Energieversorger

So will sich die Gasag neu erfinden - mit Strom

Das Gasgeschäft schrumpft, die Gasag braucht neue Ideen: Co-Chef Andreas Prohl spricht mit Morgenpost Online über das geplante Stromgeschäft und warum das Traditionsunternehmen neue Wege gehen muss.

Foto: Reto Klar

Die Gasag bietet bald Strom in Berlin an. Andreas Prohl, der gemeinsam mit seinem Vorstandskollegen Olaf Czernomoriez den Berliner Gasversorger führt, erklärt Hans Evert, warum sich das Traditionsunternehmen neue erfinden muss.

Morgenpost Online: Herr Prohl, Ihren Kunden haben Sie gleich zu Beginn der Heizsaison die Laune verdorben und die Preise um 13 Prozent angehoben. Wird es im Winter noch einmal teurer?

Andreas Prohl: Wir gehen nicht davon aus, dass in dieser Periode weitere Preisschritte erfolgen. Man darf auch nicht vergessen, dass wir im vergangenen Jahr die Preise um mehr als 25 Prozent gesenkt haben und dieses niedrige Preisniveau bis zum Herbst 2010 sichern konnten.

Morgenpost Online: Und nach der Heizperiode?

Andreas Prohl: Auch danach sehen wir aus heutiger Sicht keine Preiserhöhungen.

Morgenpost Online: Jenseits aktueller Preisdiskussionen: Das Geschäft mit Gas nimmt von Jahr zu Jahr ab. Häuser werden gedämmt, moderne Kessel verbrauchen weniger Gas. Zudem sind Pellets und Fernwärme harte Konkurrenten beim Heizen. Brauchen Sie nicht ein neues Geschäftsmodell?

Andreas Prohl: In der Tat, und das haben wir. Zur Ausgangslage: Modernisierungen und Klimaschutzmaßnahmen führen dazu, dass der Wärmemarkt – unser Stammgeschäft – deutlich schrumpfen wird. Man braucht künftig zum Heizen weniger Energie. Bei Strom jedoch sieht es anders aus. Auch da gibt es Einsparungen, jedoch kommen auch immer wieder neue Anwendungen hinzu, besonders aus der IT-Technik. Der Stromverbrauch wird also eher konstant bleiben, der Energieverbrauch für das Heizen wird drastisch abnehmen. Daraus ziehen wir unsere Schlüsse.

Morgenpost Online: Sie wollen also auch in Berlin Strom verkaufen, wie es die Gasag bereits in Brandenburg tut?

Andreas Prohl: Ja, und zwar wollen wir in Berlin von uns produzierten Strom anbieten. Mit Partnern aus der Wohnungswirtschaft. Wir stellen in Wohnanlagen sogenannte Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen auf. Die Hauseigentümer bekommen die Wärme zum selben Preis wie bisher. Gleichzeitig wird Strom produziert, und den bieten wir den Mietern an. Diese dezentrale Energieerzeugung spart Stromsteuer, man hat keine Netznutzungsentgelte und die Produktion geschieht direkt beim Kunden vor Ort. Diese Anlagen können wir mit Erdgas oder mit Bio-Erdgas aus eigener Produktion betreiben. Und das alles muss natürlich zu einem attraktiven Preis geschehen.

Morgenpost Online: Wie teuer soll der Gasag-Strom werden und wann soll das beginnen?

Andreas Prohl: Wir werden wohl fünf Prozent unterhalb eines Standardtarifs anbieten. Außerdem können wir den Kunden sagen. Schaut her, euer Strom kommt nicht aus einem anonymen Verbundnetz, sondern wird hier vor Ort produziert. Im Januar fangen wir damit an.

Morgenpost Online: Welche Wohnungsgesellschaften machen mit?

Andreas Prohl: Wir haben schon heute umfangreiche Geschäftsbeziehungen mit der Berliner Wohnungswirtschaft, egal, ob privat, genossenschaftlich oder städtisch. Mit denen reden wir und wir glauben, dass unser Angebot attraktiv genug ist. Wie attraktiv die dezentrale Kraft-Wärme-Kopplung ist, zeigt ja auch die Tatsache, dass Vattenfall …

Morgenpost Online: …der Marktführer in Berlin und Großaktionär bei Ihnen …

Andreas Prohl: … etwas Ähnliches anstrebt. Jetzt konkurrieren wir miteinander. Wir freuen uns auf den Wettbewerb und wollen nach fünf Jahren 100000 Stromkunden in Berlin haben.

Morgenpost Online: Damit ich das richtig verstehe: Es können nicht alle Berliner Ihren Strom kaufen, sondern nur diejenigen, die in einem Haus wohnen, in dem solch eine Anlage steht?

