Neues Buch

Das Finanzmarktkasino muss geschlossen werden

Wie die Banken gegen die Staaten zocken, erklären Kai Konrad und Holger Zschäpitz in ihrem Buch "Schulden ohne Sühne".

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Bad Leukerbad ist ein kleiner Kurort im Schweizer Kanton Wallis. 1998 hatte Leukerbad etwa 1750 Einwohner - und im Laufe der Jahre Schulden in Höhe von fast 350 Millionen Franken angehäuft. Die Kantonalverwaltung beschränkte daraufhin am 16. September 1998 die Handlungsfreiheit der Gemeinde. Die überschuldeten Beteiligungsgesellschaften gingen großteils in Konkurs. Ende 2003 verzichteten die Gläubiger auf 78 Prozent ihrer Forderungen. Die Gemeinde leistet für rund dreißig Jahre Abzahlungen. Die Insolvenz Leukerbads hatte zwar verheerende Auswirkungen auf die Gemeinde und ihre Kreditgeber, aber nicht darüber hinaus.

Ist das Schuldenvolumen einer insolventen Gebietskörperschaft hingegen hinreichend groß, kann auch ein Bankrott die Weltkapitalmärkte beeinflussen. Unter Hinweis auf die Risikolage deutscher Institute sprach sich im März 2010 Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann für Hilfen für Griechenland aus. Ohne eine Stabilisierung Griechenlands könnten die Banken nach seiner Einschätzung Probleme bekommen. Griechenland ist also "systemrelevant" und die "No-bail-out-Klausel" deshalb nicht durchsetzbar. Eine Systemreform, die auf Freiheit und Selbstverantwortung der Einzelstaaten setzt, muss die "Systemrelevanz" jedes einzelnen Eurostaats verringern oder beseitigen. Einfach ist das nicht, aber möglich.

Ob eine Zahlungsverweigerung Griechenlands und anschließende Umschuldungsverhandlungen zu einem unerträglichen Erdbeben an den Finanzmärkten oder gar zu einer "Kernschmelze" des Systems führt oder so geräuschlos wie der Bankrott von Leukerbad verläuft, das hängt von der Funktionsweise der Finanzmärkte und dem Verhalten der Investoren ab. Banken und Finanzinstitute haben im bestehenden System einen Anreiz zu "zocken", also ihr Kreditpotenzial voll auszureizen und damit sehr hohe Investitionsrisiken einzugehen.

Die Problematik, wonach private Investoren Gewinne einstreichen, die Verluste aber im Rahmen staatlicher Hilfsaktionen auf den Steuerzahler abwälzen, haben viele Beobachter beklagt. Hans-Werner Sinn hat sie treffend als "Kasino-Kapitalismus" bezeichnet. Der Regulierungsexperte der englischen Zentralbank, Andrew Haldane, spricht vom "doom loop" - einem Teufelskreis, den es zu durchbrechen gelte.

Im Finanzmarktkasino setzen die großen Finanzinstitute ihr Geld (und das hinzugeliehene Geld anderer) auf eine Karte. Mögliche Gewinne aus den eingegangenen Risiken streichen sie ein. Bei Verlusten können sie darauf vertrauen, dass ihnen vom Staat geholfen wird. Die Spieler im Finanzmarktkasino rechnen auch damit, dass alle anderen Institute sich so verhalten. Riesige, teilweise kreditfinanzierte Engagements in Hypothekenpapiere schlechter Bonität ("subprime") waren so ein Beispiel. Großengagements in Griechenlandanleihen - mitunter mit geliehenem Geld finanziert - wären ein anderes. In einem Umfeld, in dem sich alle Finanzinstitute so verhalten, kann man darauf vertrauen, dass die Zentralbanken und die Staaten einspringen, wenn die Dinge schieflaufen. Würden sie nicht helfen, käme es angesichts der riesigen Verluste zum Systemzusammenbruch.

In diesem Umfeld wäre ein einzelnes Institut schlecht beraten, wenn es sich nicht beteiligen würde. Das einzige Risiko für ein Institut besteht nur noch darin, möglicherweise nicht bedeutend genug zu sein, um als systemrelevant eingestuft und bei einer Schieflage entsprechend gerettet zu werden.

