Tief unten in der Hölle schmort ein trauriger Mann. Sein Name ist Rinaldo Scrovegni. Im irdischen Leben war er reich, so reich, dass er sein Geld an andere verleihen konnte. Sein Reichtum wurde dadurch noch größer, denn er nahm Zinsen: Wer ihm Geld schuldete, musste ihm mehr zurückzahlen, als er ausgeliehen hatte. Rinaldo Scrovegnis Vermögen wuchs und wuchs, sein Aufstieg auf Erden war unaufhaltsam. Aber dann fiel der Bankier, den sie damals als „Wucherer“ bezeichneten, und er fiel sehr tief.

Verhasster Zins. Der Dichter Dante Alighieri hat den Geldverleiher in der Hölle beschrieben. Bis dorthin bringt Rinaldo Scrovegni nach seinem Tod Geld mit, ein Sack davon hängt ihm schwer um den Hals. Da weint er und schreit: Hier hilft das viele Geld nichts. Der Reiche sitzt auf brennend heißem Sand und schaut auf einen Höllenfluss. Von oben regnet es unablässig Feuer. Hoffnung gibt es keine: Was er getan hat, hat ihn in die Hölle geführt, und da wird er bleiben auf ewig.

Auf Erden gab es Rinaldo Scrovegni tatsächlich einmal. Er lebte im 13. Jahrhundert, zur selben Zeit wie Dante, und war Bankier in Padua, einer Stadt in Oberitalien. Der Dichter schickte ihn zur Hölle, denn womit er auf der Erde sein Geld verdiente, das sah die Kirche zu seiner Zeit als schwere Sünde an: den Wucher. Der Begriff meinte nicht nur den Geldverleih zu überhöhten Zinsen, so wie wir ihn heute gebrauchen. Verhasst war der Zins an sich.

Ewige Verdammnis. Den Zinsleiher, den Bankier, sah die Kirche als Dieb, der Werte stahl statt schuf. Der nicht von seiner Hände Arbeit lebte, sondern sozusagen im Schlaf unrechtmäßig reich wurde. Gott und Geld, das waren für die Kirche nicht zu überbrückende Gegensätze. So warnt das Matthäus-Evangelium, niemand könne zugleich Gott und Geld dienen.

Der Einfluss der Kirche war groß. Sie hatte ein starkes Drohmittel für die Menschen der damaligen Zeit: die ewige Verdammnis. Wer dem Geld dient, der gehört dem Teufel – und der Teufel ist gierig nach der verlorenen Seele.

Der Dominikanermönch Stephan von Bourbon aus dem 13. Jahrhundert erzählte die Geschichte eines Geldverleihers in der französischen Stadt Dijon. Der will heiraten, seine Braut wartet schon in der Kirche. Als der Verlobte aber eintreten will, löst der Teufel die Steinfigur eines Wucherers aus dem Portal und erschlägt damit den Bräutigam. Der plötzliche Tod ist für die Menschen des Mittelalters eine der größten Ängste: Wie soll in den Himmel kommen, wer zuvor nicht seine Sünden bereut hat? Die Geschichte aus Dijon trägt noch eine Warnung in sich: Vorsicht, deine Sünden schlagen auf dich zurück!

Neue Blüte. Eine „ungeheure Polemik gegen den Wucher“ stellt der französische Historiker Jacques Le Goff in seinem jetzt neu bearbeiteten Aufsatz „Wucherzins und Höllenqualen“ für die Zeit um 1300 fest. Der Kampf gegen den Geldverleih aber war ein Abwehrkampf.

Schon die Welt Dantes und Scrovegnis nämlich kommt nicht mehr ohne Kredite aus. Kaufleute handeln damals in der ganzen Welt miteinander – und leihen sich Geld. Durchaus auch zu hohen Zinsen. Einen Kredit aufzunehmen lohnt sich oft dennoch, die Zinsen können die Unternehmer durch gute Geschäfte hereinholen. Auch Bischöfe und der Papst borgen sich zu dieser Zeit Geld, auch bei Christen. Dafür müssen jüdische Geldverleiher zunehmend Verbote und Schikanen erleiden – eine Folge auch des Aufstiegs der christlichen Bankiers.

