Ägypten

Deutsche Konzerne üben sich in Durchhalteparolen

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Florian Hassel

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Siemens, Metro und Co. setzten große Hoffnungen auf Nordafrika: Hohes Wachstum, niedrige Löhne und stabile Verhältnisse sprachen für die Region. Nun müssen sie umdenken.

Es war nicht das beste Timing für den Metro-Konzern. Vor einem halben Jahr erst eröffnete der deutsche Handelsriese in Kairo seinen ersten „Makro“-Großmarkt in Ägypten. Drei Monate später folgte der zweite Markt. Und die Düsseldorfer planten Großes: Bis 2015 wollten sie in Ägypten bis zu zehn, langfristig gar bis zu 20 Großmärkte eröffnen.

Dann kam der Aufstand gegen die Herrschaft von Präsident Husni Mubarak. Die Metro-Mitarbeiter verstärkten die Sicherheitsmaßnahmen, doch am Freitagabend half auch das nichts mehr: Der Ende Juni eröffnete Markt wurde von Hunderten Ägyptern gestürmt, geplündert und in Brand gesteckt. Tags darauf traf es den zweiten „Makro“-Markt: Er wurde nicht niedergebrannt, aber geplündert.

Die wenigen ausländischen Mitarbeiter mit ihren Familien – rund 20 Personen – wurden ausgeflogen, 700 ägyptische Beschäftigte bleiben zunächst zuhause. Jetzt klären die Metro-Manager, ob ihre Versicherung den Plünder-Schaden bezahlt. Im Hintergrund bereiten die Düsseldorfer Wiederaufbau und Wiedereröffnung vor. Und kehrt bald wieder politische Stabilität ein, wollen die Metro-Manager allein 2011 vier weitere Großmärkte in Kairo und Alexandria eröffnen.

„Aktuell ist die Lage natürlich dramatisch“, sagt Sprecher Peter Wübben. „Niemand weiß derzeit, wer künftig das Land führen wird, wer in den Ministerien sitzen und unser Ansprechpartner sein wird. Aber generell hat sich damit ja nicht die positive wirtschaftliche Perspektive für Ägypten geändert – jedenfalls nicht, wenn Unsicherheit und Chaos beendet sind.“

Mit weit über 80 Millionen Einwohnern ist Ägypten das einwohnerstärkste Land der arabischen Welt, seine Wirtschaft wuchs zuletzt um sechs Prozent. Ägypten und andere, ebenfalls stark wachsende arabische Länder haben an Bedeutung gewonnen: als billiger Produktionsstandort, wachsender Absatzmarkt deutscher Produkte oder Bauleistungen, als Tourismusziel und als Lieferant von Öl und Gas.

Insgesamt machte der deutsche Außenhandel mit der Region 2009 erstmals über 40 Milliarden Euro aus. Für sich genommen aber spielt Ägypten trotz des Wachstums für die meisten deutschen Unternehmen nur eine Nebenrolle. Ende 2008 machten deutsche Direktinvestitionen im Land der Pharaonen nur 403 Millionen Euro aus. Im ersten Halbjahr 2010 exportierten deutsche Firmen nach Ägypten Waren von gut 1,5 Milliarden Euro.

Aktuell dominieren die Krisenmeldungen aus Ägypten, fliegen viele westliche Unternehmen Mitarbeiter aus, haben ihre Produktion gedrosselt oder eingestellt. Die Hamburger RWE Dea, die für Öl- und Gasförderung zuständige Tochter des RWE-Konzerns, flog 90 Beschäftigte und ihre Familienangehörigen aus; die Förderung auf drei Ölfeldern im Golf von Suez läuft zunächst ebenso weiter wie die Erforschung von Gasvorkommen. VW stellte die Teilelieferung nach Ägypten ein; Daimler und BMW stoppten Kleinproduktionen.

Auch der Henkel-Konzern hielt die Produktion in einem Klebstoffwerk und in einer Waschmittelfabrik an. 850 Mitarbeiter müssen bis auf weiteres nicht zur Arbeit kommen. Den 20 Beschäftigten aus Europa wurde freigestellt, das Land zu verlassen. „Etwa die Hälfte von ihnen hat sich bisher ausfliegen lassen“, sagte ein Henkel-Sprecher. Ähnlich ist es beim Siemens-Konzern, in Ägypten mit 480 Mitarbeitern vertreten.

Siemens stellt in einem kleinen Werk in Kairo Leistungsschalter für Hochspannungstechnik her und vertreibt medizinische Produkte und Schaltanlagen für das ägyptische Stromnetz. Von den mehreren Dutzend europäischen Mitarbeitern sind die meisten ausgeflogen. Den einheimischen Mitarbeitern wurde geraten, die von der Regierung verhängte Ausgangssperre einzuhalten, wenn möglich, von zuhause arbeiten. Beim auf den Bau und Betrieb von Telefonnetzen spezialisierten Gemeinschaftsunternehmen Nokia Siemens Networks werden von 400 Mitarbeitern in Ägypten 55 Ausländer seit Dienstagmorgen ins Golfemirat Dubai ausgeflogen.