Der ehemalige Vorstand der Citigroup, Chuck Prince, hat das Prinzip des Finanzmarktkasinos, das alle Spieler einem Gruppendruck unterwirft, einmal treffend beschrieben. Kurz vor Ausbruch der Finanzkrise im Juli 2007 gab er der "Financial Times" zu Protokoll: "Wenn die Musik aufhört, wird es in Bezug auf die Liquidität schwierig werden. Aber solange die Musik spielt, muss man aufstehen und mittanzen. Wir tanzen noch." Zu diesem Zeitpunkt muss sich Prince beim Tänzchen bereits unwohl gefühlt haben. Einen Monat zuvor soll er sich beim damaligen amerikanischen Finanzminister Henry Paulson für eine härtere Regulierung der Finanzbranche ausgesprochen haben. "Kannst du nicht irgendetwas tun, damit wir nicht mehr gezwungen sind, die ganzen Risiken einzugehen?", zitiert Paulson den Ex-Citigroup-Chef in seinen Memoiren zur Finanzkrise.

In einer besseren Finanzwelt würden die Finanzinstitute glauben, dass im Verlustfall ihnen keine Regierung und keine Zentralbank hilft. Dann wäre ein Finanzinstitut in seinen Investitionsentscheidungen wohl vorsichtiger. Es würde nicht mit riesigem Kredithebel auf bestimmte Entwicklungen setzen. Einseitige große Risikopositionen würde es meiden. Und Spekulationsblasen wahrscheinlich auch.

Aber warum sollen die Finanzinstitute glauben, dass der Staat und die Zentralbanken im Zweifel nicht helfen? Nehmen wir dazu einmal an, dass die überwiegende Anzahl von Finanzinstituten tatsächlich der Anlagestrategie eines konservativen Bankiers folgt und ihre Investitionen auf möglichst viele unterschiedliche Anlagen verteilt. Wenn ein großes Finanzinstitut davon ausgeht, dass alle anderen Finanzinstitute ihre Investitionen in dieser Weise gut absichern und keine einseitigen Großrisiken eingehen, dann verändern sich die Anreize für dieses Institut. Es kann sich ausrechnen, dass auch ihm nicht geholfen wird, wenn es in die Schieflage gerät. Denn da die anderen Institute gut und sicher aufgestellt sind, führt der Konkurs eines einzelnen Instituts nicht zu einem Systemkollaps. Wenn dem Institut aber nicht geholfen wird, dann lohnt sich auch das Eingehen großer Wetten nicht mehr. In einer Welt, in der alle anderen nicht wetten, hat auch das einzelne Institut keinen Anreiz mehr, riskante Wetten einzugehen.

Wenn wir eine solche "gesunde" Welt der Finanzmärkte erreichen, dann verändert sich auch die Systemrelevanz von Staaten der Größe Griechenlands: In einer gesunden Finanzwelt haben alle Investoren ihre Risiken breit gestreut. Griechenlands Staatsschulden haben am Weltkapitalmarkt einen Anteil in der Größenordnung von deutlich unter 0,3 Prozent. In Bezug auf die Staatsschuld der USA von rund 12.000 Milliarden Dollar hat Griechenland mit rund 300 Milliarden Euro einen Größenanteil von unter vier Prozent. Wenn Investoren also ihre Risiken breit über unterschiedliche Länder und Formen von Kapitalvermögen streuen streuen würden, hätte wohl kaum jemand in seinem Portfolio mehr als ein Prozent Griechenlandanleihen. Sollte in dieser Situation Griechenland seine Zahlungen verweigern und in Umschuldungsverhandlungen eintreten, würde dadurch kaum ein Investor ruiniert werden.

Wie das Finanzmarktkasino geschlossen wird, ist eine spannende Frage. Sie steht ohnehin auf der Tagesordnung. Viele Vorschläge liegen auf dem Tisch. Die meisten Entwürfe zielen direkt darauf ab, Anreize der Eigentümer zu verändern und die Systemrelevanz von Banken und anderen Finanzinstituten zu beseitigen. Zu den Maßnahmen gehören zum Beispiel die Größenbegrenzung für einzelne Institute, höhere Eigenkapitalanforderungen, die Abschirmung des Privatkundeneinlagegeschäfts von möglichen Bankenpleiten und Möglichkeiten der Regulierungsbehörden, sich bei aufziehenden Schieflagen frühzeitig ins operative Geschäft einzumischen, bis hin zur Möglichkeit der Enteignung, wenn bestimmte Sicherheitsgrenzen unterschritten werden. Diese Maßnahmen beteiligen die Eigentümer stärker als bisher an möglichen Verlusten. Das wird ihre ihre Bereitschaft verändern, erhebliche Risiken einzugehen.

Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass sich das Wettverhalten der Finanzinstitute im Finanzmarktkasino genauso gegenseitig verstärkt und stabilisiert, wie sich das vorsichtige und sorgfältig diversifizierende Anlageverhalten der einzelnen Akteure in "gesunden" Finanzmärkten gegenseitig stabilisiert. Ist der Übergang zu einem System ohne Finanzmarktkasino also erst einmal geglückt, gibt es Kräfte, die diese Situation stabilisieren.