Der Herbst des Mittelalters ist angebrochen, eine neue Zeit in Sicht. Später würden sie die Menschen als eine Zeit des Fortschritts in Wissenschaft und Technik, in Wirtschaft und Gesellschaft beschreiben. Als Zeit des Wachstums und der Veränderungen erscheint sie auch Dante und Scrovegni.

Für Sünder beten. Der Kampf gegen den Geldverleih ist damals bereits aussichtslos geworden. Die Menschen suchen sich aber noch mühsam Wege zwischen heiligen Verboten hindurch. Geld und Leben: Muss das einander wirklich ausschließen? Ist nicht beides möglich?

Es ist möglich, zum Beispiel durch das Fegefeuer. Le Goff zeigt, dass die Kirche diesen unangenehmen Ort nicht zuletzt für Geldverleiher erfunden hat: der Hölle ähnlich – mit dem wichtigen Unterschied, dass der Aufenthalt dort, im Fegefeuer, zeitlich begrenzt ist. Wie lange ein Sünder dort bleiben muss, hängt von ihm selbst ab, davon, ob er seine Sünde bereut, ob er auf Erden Gutes tut mit seinem Geld. Es hängt aber auch von seinen Angehörigen ab. Je mehr sie für den Verstorbenen beten und Almosen an die Armen geben, desto eher kann der Unglückliche erlöst werden.

Der Mönch Caesarius von Heisterbach erzählt vom Tod eines Geldverleihers in Lüttich. Seine Witwe will Buße tun für die Sünden ihres Mannes. Sie wird Einsiedlerin, sie betet, sie fastet und hilft den Armen, ganze sieben Jahre lang.

Da erscheint ihr nachts der Verstorbene, halb schwarz wie Kohle, halb weiß. Er dankt ihr: Die Hälfte seiner Zeit im Fegefeuer habe er schon abgesessen. Nach noch einmal sieben Jahren, die die fromme Frau in der Einsamkeit verbringt, ist er ganz erlöst.

Ohne die Hoffnung auf den Himmel wollten unsere fernen Vorfahren nicht leben. Mit dem Fegefeuer konnten sie beides haben: Reichtum auf Erden – und dennoch die Hoffnung auf einen Platz im Paradies, erkauft durch eine begrenzte Zeit der Qualen. Geschichte wird von Menschen gemacht: „Nur die Hoffnung, der Hölle zu entkommen“, schreibt Le Goff, habe es dem Geldverleiher erlaubt, seinen Beruf auszuüben, der so unverzichtbar geworden war für Wirtschaft und Gesellschaft.

Aufstieg der Banken. Wenig später entstehen die ersten richtigen Bankhäuser. Warenhändler wenden sich Bankgeschäften zu. Die italienische Adelsfamilie Medici in Florenz gründet ihre Bank 1397. Im Jahrhundert darauf entsteht im benachbarten Siena eine Bank, die als Banca Monte dei Paschi noch heute existiert und als die älteste überlebende Bank der Welt gilt.

Bankiers und die Kirche, Bankiers und die Gesellschaft schließen langsam ihren Frieden – auch wenn es schwerfällt. Was aber noch über Jahrhunderte bleibt, ist die Kritik an überzogenen Erwartungen an den Ertrag eines Geschäfts, die Kritik am Streben nach kurzfristigen Gewinnen – das wird Bankern bis heute oft vorgeworfen.

Auch der Bankier aus Padua konnte schließlich hoffen. Enrico, der Sohn von Rinaldo Scrovegni, kaufte ein Gelände am Rand der Stadt und ließ dort eine Kapelle bauen. Er wollte für die Sünden seines Vaters um Vergebung bitten. Wer heute die Kapelle in Padua besucht, schaut auf ein beängstigendes Wandgemälde vom letzten Gericht, auf Dämonen und Teufel mit spitzen Harken. Von unten lodert schon das Feuer.

Auf dem Bild ist noch die Entscheidung im Gang, wer alles in den Himmel darf. Die Warnung aber bleibt, auch an die Geldverleiher: Übertreibt es nicht.