Wirtschaftsmacht

China verdrängt schwächelndes Japan von Platz zwei

China hat Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft abgelöst. Doch der Boom schürt in Peking die Angst vor Konjunkturüberhitzung.

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China wird aller Voraussicht in diesem Jahr Japan als zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Das ist die Meinung vieler Ökonomen, nachdem bekannt wurde, dass die japanische Wirtschaft im Frühjahr praktisch nicht mehr gewachsen ist. Im zweiten Quartal wuchs die japanische Wirtschaftsleistung um 0,1 Prozent und damit weit schwächer als von Volkswirten erwartet. Zwar verkaufen die japanischen Unternehmen weiterhin viel ins Ausland, aber nicht mehr soviel wie im ersten Quartal. Zudem hat die Nachfrage aus dem Inland stark abgenommen, weil die staatlichen Konjunkturpakete ausgelaufen sind. Im Vergleich der größten Volkswirtschaften ist die japanische damit im Frühjahr am schwächsten gewachsen.

Angesichts eher trüber Wachstumsaussichten wird wahrscheinlicher, dass Japan im Laufe des Jahre von China überholt wird. Betrachtet man nur die vergangenen drei Monate, so ist es bereits soweit: „Japan ist im zweiten Quartal auf den dritten Platz in der Liga der größten Volkswirtschaften abgerutscht“, sagt Stefan Große, Volkswirt bei der Nord/LB. Die japanische Wirtschaft hat von April bis Juni Güter und Dienstleistungen im Wert von 1288 Milliarden Dollar erarbeitet; in China waren es 1337 Milliarden Dollar.

Die japanische Politik hält es allerdings für verfrüht, bereits jetzt Änderungen in der Hackordnung der Weltwirtschaft auszurufen: Man müsse erst auf die Zahlen des Gesamtjahres warten, sagte Staatssekretär Keisuke Tsumura in Tokio. Vorher werde Japan den Titel der zweitgrößten Volkswirtschaft nicht hergeben. Analysten erwarten allerdings, dass die japanische Wirtschaft auch in den kommenden Monaten nur schwach wachsen wird. Zwar hat sich zuletzt die Stimmung in den Unternehmen stark gebessert; im Frühsommer haben Manager über alle Branchen hinweg mit höheren Gewinnen gerechnet: Um durchschnittlich 20 Prozent sollen sie in den kommenden Monaten steigen.

Getrieben wurde das Wachstum aber in den vergangenen Monaten vor allem durch die Nachfrage aus dem Ausland; Chips und Autos aus Japan waren vor allem in China und anderen asiatischen Staaten gefragt. Der starke Yen könnte diesen Exportmotor in den kommenden Monaten zum Stottern bringen, weil er japanische Güter im Ausland teurer macht. In der vergangenen Woche war der Yen so teuer wie seit 15 Jahren nicht mehr. Analysten erwarten auch, dass die Nachfrage aus den USA abnehmen wird, weil sich dort das Wirtschaftswachstum verlangsamt.

Die Nachfrage aus dem Inland wird weiter schwach bleiben, weil die Verbraucher angesichts des anhaltende Preisverfalls mit Anschaffung abwarten. Zuletzt hatte die Regierung die Haushalte mit Prämien zum Geldausgeben animiert, aber angesichts der hohen Staatsverschuldung fehlt dem Staat das Geld für weitere Konjunkturpakete. Die japanischen Staatschulden sind doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung. Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat die Bank von Japan den Leitzins bereits nahe Null gesenkt und Wertpapier-Ankaufprogramme gestartet. An den Kapitalmärkten wird nun über weitere Schritte spekuliert: Als der Yen vergangenes Jahr in Rekordhöhen gestiegen ist, hatte die Notenbank eine Notfallsitzung einberufen und den Geldhahn aufgedreht.

Chinas Regierung befürchtet Überhitzung

Chinas Wirtschaft wächst dagegen so stark, dass die Regierung bereits fürchtet die Konjunktur könne überhitzen: Im Frühjahr wuchs die Wirtschaftsleistung um 10,3 Prozent und Analysten erwarten, dass sie im laufenden dritten Quartal noch einmal um 9,2 Prozent zulegt. Die Abkühlung ist von der Regierung in Peking gewollt; denn sie will verhindern, dass die Wirtschaft heißläuft und sich am Immobilienmarkt eine gefährliche Blase bildet.

Nach anderer Messart hat China Japan ohnehin schon überholt. Statistiker messen nämlich die Wirtschaftsleistung häufig nicht in absoluten Zahlen, sondern in Kaufkraftparitäten. Das heißt, sie berücksichtigen, wie teuer Güter und Dienstleistungen im jeweiligen Land sind. Gemessen daran, was Chinesen sich für ihre Wirtschaftsleistung im eigenen Land kaufen können, ist China bereits die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt – nach den USA, die immer noch an erster Stelle liegen. Ein reiches Land ist China allerdings noch nicht; denn das sehr hohe Bruttoinlandsprodukt wird von mehr als einer Milliarde Menschen erwirtschaftet. Zum Vergleich: Japan hat nur rund 100 Millionen Einwohner. Dementsprechend gering ist das BIP pro Kopf in China: Im Schnitt erwirtschaftet jeder Chinese 4000 Dollar im Jahr; jeder Japaner ungefähr zehnmal so viel.