Andreas Prohl: Zunächst ja. Das kann aber auch an Mieter in der Nachbarschaft verkauft werden, ungefähr in einem Radius von vier Kilometern um eine solche Anlage herum. Weil wir in Berlin sehr viele Kunden haben, können Sie davon ausgehen, dass wir allen Berlinern ein Stromangebot machen werden, wenn ausreichend viele Anlagen installiert sind.

Morgenpost Online: Also vom 1. Januar kann jeder in der Stadt Gasag-Strom kaufen?

Andreas Prohl: Wir werden noch in diesem Herbst erste Verträge mit der Wohnungswirtschaft schließen, um dann ab 2011 den Mietern in und um die versorgten Objekte Strom anzubieten.

Morgenpost Online: Wie viel investiert die Gasag dafür?

Andreas Prohl: Insgesamt mehr als 50 Millionen Euro über fünf Jahre.

Morgenpost Online: Wie findet denn Ihr Gesellschafter Vattenfall Ihre Strom-Pläne?

Andreas Prohl: Wie auch Vattenfalls eigene Projekte belegen, finden alle die Idee der dezentralen Stromversorgung attraktiv. Und das sowohl aus Effizienz-, als auch aus Klimaschutzgründen. Wir haben uns schon vor Jahren in unserem Programm „Berlin verpflichtet“ die dezentrale Energieversorgung auf die Fahnen geschrieben. Jetzt ist der richtige Zeitpunkt, um hier weiter voranzugehen.

Morgenpost Online: Aber Sie verschärfen doch die Konkurrenz zu Vattenfall, die es heute schon gibt beim Wettbewerb Gas gegen Fernwärme.

Andreas Prohl: Der Vorstand muss die Geschäfte im Interesse des Unternehmens führen. Lassen Wettbewerb und die Umstände das Gasgeschäft schrumpfen, müssen wir uns nach Neuem umsehen. Vattenfall und wir stehen jetzt schon in harter Konkurrenz im Wärmemarkt, künftig eben auch im Strommarkt. Aber das ist in einem Wettbewerbsmarkt auch völlig normal.

Morgenpost Online: Auf dem Strommarkt tummeln sich schon heute viele Unternehmen, mehr als beim Gas. Werden Sie dann auch die ganze Spanne – vom Normalprodukt bis zum Ökostrom verkaufen?

Andreas Prohl: Unser erstes Produkt wird der in KWK-Anlagen produzierte Strom sein. Wenn es gut läuft, können wir auch Strom anbieten, der beispielsweise nur aus Biogas produziert wird. Sonnenstrom ist auch eine Option. In Mariendorf bauen wir bis Ende des Jahres die größte Photovoltaik-Freiflächenanlage in Berlin, mit einer Leistung von bis zu zwei Megawatt. Hier planen wir ein Bürgerbeteiligungsmodell, das heißt, jeder kann Anteile erwerben.

Morgenpost Online: Und was ist mit dem Gasgeschäft bei all Ihrer Begeisterung für Strom?

Andreas Prohl: Wir steigen jetzt auch in das Kleinanlagencontracting für private Gasheizungen ein und leisten so einen wichtigen Beitrag für die energetische Modernisierung im Immobilienbestand. Wenn ein Hausbesitzer seinen Kessel wechselt, kann er zur Bank gehen und mit dem Kredit eine neue Therme einbauen. Wir wollen das deutlich einfacher und schneller machen. Wir schicken einen Mitarbeiter vorbei, der prüft, dann kann der Austausch schnell erfolgen. Über die monatliche Gasrechnung wird der Kessel abbezahlt.

Morgenpost Online: Was bringt es Ihnen, den Leuten Heizkessel zu finanzieren? Das können doch Banken besser.

Andreas Prohl: Wir begreifen uns als kompletter Energiedienstleister. Modernisierung und effiziente Technologien sind ein großes Thema und deshalb machen wir zusammen mit Berliner Handwerksbetrieben dieses Angebot. Wir kümmern uns dabei auch um Finanzierungen der staatlichen Förderbank KfW. Das wird für die Kunden sehr komfortabel.

Morgenpost Online: Die Gasag verkauft und erzeugt Strom, finanziert Heizkessel, betreibt ein Sonnenkraftwerk, kümmert sich um intelligente Messung von Strom-, Gas- und Wasserverbrauch. Brauchen Sie noch das Gasgeschäft?

Andreas Prohl: Mittelfristig soll der Gasverkauf in Berlin weniger als 50 Prozent unseres Umsatzes ausmachen. Wir werden ein kompletter Energieversorger.

Morgenpost Online: Wenn das so ist: Geben Sie sich auch einen neuen Namen?

Andreas Prohl: Wir wollen uns als das Energieunternehmen aus Berlin positionieren. Was man da mit Namen und Werbung machen kann, diskutieren wir noch. Dabei ist und bleibt uns der Name Gasag, der für Tradition, für Berlinverbundenheit aber auch für Innovation steht, sehr wichtig.

Reto Klar