„Die Mehrheit der Befragten erwartet keine spürbare Erholung vor Mitte 2010“, heißt es in der Untersuchung, die beim Morgenpost Online-Restrukturierungskongress präsentiert wurde.
Allerdings bleibt die Zahl der Firmen hoch, die eine nachhaltige Verbesserung der wirtschaftlichen Lage erst im nächsten Jahr erwarten. 22 Prozent der Unternehmen halten eine Erholung erst nach 2010 für wahrscheinlich, sagte Roland-Berger Berater Nils Kuhlwein von Rathenow. Zusammen mit führenden Branchenvertretern der Insolvenz- und Restrukturierungsbranche diskutierte Rathenow zwei Tage lang über die neuesten Entwicklungen, politische Reformen und die Refinanzierungsprobleme der deutschen Unternehmen. Insgesamt 29 Referenten nahmen an dem Branchentreffen teil.
Schwerpunkt der Tagung war die steigende Zahl der Firmeninsolvenzen. „Es wird eine Pleitewelle geben. Das ist klar. Die Frage ist nur, wie schwer sie ausfallen wird“, sagte Peter Hoegen von der Wirtschaftskanzlei Allen & Overy. Denn für viele Unternehmen käme die konjunkturelle Erholung zu spät. Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform erwartet bis zu 40.000 Firmenpleiten im aktuellen Geschäftsjahr. Das wäre ein Nachkriegsrekord. In Europa hat die Zahl der Unternehmenskonkurse 2009 bereits einen neuen Höchststand erreicht. Im Pleiteranking nimmt Deutschland mit 34.300 den zweiten Platz hinter Frankreich ein, wo es fast 56.000 Firmeninsolvenzen gab. Den letzten Spitzenwert in der Bundesrepublik gab es in den Jahren 2002 und 2003 mit jeweils rund 39.000 Unternehmenskonkursen.
Für den Roland-Berger-Manager Rathenow wäre ein Großteil der Firmenpleiten vermeidbar, wenn die Unternehmensführungen Krisenanzeichen früh genug erkennen und entsprechend handeln würden. „Viele hoffen aber auf Besserung und wollen die eigene Krise nicht erkennen oder wahrhaben.“ Das würde die Lage noch weiter verschärfen, in vielen Fällen sei dann eine Rettung kaum noch möglich. Im Branchenüberblick fällt die Krisenführerkennung dabei sehr unterschiedlich aus. „Die Energiebranche benötigt nahezu dreimal so viel Zeit wie der Einzelhandel, um auf Krisen zu reagieren“, sagt Rathenow. Seinen Schätzungen zufolge hätten zwei Drittel der deutschen Firmen überhaupt kein solches System; das gelte vor allem für kleine und mittlere Unternehmen.
Die Insolvenz- und Restrukturierungsexperten forderten politische Reformen und eine Weiterentwicklung der deutschen Insolvenzordnung, um der drohenden Pleitewelle entgegenzuwirken. Mehrere Teilnehmer kritisierten etwa die Probleme, die allein durch Strukturen und Besetzung der Insolvenzgerichte entstehen. So komme es in vielen Fällen zu Verzögerungen in der Bearbeitung, weil die Gerichte entweder unterbesetzt seien oder die fachliche Kompetenz fehle. „Es wäre ein entscheidender Schritt nach vorne, wenn es zu einer Bildung von Insolvenzschwerpunktgerichten kommen würde“, sagte Konkursverwalter Detlef Specovius von der Insolvenzkanzlei Schulze und Braun. In den ostdeutschen Bundesländern sei dies schon längst geschehen. Der Westen hingegen habe Nachholbedarf.
Für Frank Nikolaus, Chef der Turnaround Management Association, forderte eine Überprüfung der Vergütungssysteme für die Insolvenzverwalter. „Wir brauchen mehr Anreize für die Verwalter, die ein Unternehmen aufwendig sanieren und nicht bloß abwickeln.“ Bisher zeichne sich das Entlohnungssystem genau durch das Gegenteil aus. Auch Hoegen sieht die Notwendigkeit zur Reform der Vergütung. Verwalter sollten danach bezahlt werden, ob sie ein Unternehmen erfolgreich sanieren und auch nach der Zahl geretteter Jobs.




