Postbank-Übernahme

Deutsche Bank fürchtet erstarkte Gewerkschaft

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Sebastian Jost

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Die Deutsche Bank fürchtet nach der Postbank-Übernahme die wachsende Macht der Gewerkschaft Ver.di. Sie könnte durch die Hintertür an Schlüsselposten gelangen.

Kaum waren die Wintermäntel abgelegt, war der Unterschied unübersehbar. Die Vertreter der Deutschen Bank waren zur ersten gemeinsamen Sitzung mit den Konzernbetriebsräten der Postbank erschienen wie zu jeder Sitzung: mit Anzug und Krawatte. Und sie staunten durchaus über den Aufzug des einen oder anderen Postbankers. „Dass man zu so einer Sitzung im groben Trachtenhemd mit offenem Kragen und ohne Jacke kommt, wäre bei uns niemandem eingefallen“, tuschelte man hinterher in Deutsche-Bank-Kreisen. „Und dann hatte der Herr das Hemd auch noch zwei Tage hintereinander an.“

Deutsche Bank trifft Postbank, internationale Finanzelite trifft Filialinstitut für Jedermann: Die kulturellen Unterschiede sind an allen Ecken und Enden offensichtlich. Und schon bald wird es um wesentlich ernstere Themen gehen als die Kleiderordnung.

Tausende Stellen stehen nach der Übernahme der gelben durch die blaue Bank zur Disposition, wenn die Konzernspitze um Vorstandschef Josef Ackermann ihre Sparziele erreichen will. Doch die ersten Reibereien treten nicht wie sonst zwischen Management und Belegschaft auf – sondern zwischen den Arbeitnehmervertretern selbst. Bisher konnte man sich in Frankfurt auf selbstbewusste, aber konstruktive Belegschaftsvertreter verlassen. Doch nun kündigt sich eine härtere Gangart an – angeführt von streiterprobten Vertretern der Gewerkschaft Ver.di. Streiks, Demonstrationen, gewerkschaftspolitische Schwergewichte im Aufsichtsrat – bei der Postbank gehört das traditionell dazu, für die Deutsche Bank ist das eine fremde Welt. Und die fürchtet keineswegs nur das Management: „Ver.di will die Deutsche Bank rot anstreichen“, klagt ein Belegschaftsvertreter der Blauen. Er macht kein Hehl daraus, was für ihn das Schreckensszenario wäre: Ver.di-Chef Frank Bsirske als Vize-Vorsitzender des Deutsche-Bank-Aufsichtsrats. Und für dessen Ambitionen gibt es durchaus Hinweise.

Auf die Arbeitnehmervertreter wird es in den kommenden Monaten und Jahren so sehr ankommen wie wohl noch nie in der Geschichte des Konzerns. Eine Milliarde Euro an jährlichen Kosten will die Deutsche Bank einsparen, wenn die Integration der Postbank spätestens 2015 abgeschlossen sein wird. Intern sprechen die Deutschbanker neuerdings vorsichtig von einer bloßen „Synchronisation“ der beiden Institute – um zum Ausdruck zu bringen, dass eine starke, eigenständige Postbank übrig bleiben soll.

Klar ist aber bereits heute: Das Sparziel ist nicht ohne drastischen Stellenabbau zu erreichen. 10.000 der insgesamt gut 50.000 Arbeitsplätze bei beiden Banken im Inland könnten wegfallen, warnte der Postbank-Betriebsrat im Herbst. Die Deutsche Bank hat diese hohe Zahl zurückgewiesen – aber bis heute keine andere genannt. Das sei kein Kommunikationstrick, versichern mehrere Deutschbanker, die mit der Integration zu tun haben. Man stehe erst am Anfang der Planungen, in welchen Bereichen die beiden Banken wie zusammenwachsen könnten und wie viele Mitarbeiter man an welchen Stellen brauche. Auch Gewerkschafter rechen damit, dass es noch sechs bis neun Monate dauern wird, bis konkrete Abbaupläne vorliegen.

Nun ist es auch für die Deutsche Bank nicht neu, in großen Stil Arbeitsplätze zu streichen. Direkt nach der Jahrtausendwende fielen fast 15.000 Stellen weg, ab 2005 folgte weitere 6400. Eine öffentliche Schlammschlacht zwischen der Bank und den Arbeitnehmergremien, in denen Ver.di traditionell auf verlorenem Posten steht, blieb aber aus. Zum Schaden der Mitarbeiter war das in diesem Fall nicht unbedingt: Es gab keine einzige betriebsbedingte Kündigung, dafür großzügige Abfindungen. Bis heute können Mittfünfziger die Bank mit mehreren Jahresgehältern an Einmalzahlung verlassen. „Die Arbeitnehmervertretung der Deutschen sollte man nicht unterschätzen“, sagt selbst ein Ver.di-Funktionär. „Sie ist nicht so laut wie in anderen Unternehmen, aber die Ergebnisse für die Beschäftigten können sich sehen lassen.“


Und dennoch wird die Gewerkschaft auf einen anderen Stil drängen. „Wir wollen mehr Verbindlichkeit“, sagt der Ver.di-Mann. Was das bedeutet, wurde bereits in der ersten Sitzung des erweiterten Konzernbetriebsrats deutlich. Etwa bei der Frage, wie die Belegschaftsvertreter mit den Vorbereitungen für die neue IT-Plattform der Bank umgehen sollen. Die Deutsche-Bank-Betriebsräte wollten das Management erst einmal machen lassen, im Vertrauen darauf, rechtzeitig eingeschaltet zu werden, wenn es um die Details geht, die die einzelnen Mitarbeiter betreffen. Den Postbank-Vertretern war das offenbar zu wenig: „Die wollen von Anfang an überall mitreden und gleich eine zusätzliche Freistellung von Betriebsräten dafür beantragen“, berichtet ein irritierter Betriebsrat.

