Es hört sich zynisch an, aber für Pharmakonzerne wie Fresenius Vorliebe für alles was süß und ungesund ist, wahrhaft Gold wert. Nicht nur, aber auch weil sich die bisher vor allem im Westen verbreitete Bewegungsarmut verbunden mit zuckerreicher Ernährung im Zuge der Globalisierung zunehmend auch in Asien und Afrika breit verbreitet, ist die Zuckerkrankheit weltweit auf dem Vormarsch. Den Pharmaunternehmen beschert sie verlässlich wachsende Absatzmärkte.
166 Mrd. Dollar verschlang die Behandlung allein dieses Krankheitsbildes im Jahr 2007. Und die Zahl der Diabetes-Patienten weltweit steigt rapide – zuletzt im Schnitt um fünf Prozent pro Jahr. Besonders Schwellenländer in der westlichen Pazifikregion, in Afrika und im Mittleren Osten können wahre Rekorde bei der Zahl von Neuerkrankungen verbuchen. „Pharmaunternehmen, die nicht in Schwellenländern wie Brasilien, Russland, China aber auch dem Mittleren Osten zugegen sind, werden zwangsläufig einige stark anwachsende Pharmamärkte verpassen“, sagt Martin Schloh, Pharmaexperte bei der Unternehmensberatung A.T. Kearney.
Das Krankheitsbild Diabetes ist nur ein Beispiel von vielen, die deutlich machen, wie groß das Wachstumspotenzial der Pharmabranche tatsächlich ist. Einer Studie von A.T. Kearney zufolge, die Morgenpost Online vorliegt, ist von der Gesundheitsbranche zwar kein riesiges, neues Jobwunder zu erwarten. Bei den Biotech-Unternehmen beispielsweise wird der Untersuchung zufolge die Zahl der Beschäftigten deutschlandweit von derzeit 30.000 nur leicht auf 32.000 im Jahr 2013 steigen, in der Medizintechnik von 170.000 auf 184.000 – wobei die Aussichten für die weltweit heiß umkämpften, top ausgebildeten Fachkräften natürlich auch hierzulande äußerst rosig sind.
In puncto Wertschöpfung hat dieser Industriezweig aber dennoch einiges Potenzial zu bieten: So schätzen die Experten, dass deutsche Biotech-Unternehmen ihren Gesamtumsatz bis 2013 von derzeit 2,2 Mrd. Euro auf 3,2 Mrd. Euro steigern werden. In der Medizintechnik dagegen dürften die branchenweiten Erlöse im gleichen Zeitraum von 17,8 Mrd. Euro auf 21,7 Mrd. Euro anwachsen. Und damit sei das Potenzial noch nicht ausgeschöpft, sagt Berater Schloh: „Wenn sich die steuerlichen Rahmenbedingungen für Übernahmen in der noch relativ fragmentierten Biotech-Branche verbessern würden, würde der Weg für eine gesunde Fragmentierung frei und das Wachstumspotenzial wäre noch größer.“
Anders als weite Teile der Wirtschaft hat die Gesundheitsbranche selbst die schärfste Rezession seit Jahrzehnten weitgehend unbeschadet überstanden. Doch stehen der wachsenden Nachfrage nach Leistungen der Branche finanzielle Restriktionen gegenüber. Die staatlichen Gesundheitssysteme und Krankenkassen sind oft chronisch klamm, was dem Wachstum die Luft abzudrücken droht. Den A.T. Kearney-Experten zufolge liegt es dabei auch an den Unternehmen selbst, sich in diesem Spannungsfeld zurechtzufinden und den Wettbewerb für sich zu entscheiden. Zum einen bietet das Ausland erkleckliche Wachstumschancen – allem voran Schwellenländer wie China, Brasilien oder Indien, wo westliche Zivilisationskrankheiten wie Alzheimer, Diabetes und Lungenerkrankungen stark auf dem Vormarsch sind. So wird in Indien im Jahr 2030 voraussichtlich das gesamte jetzige Gesundheitsbudget fällig, allein um die Krankheit Diabetes zu therapieren.
Ironischer lässt sich aber sogar aus dem Kostendruck der öffentlichen Systeme Wachstumsnektar saugen – wenn man es denn geschickt anstellt. Der Haupttreiber für die Pharmaindustrie werde die Erwartung der Krankenkassen sein, bezahlbare Lösungen für die Patienten und Beitragszahler zu bekommen, so Schloh. „Die einzelne Tablette wird keinen interessieren, wenn nicht erwiesen ist, dass das gesamtheitliche Ergebnis stimmt.“
Das Pharmaunternehmen Fresenius Medical Care macht beim Krankheitsbild Niereninsuffizienz /Diabetes vor, wie es gehen kann. Die Kasse macht Vorgaben, wie viel Budget es für einen Patienten gibt – und der Pharmariese schafft dafür alles heran, was man für die Dialyse braucht – von den Medikamenten über die Nierenwaschanlage bis hin zu den Ärzten, die die Patienten betreuen. Das Pharmaunternehmen ist damit nicht mehr nur ein Lieferant, sondern ein Systemanbieter.




