Geldpolitik

Steht die EZB vor einer Euro-Zinserhöhung?

Vor der monatlichen Zinssitzung steigt die Spannung. Wird die Zentralbank an der Euro-Zinsschraube drehen? Ökonomen halten das für gefährlich.

Foto: ddp / ddp/DDP

Es waren überraschend deutliche Worte: Angesichts der steigenden Preise werde die Notenbank handeln und sich dabei auch nicht von der Schuldenkrise einiger Euro-Länder abhalten lassen, machte Jürgen Stark, Chefvolkswirt der Europäischen Zentralbank (EZB), deutlich. Innerhalb der Euro-Zone müssten Preissteigerungen nun einmal "signifikant stärker eingedämmt“ werden als zum Beispiel in Schwellenländern, legte tags darauf Starks EZB-Kollege Lorenzo Bini Smaghi nach.

Die Finanzmärkte staunten nicht schlecht. Dass europäische Spitzennotenbanker in den vergangenen Tagen so deutlich vor einer möglichen Inflation warnten, damit hatten sie nicht gerechnet. Schon machten erste Gerüchte die Runde: Wird die EZB womöglich doch früher als erwartet die Zinsen erhöhen? Muss sie nicht sogar bald einschreiten, wenn die Preise weiter so stark steigen?

Keine Frage, der Druck auf die Währungshüter, die am Donnerstag in Frankfurt zu ihrer monatlichen Zinssitzung zusammenkommen, ist deutlich gestiegen. Steigende Preise sorgen innerhalb der EZB für Inflationssorgen. So sind die Produzentenpreise in der Euro-Zone Ende 2010 stärker gestiegen als erwartet. Die Erzeuger von Energie, Lebensmitteln, Metallen und anderen gewerblichen Produkten erhöhten ihre Preise im Dezember um durchschnittlich 5,3 Prozent, wie Eurostat mitteilte.

Anfang der Woche hatte bereits die erste Schätzung für die Inflationsrate im Januar die Alarmglocken in der EZB läuten lassen. Vor allem aufgrund steigender Öl- und Nahrungsmittelpreise ist die Teuerungsrate auf 2,4 Prozent nach oben geschnellt. Mehr, als die Währungshüter zulassen wollen. Die EZB sieht Preisstabilität gewährleistet, wenn die Teuerungsrate nahe, aber knapp unter zwei Prozent liegt. Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, hält es sogar für möglich, dass die Inflationsrate auf bis zu vier Prozent steigen wird.

Doch nicht nur die Preisentwicklung macht der EZB zu schaffen. „Es ist auch die Gefahr für die Finanzstabilität, die von einer zu langen Superniedrig-Zinsphase ausgehen könnte“, sagt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Dekabank. Allerdings kann die EZB mit diesen Sorgen nicht argumentieren, weil solche Überlegungen nicht in ihrem geldpolitischen Konzept verankert sind. Doch trotz der derzeit zu hohen Inflationsrate und trotz möglicher Gefahren für die Finanzstabilität wird die EZB vorerst an ihrem Rekord-Tiefzinssatz von einem Prozent aller Voraussicht nach nicht rütteln. „Es wäre verfrüht, Zinserhöhungen vorzubereiten. Die Lage in Europa ist alles andere als sicher“, sagt Jürgen Michels, Europa-Chefvolkswirt der Citigroup.

Dass die EZB mit Zinsanhebungen noch warten muss, hat mehrere Gründe: Da sind zum einen die angeschlagenen Banken. Müssten sie sich teuer refinanzieren, könnte das einige Risiken mit sich bringen. Die EZB steckt zudem in dem Dilemma, dass sie für wachstumsstarke Staaten wie Deutschland den Leitzins eigentlich schon wieder erhöhen müsste – während dies in vielen der schwächelnden Südländer die wackelige Konjunktur abwürgen würde.

Doch selbst wenn sich die Notenbanker über all diese Einwände tatsächlich wie offiziell propagiert hinwegsetzen würden: Noch ist auch die Gefahr, dass die Inflationsrate den Währungshütern außer Kontrolle gerät, nach Ansicht vieler Experten gering. Die schlechte Wirtschaftsentwicklung in den Schuldenstaaten sorgt dafür, dass der Preisauftrieb gedämpft wird. Zudem sei die Kerninflationsrate, also die Teuerungsrate ohne Energie- und Lebensmittelpreise, noch recht niedrig, sagt Christian Dreger, Konjunkturexperte vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).

Viele Beobachter erwarten zudem, dass sich der Preisauftrieb im Jahresverlauf wieder etwas abschwächen wird. Jim O'Neill von Goldman Sachs hält die Inflationssorgen insbesondere in Deutschland für übertrieben: „Wenn ihr euch im Aufschwung keine Sorgen über Inflation machen würdet, würde ich mir Sorgen um euch machen“, sagte er etwas lakonisch auf einer Veranstaltung in Frankfurt.

Dennoch: Die Währungshüter sind beunruhigt. Etliche Beobachter glauben deshalb anders als noch vor ein paar Monaten, dass die EZB bereits ab Mitte des Jahres Zinserhöhungen in Erwägung ziehen könnte. Michels etwa rechnet mit einer Zinserhöhung im Spätsommer, sozusagen als Abschiedsgeschenk für Präsident Jean-Claude Trichet, der im Oktober seinen Stuhl räumen muss. Kater hatte zwischenzeitlich nicht ausgeschlossen, dass die EZB bereits im Juli die Zinsen erhöhen wird. „Inzwischen glaube ich aber, dass angesichts politischer Risiken der Spielraum für frühe Zinserhöhungen wieder geringer ist.“

Viel wird davon abhängen, ob es den Euro-Staaten gelingen wird, in den nächsten beiden Monaten die Euro-Krise durch eine Neugestaltung des Rettungsschirms zu entschärfen. Kommt der große Wurf, wird dies auch die Arbeit der Notenbanker erleichtern. Außerdem hoffen die Notenbanker darauf, dass sich der Bankensektor weiter erholen wird. Laut der Bundesbank halten die Banken aus Vorsichtsgründen deutlich weniger Geld vor. Der Wert sei seit Anfang des Jahres 2009 von 300 auf 30 Mrd. Euro gesunken.