Projekt Desertec

Solarkraft aus Afrika bleibt Zukunftsmusik

Die Sonne als Lösung für Europas Energieprobleme: 15.000 Quadratkilometer und 30 neue Starkstromleitungen wären nötig. Doch noch ist alles eine Vision.

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Mancher Mythos ist aufgekommen, seit vor einem Jahr die Idee bekannt wurde: Strom aus der Wüste, „Desertec“. Ein Konzept, das Europas Energieprobleme auf ewig lösen könnte, heißt es hier. Der Stein der Weisen, der Sonnenstrahlen in mehr Strom umwandelt, als die Welt je verbrauchen kann, schwärmt dort ein anderer.

Das europäische Firmenkonsortium um die Münchener Rück, Siemens, die Deutsche Bank und RWE sowie acht weitere Mitglieder, die im vergangenen Jahres die „Desertec Industrial Initiative“ (DII) gegründet haben, hat das Ziel, 15 Prozent des europäischen Strombedarfs aus neuen solarthermischen Anlagen in Afrika über ein gigantisches Kabelnetzwerk zu importieren. Denn der Stromanteil in der Energieversorgung wird in den nächsten Jahrzehnten deutlich zunehmen. Ein guter Teil unserer Mobilität etwa wird elektrisch betrieben werden. Auch dafür käme der Wüstenstrom gerade recht.

Dass aber alles bald in Gang käme, dafür gibt es derzeit keine Anzeichen. Denn seit der spektakulären Veröffentlichung des Vorhabens üben sich die Beteiligten in Zurückhaltung. Ein kleines Büro in München mit acht Angestellten koordiniert die kaum spürbaren Vorbereitungen und Initiativen aus den Häusern des Konsortiums.

Dabei klingt die Idee durchaus einleuchtend. Keine Solarzellen sollen in den Wüstengebieten Nordafrikas entstehen. Denn bei dem Projekt geht es nicht um Fotovoltaik, also nicht um die direkte Umwandlung von Sonnenstrahlen in Strom, sondern um Solarthermie: Wasser wird dabei in Rohren mithilfe von Spiegeltechnik stark erhitzt, der entstehende Wasserdampf treibt Turbinen an, die Strom produzieren.

15.000 Quadratkilometer Fläche werden benötigt, in etwa die Fläche Schleswig-Holsteins. Allein der größte Wüstenstaat Nordafrikas, Algerien, ist 150-mal so groß. Die zweite technische Herausforderung werden etwa 30 Starkstrom-Überlandleitungen sein, die die Energie fünf- bis sechstausend Kilometer in die europäischen Zentren transportieren sollen.

Der besondere Vorteil dieser Technik: Anders als bei der Fotovoltaik, die nichts liefern kann, wenn die Sonne untergegangen ist, weil die Speicherung nur sehr unzulänglich funktioniert, lässt sich Energie bei der Solarthermie aufbewahren. Lediglich die Wärme muss schließlich konserviert werden, in verflüssigtem Salz. Was also könnte gegen das große Projekt „Desertec“ sprechen, das keine fossilen Brennstoffe mehr verfeuert, kein Kohlendioxid erzeugt, ein Paradebeispiel der erneuerbaren Energien darstellt? Die 400 Milliarden Euro, die – nach heutiger Rechnung – an Fördermitteln bis 2050 anfallen würden, klingen zwar nach sehr viel Geld, wären aber nach den jüngsten Staatshilfen zur Stützung der Konjunktur und des Bankensystems nicht mehr als exorbitant zu bezeichnen. Pro Jahr liefe es auf zehn Milliarden für ganz Europa hinaus.

Die ersten, äußerst massiven Einwände kamen bemerkenswerterweise aus der Ecke, die seit Jahr und Tag für die stärkere Förderung von Solarstrom eintritt. Hermann Scheer, Bundestagsabgeordneter und Präsident von Eurosolar, einem mächtigen Lobbyverein für die Förderung von Fotovoltaik, bezeichnete das Ganze als „Fata Morgana“, fürchtete große Stromverluste bei den weiten Leitungen, und schoss vor allem dagegen, weil Großkonzerne tätig seien. Seiner Meinung nach müsse die Energiewende von kleinen und mittelständischen Betrieben getragen werden – ein Argument, das auf die Struktur von Scheers Verein Eurosolar zugeschnitten ist. Das zeigt, wie in der Debatte um Klimawandel und Energiewende auch auf der „grünen“ Seite Geld und Lobbyinteressen eine Rolle spielen können. Denn es geht um die Förderung der . Und da könnte über die 100 Milliarden Euro disktutiert werden, mit denen deutsche Stromkunden im Rahmen des Erneuerbare-Energien-Gesetzes in den nächsten 20 Jahren die Fotovoltaik über den Marktpreis hinaus subventionieren. Schließlich liefert die Fotovoltaik gerade mal ein Prozent der deutschen Stromversorgung.

Allerdings sind auch längst nicht alle technischen und vor allem logistischen Probleme des Großprojektes gelöst. Allein das Leitungsnetz birgt noch große Unsicherheiten. Wo sollen die 30 Kabel – überirdisch – entlanglaufen? So stockt seit Jahren beispielsweise ein Pilotprojekt in Spanien, das Strom nach Frankreich bringen soll, weil sich beide Länder nicht auf eine Leitungstrasse über die Pyrenäen einigen können. Und: Der geplante Gleichstrom ist sicher weniger anfällig für Transportverluste über lange Strecken. Aber werden sich diese wirklich wie geplant auf einstellige Prozentzahlen begrenzen lassen? Oder wird doch ein Drittel verloren gehen, wie manche Experten befürchten? Und wie wird sich der Sand auf den empfindlichen glatten Oberflächen auswirken? Kein Problem, sagen die Strategen, es gebe genügend steinige Regionen ohne Wanderdünen im Gebiet.

Am schwierigsten auszuräumen sind bislang aber politische Bedenken: Wie stabil sind die Länder, die das Projekt betrifft? Und wie anfällig sind sie für terroristische Angriffe? Die Desertec-Anlagen sollen auch den Ländern, in denen sie errichtet werden, Strom bereitstellen. Und so wird ein Teil der 400 Milliarden Euro in einen Topf fließen müssen, aus dem der bislang so extrem niedrige Strompreis von Ägypten bis Marokko – teilweise ein Cent pro Kilowattstunde – billig gehalten werden kann.