Die Finanz- und Wirtschaftskrise ist nicht arm an unglaublichen Geschichten. Eine besonders kuriose kündigt sich für September an: Dann könnte ausgerechnet der schwer angeschlagene Halbleiterhersteller Infineon, der seit Monaten um staatliche Unterstützung kämpft, in den Deutschen Aktienindex Dax zurückkehren. Auch der in Übernahmeturbulenzen geratene Automobilzulieferer Continental steht vor einem unerwarteten Comeback unter den Top 30 der börsennotierten Unternehmen. Es wäre bereits der zweite Wiederaufstieg der Hannoveraner. Dritter Anwärter auf einen der begehrten Plätze ist aktuell ein Neuling: Solarworld wäre das erste Dax-Unternehmen aus der Branche der erneuerbaren Energien.
"Infineon ist nach dem Kursanstieg der vergangenen Wochen plötzlich ein heißer Anwärter auf den Dax", sagt Indexspezialistin Anke Platzek von der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Im Frühjahr wurde die Aktie noch als Penny-Stock belächelt, nicht einmal einen halben Euro war sie wert, kaum ein Investor glaubte an die Zukunft des Unternehmens. Der Anfang März verkündete Abstieg aus dem Dax war die logische Konsequenz. Doch angetrieben von Spekulationen hat sich der Wert seitdem verfünffacht - entsprechend kletterte das Unternehmen in der maßgeblichen Indexrangliste der Deutschen Börse wieder weit nach oben. Ende Mai belegte es schon wieder Position 33 beim Kriterium Börsenwert, beim Börsenumsatz stand Platz 28.
Ob dies tatsächlich für die Rückkehr in den Dax reicht, hängt nicht nur von Infineon ab. Fast gleichauf beim Börsenwert liegt das TecDax-Unternehmen Solarworld. Ende Mai war der Solarzellenhersteller einen Platz vor Infineon, in der Vorwoche schon einmal einen Platz dahinter. Damit zumindest eines der beiden Unternehmen aufrücken kann, braucht es beim nächsten Überprüfungstermin Anfang September natürlich auch einen Absteiger, dessen Qualitäten nicht mehr für die ersten 30 reichen. Derzeit träfe es den erst im März für die Postbank nach oben gekommenen Versicherer Hannover Rück. Er liegt, wie für einen regulären Abgang gefordert, in einem der beiden Kriterien auf einem Rang schlechter als 40. Auch Fresenius, im Frühjahr mit Hannover Rück befördert, könnte es treffen - allerdings nur wenn die Bad Homburger beim Börsenumsatz noch etwas schwächeln und außerdem ein potenzieller Aufsteiger richtig drängelt, sprich, in beiden Index-Kriterien mindestens auf Platz 30 rangiert. Weder Infineon noch Solarworld haben dies bislang geschafft.
Noch kann sich viel verändern. "Alles liegt so eng wie selten beieinander", sagt LBBW-Frau Platzek. Der Bewertungsstichtag ist erst Ende August. Keiner der beiden Aufsteiger vom Frühjahr kann sich sicher fühlen. Zumal es mit Continental noch einen dritten Dax-Anwärter gibt. Das Unternehmen ist wieder im Rennen, seit der Herzogenauracher Hauptaktionär Schaeffler überlegt, ob er nicht zur Begleichung der Milliarden-Schulden aus der Übernahme einen Teil der Conti-Aktien wieder verkauft.
Zuletzt lag der Streubesitz gerade noch bei rund zehn Prozent und damit zu niedrig, um genug Gewicht für den Dax auf die Waage zu bringen. Der Freefloat müsste beim derzeitigen Conti-Kurs zumindest wieder auf knapp 63 Prozent steigen, damit sich das Unternehmen in beiden Kriterien unter den Top 30 einordnet und damit den Aufstieg aus eigener Kraft schafft. Wenn knapp 46 Prozent der Aktien wieder im Umlauf sind, wäre Continental immerhin auf Augenhöhe mit Infineon und Solarworld.
So theoretisch diese Rechnungen über mögliche Auf- und Absteiger noch anmuten, für Anleger können sie die Grundlage für eine lohnende Spekulation sein. In der Vergangenheit zogen die Kurse der Aufstiegskandidaten schon Wochen vor der Bekanntgabe an. Auch bei Hannover Rück und Fresenius war dies der Fall. Die Aktie des Rückversicherers verteuerte sich zwischen Anfang Januar und Anfang März um 17 Prozent, während der Dax im gleichen Zeitraum um 19 Prozent nachgab. Auch Fresenius war deutlich besser als der Leitindex. Getrieben wird die Entwicklung von der Überlegung, dass viel Fondsmanager, die sich am Dax orientieren, gezwungen sind, die Papiere des Aufsteigers zu kaufen. Andere Anleger nehmen dies vorweg.




