden, bei der Reichsbahn war das so, dass die Lokführer immer die Letzten waren, die, die von den Hunden gebissen wurden. So soll und so wird es nicht mehr sein.

Morgenpost Online: Trotz seiner Hauruck-Strategie und Polterei war Schell populärer als Sie. Sie gelten als richtiger Scharfmacher. Was macht Sie so scharf, was treibt Sie an?

Weselsky: Mich treibt an, dass ich 1990 in der neuen Gesellschaft einen Platz gefunden habe, der mir wichtig ist. Jetzt habe ich eine Aufgabe, die mir Spaß macht, aber ich sehe mit einer Sorge, dass wir im Gewerkschaftslager insgesamt gerade noch einen Organisationsgrad von 20 Prozent in Deutschland haben. Das macht die Gewerkschaften als Korrektiv in der sozialen Marktwirtschaft schwächer und das darf nicht sein. Die GDL stemmt sich gegen diese Entwicklung und spielt dabei eine führende Rolle in der Gewerkschaftsbewegung.

Morgenpost Online: Sind Sie eigentlich privat auch so ein harter Hund?

Sagen wir so: Ich bin konsequent. Man kann meine Meinung nur mit Sachargumenten ändern. Und ich stelle meine Entscheidung nie in Frage. Nie. Selbst wenn sich morgen eine Entscheidung als falsch rausstellt, so war sie zum Zeitpunkt, als ich sie getroffen, doch habe richtig.

Morgenpost Online: Aber einen netten Tick haben Sie, einen, der Sie menschlich macht: Sie haben stets Ihren eigenen Tee dabei. Warum?

Weselsky: Ich mag Tee, und es ist nicht immer leicht, guten zu bekommen. Also habe ich in meiner Aktentasche meine Notfallausrüstung dabei: Filtertüten und Tee aus China. Ou Long, wunderbar.

Morgenpost Online: Vielleicht wurzelt Ihr, sagen wir mal etwas beschönigend, konsequentes Vorgehen, in Ihrer Vergangenheit. Waren Sie als Lokführer bei der Reichsbahn der DDR und als FDGB-Mitglied ähnlich kämpferisch?

Weselsky: Überhaupt nicht, vor 1990 war ich weder politisch noch gewerkschaftlich organisiert. Im FDGB hatte ich auch kein Amt. Ich bin kein Widerstandskämpfer und habe die Systemfrage in der DDR nicht gestellt.

Morgenpost Online: Als Junge hatten Sie angeblich Robin Hood als Vorbild. Jetzt ist also der jeweilige Bahnchef Ihr Sheriff von Nottingham?

Weselsky: (lacht) So martialisch laufen Tarifverhandlungen nicht.

Morgenpost Online: Eins unterscheidet Sie von Robin Hood: Der hat den Reichen genommen, die Armen beschenkt und den Rest in Ruhe gelassen. Sie nicht, Sie beziehen Unbeteiligte, die Fahrgäste, in Ihren Arbeitskampf mit ein. So wird man kein Volksheld.

Weselsky: Das will ich ja auch nicht. Ich will ein guter GDL-Chef sein.

Morgenpost Online: Soll dieser Branchen-Tarifvertrag ihre Steinkühler-Pause werden, Ihr Denkmal?

Weselsky: Ich gebe ja zu, dass alle Alphatiere irgendwie auch Egomanen sind. Aber ich brauche kein Denkmal. Was gebraucht wird, sind angemessene Gehälter für die Lokführer, Schutz gegen Dumpinglöhne. Und Regelungen, die Lokführern den Arbeitsplatz bei Betreiberwechseln erhalten.

Morgenpost Online: Sie sehen sich selbst als Alphatier?

Weselsky: Sonst wäre ich doch nicht an dieser Stelle. Lokführer brauchen kein Weichei an der Spitze.

Morgenpost Online: Wir stehen hier im Assyrischen Palastraum, die Assyrer haben allein durch ihre Architektur Macht demonstriert, so wie das auch die Herrscher von Pergamon getan haben. Ist es das, was sie anzieht?

Weselsky: Es ist diese überdimensionale Größe, die mich beeindruckt, die Kraft, die dahinter steckt, solche Gebäude zu errichten. Das macht niemand, der später in der Versenkung verschwinden will. Da kommt der innere Antrieb raus, nämlich etwas zu schaffen, das Bestand hat. Ich will erreichen, dass der Berufsstand des Lokführers etwas Ehrenhaftes bleibt. Die Arbeitgeber haben lange versucht, die Kollegen auf das Niveau von Jobbern zu degradieren.

(wir schlendern weiter)

Morgenpost Online: Der Fries dort zeigt den Kampf der Athena gegen Alkyoneus …

Weselsky: … den Giganten.

Morgenpost Online: Sie wissen, wie das ausging: Die Giganten wollten die Olympischen Götter stürzen, die alte, ewige Ordnung. Und scheiterten. Alkyoneus starb.

Weselsky: Ich würde sagen: ein strategischer Fehler. Die sind nicht richtig mit der Macht umgegangen. Mir passiert das nicht.