Umweltforscher

Energiefirmen verlieren Macht durch mehr Ökostrom

Der Umstieg auf Ökostrom könnte die Energiekonzerne laut Experten ihre Vormacht kosten. Die Regierung will den Ausbau beschleunigen.

Deutschlands Stromkonzerne werden nach Expertenmeinung durch die Umstellung auf erneuerbare Energien an Macht verlieren. „Durch das Wachstum erneuerbarer Energien wird das Stromnetz dezentraler organisiert – dann könnten Konzerne wie Eon, Vattenfall, RWE oder EnBW womöglich an Marktposition verlieren“, sagte Johann Köppel, Professor für Umweltplanung an der TU Berlin, dem Berliner "Tagesspiegel". Im Alleingang werde Deutschland die Energiewende aber nicht schaffen. "Nötig ist ein Umbau der Energieversorgung im europäischen Rahmen", sagte er.

Iren, Briten und Deutsche könnten eher Windstrom erzeugen, Spanier, Italiener und auch Afrikaner die Sonne nutzen. "Die sieben ältesten Atomkraftwerke abzuschalten ist kein Problem, und auch die übrigen kann man in absehbarer Zeit vom Netz nehmen", sagte Köppel der Zeitung. Je länger sie Strom produzierten, desto schwerer werde der Umstieg auf erneuerbare Energieträger. Nach der Atomkatastrophe in Japan soll der Umbau der Energieversorgung in Deutschland hin zu mehr Ökostrom beschleunigt werden. Der dafür erforderliche Ausbau von Stromtrassen soll nach dem Willen von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP) durch ein "Netzausbaubeschleunigungsgesetz" erleichtert werden.

Das Ausmaß der Herausforderungen sei vergleichbar mit dem Ausbaubedarf der Infrastruktur nach der Wiedervereinigung, heißt es in einem Eckpunktepapier seines Ministeriums. Brüderle will den "Flickenteppich" bei den Genehmigungsverfahren für neue Stromtrassen beenden. Die bisherige Länderzuständigkeit soll durch ein bundesweit einheitliches Verfahren ersetzt werden. Der Minister wolle die Pläne am Montag im Zusammenhang mit dem Sondertreffen der EU-Energieminister in Brüssel vorstellen, sagte seine Sprecherin.

"Ein schnellerer Umbau unserer Energieversorgung hin zu den Erneuerbaren ist nicht zum Nulltarif zu haben", warntze der FDP-Politiker in der "WirtschaftsWoche". Sollten die Atomkraftwerke dauerhaft abgeschaltet werden, bräuchte Deutschland zur Kompensation neue Gas- und Kohlekraftwerke.

"Das wird zu höheren Co2-Emissionen und zu höheren Kosten führen." Hinzu kämen Kosten für den Ausbau der Netze: "Uns fehlen heute schon mehr als 3500 Kilometer Stromleitungen. In einem "Bundesnetzplan" sollen die notwendigen Trassenkorridore bundesweit ausgewiesen und für den Bau von Hochspannungsleitungen reserviert werden. Gemeinden müssten den Leitungsausbau "im Interesse des Gemeinwohls" hinnehmen, heißt es in dem Papier, über das zuvor "Bild.de" berichtet hatte. Sie sollten dafür einen finanziellen Ausgleich erhalten.

Zur Netzentlastung werde der Bau neuer Speicherkapazitäten vorangetrieben. Zudem müsse der europäische Netzausbau vorangebracht werden, damit der Stromhandel funktioniert, heißt es in dem Papier weiter. Benötigt würden klare rechtliche Rahmenbedingungen für den Bau von grenzüberschreitenden Stromleitungen, um so im Interesse der Verbraucher den Wettbewerb auf dem Strommarkt zu fördern. Der SPD-Außenpolitiker Rolf Mützenich sprach sich für einen gemeinsamen europäischen Ausstieg aus der Atomkraft aus.

"Europa ist klug beraten, gemeinsame Wege zu gehen. Letztlich geht doch kein Weg daran vorbei, dass wir uns mittelfristig von der Kernkraft verabschieden", sagte er der Zeitung "Das Parlament". Die Herausforderung sei jetzt, noch stärker in alternative Energien und Energieeinsparung zu investieren. "Wir können das nicht alleine im nationalen Rahmen – wir müssen es auf EU-Ebene, vielleicht sogar weltweit entscheiden", sagte Mützenich.

Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hatte der schwarz-gelben Koalition Gespräche über einen neuen Energiekonsens für Deutschland angeboten. Die SPD sei bereit, den Ausbau neuer Stromnetze zu fördern, die Erdverkabelung voranzutreiben und die Modernisierung fossiler Kraftwerke mitzutragen, sagte er der "Hannoverschen Allgemeinen Zeitung". "Wenn wir zügig vorankommen wollen mit Ökostrom, können wir nicht jedes Windrad wegen des Vogelflugs problematisieren", fügte er hinzu.