Entsprechend wenig gibt die Postbank-Seite auf eine bloße „Ehrenerklärung“ von Personalvorstand Hermann-Josef Lamberti, dass betriebsbedingte Kündigungen nicht Stil des Hauses seien. „Wir wollen eine klare tarifvertragliche Regelung“, sagt ein Ver.di-Vertreter. So, wie man es von der Postbank her seit Jahren kennt: Gerade konnte die Arbeitnehmerseite durchsetzen, dass solche Kündigungen bis 2013 in weiten Teilen der Bank bis Ende 2013 ausgeschlossen sind. Überhaupt steht vieles von dem, was bei der Deutschen Bank nur eine Betriebsvereinbarung wert ist, bei der Postbank in einem Tarifvertrag. Was durchaus einen Unterschied macht – nur Tarifverträge dürfen bestreikt werden.

Vor allem aber sind Tarifverträge das Hoheitsgebiet der Gewerkschaften – in diesem Fall von Ver.di. Deshalb dürfte es in den kommenden Monaten bei der Deutschen Bank nicht nur um die Interessen der Mitarbeiter gehen – sondern auch um Macht. Dass der Chef der Deutschen Bank in einem Schreiben an Arbeitnehmervertreter nur versicherte, mit den „Betriebsparteien“ zusammenzuarbeiten, war für manchen Ver.di-Vertreter schon ein Affront. Denn damit wären nur die Betriebsräte gemeint. „Wir gehen davon aus, dass wir auch eingebunden werden und nicht nur am Katzentisch Platz nehmen dürfen“, poltert ein Gewerkschafter. Namentlich äußern will er sich allerdings nicht.

Das selbstbewusste Auftreten kommt nicht von ungefähr. Während von den rund 30.000 Deutsche-Bank-Mitarbeitern im Inland nur eine kleine Minderheit Mitglied bei Ver.di ist, kann die Gewerkschaft nach eigenen Angaben auf 70 Prozent der knapp 21.000 Postbanker zählen. Von den 15 Vertretern, die die Bonner künftig in den 43-köpfigen Konzernbetriebsrat entsenden, ist dem Vernehmen nach nur einer kein Ver.di-Mitglied. „Die Betriebsratspolitik bei der Postbank wird de facto von der Gewerkschaft diktiert“, heißt es in Bonn. Mit führenden Betriebsräten könne man kein Gespräch führen, ohne dass diese sogleich betonten, sie müssten alles erst mit ihrer Gewerkschaft abstimmen. Ein Stil, der auch bei der Postbank alles andere als unumstritten ist. So wurde im Jahr 2009 der damalige Konzernbetriebsratsvorsitzende Torsten Schulte überraschend abgesetzt – Hauptgrund soll gewesen sein, dass er sich immer wieder gegen Ver.di-Positionen stellte. Gerade bei der vor einigen Jahren übernommenen Bausparkasse BHW sei die Mentalität anders als im einst von der Post-Gewerkschaft geprägten Kern der Bank.

So beäugen auch Postbank-Mitarbeiter durchaus kritisch, wie Ver.di das Projekt Integration angeht: „Man sieht ganz klar, dass sie Schlüsselpositionen besetzen wollen, etwa im neuen Konzernbetriebsrat“, heißt es in Postbank-Kreisen. So hoffe man, die Gewerkschaftskultur auch bei der Deutschen Bank zu verankern: „Das Kalkül ist, dass sich mehr Leute an Ver.di hängen, wenn klar wird, dass gegen die Gewerkschaftsvertreter nichts mehr entschieden werden kann.“

Zum Showdown könnte es im Frühjahr 2013 kommen. Dann werden die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat der Deutschen Bank neu gewählt. Bisher ist die Gewerkschaft dort schwach vertreten, stellvertretende Vorsitzende des Kontrollgremiums ist Nicht-Ver.di-Mitglied Karin Ruck. Bei der Postbank dagegen sitzt auf dem entsprechenden Posten der Ver.di-Bundesvorsitzende Bsirske. Und nicht wenige Deutschbanker glauben, dass er dieses Amt gerne auch in Frankfurt einnehmen würde.

Zurückhaltung bei Ver.di

Eine Ver.di-Sprecherin will sich zu Bsirkes Ambitionen nicht äußern – die Frage stelle sich derzeit nicht, schließlich sei die Wahl erst in zwei Jahren. Ein mit den beiden Banken betrauter Ver.di-Mann wird da deutlicher: „Am Posten des stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitzenden bei der Deutschen Bank hätte Ver.di sicherlich Interesse“, sagt er. Aber es sei zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht opportun, solche Positionen einzufordern. Man sei sich der anderen Tradition der Deutschen Bank durchaus bewusst.

Einen Vorteil hätten die großen Unterschiede zwischen den beiden Häusern immerhin, hofft ein Postbanker. Dadurch könnte mehr von der Postbank erhalten bleiben – mehr Arbeitsplätze, mehr von ihrer Kultur. „Was passiert, wenn zwei sehr ähnliche Banken fusionieren“, sagt er, „sieht man ja gerade bei der Dresdner Bank.“ Die ist nach der Übernahme durch die Commerzbank praktisch komplett von der Bildfläche verschwunden.