Für die Nürnberger Firma Leoni ist die Entwicklung in Ägypten und der Region mitentscheidend über Wohl und Wehe: Schließlich beschäftigen die Nürnberger in Ägypten, Tunesien und Marokko gleich 24.000 Menschen bei der Herstellung von Kabelsätzen für die europäische Autoindustrie. Der Grund: „Wir haben wie andere Unternehmen, die in der Region produzieren, bisher von den stabilen Verhältnissen und den niedrigen Löhnen profitiert“, sagt Firmensprecher Sven Schmidt. „In Ägypten zum Beispiel sind die Löhne deutlich niedriger als in Osteuropa.“

Allein in Kairo zählt Leoni 4000 Mitarbeiter. Am Sonntag und Montag kamen nur ein Fünftel von ihnen ins Werk: „wegen der Ausgangssperre, weil der öffentliche Nahverkehr ausfiel oder weil unsere Mitarbeiter ihre Häuser gegen mögliche Plünderer verteidigen wollten“, sagt Schmidt. Einige Wochen zuvor war Leoni in Tunesien noch stärker betroffen: Dort beschäftigt der Autozulieferer gleich 12.000 Mitarbeiter in vier Werken. Auch dort sackte die Produktion während der Revolte gegen Diktator Ben Ali ab.

Den Nürnbergern war klar, dass der Aufstand in Tunesien auf andere Länder übergreifen könnte: „In Kairo erhöhten wir die Produktion stark. Jetzt haben wir einen Vorrat für zwei bis drei Wochen – selbst wenn die Produktion stoppen sollte“, sagt Schmidt. Wie in Tunesien holt Leoni die einheimischen Arbeiter jetzt mit eigenen Bussen von zu Hause ab – und richtet die Schichtzeiten nach Anfang und Ende der Ausgangssperre ein. Die Leoni-Aktie, die am Montag fünf Prozent abstürzte, holte am Dienstag einen Teil der Verluste wieder auf.

Hoffen auf das tunesische Beispiel

„Noch stellen wir unsere Entscheidung für die Region nicht in Frage“, sagt Schmidt. „Das Beispiel Tunesien zeigt ja, dass selbst nach einer Revolte schnell wieder Stabilität einkehren kann. Unsere Produktion dort läuft wieder völlig normal.“

Das gilt auch für die Mönchengladbacher Firma van Laack, die in der tunesischen Hafenstadt Bizerte teure Hemden, Blusen und Krawatten nähen lässt. Die tunesischen Näherinnen verdienen umgerechnet bis zu 600 Euro – fast das Dreifache des tunesischen Mindestlohnes. Bei der Revolte blieb die Fabrik eine Woche geschlossen, die 750 Mitarbeiter zu Hause. Jetzt läuft die Produktion wieder. „Das einzige Problem ist etwas Verzögerung bei der Abfertigung an der Grenze, wegen noch immer verschärfter Sicherheitsmaßnahmen“, sagt Produktionsmanager Sebastian Potyka.

Tourismus ist entscheidend

Nicht alle Wirtschaftsbereiche freilich laufen so störungsarm weiter. In Tunesien sorgen Touristen für sieben Prozent der Wirtschaftsleistung; Ägypten bringen die Touristen gar Einnahmen in Höhe von elf Prozent der Wirtschaftsleistung. Deutschlands drei größte Reiseveranstalter Tui, Rewe und Thomas Cook-Neckermann legten erst Reisen nach Tunesien auf Eis, dann sagten sie Anfang dieser Woche alle Reisen und Ausflüge nach Kairo ab und boten Gästen die kostenlose Umbuchung oder Absage ihrer bis zum 7. Februar gebuchten Ägypten-Reisen an.

Bei Thomas Cook zum Beispiel hat bisher bei „ein paar Tausend gebuchten Reisen“ jeder zweite Kunde abgesagt, so eine Sprecherin. Freilich: Sowohl der tunesische wie der ägyptische Tourismus haben sich nach früheren, teils drastischen Einbrüchen durch Terroranschläge wieder erholt. Breitet sich die Unzufriedenheit mit den heimischen Herrschern in Nordafrika und dem Nahen Osten allerdings aus, könnte das Geschäft deutscher Unternehmen auch anderswo einbrechen: zum Beispiel in Algerien, das gleichfalls unter hoher Korruption und Arbeitslosigkeit leidet.

Die Emirate am Golf immerhin wirken dank großzügiger Zahlungen an die Bevölkerung bisher ebenso stabil wie das reiche Saudi-Arabien. Saudi-Arabiens Scheichs lieferten deutsche Unternehmen in der ersten Jahreshälfte 2010 Waren von knapp 2,7 Milliarden Euro – fast das Doppelte des Ägypten-Geschäftes. Und in die Vereinigten Arabischen Emirate exportierten die Deutschen gleich Güter und Waren für knapp 3,4 Milliarden Euro.

Mitarbeit: Jens Hartmann, Birger Nicolai, Hagen Seidel