Bundesweit ist die Zahl der Arbeitslosen unter die Marke von drei Millionen gesunken – und auch die Hauptstadt kann, auf bescheidenem Niveau, ein kleines Jobwunder feiern. Die Arbeitslosigkeit ist in Berlin auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren gesunken. Im Oktober waren 219.388 Menschen erwerbslos gemeldet, wie die Zahlen der Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigen. Das waren 5964 weniger als im September und fast 10.000 weniger als ein Jahr zuvor. Die Arbeitslosenquote ging um 0,4 Punkte auf 12,8 Prozent zurück.

Erheblichen Anteil an dem Aufwärtstrend habe die gute wirtschaftliche Entwicklung, sagte die Chefin der Regionaldirektion, Margit Haupt-Koopmann. Der Aufbau der sozialversicherungspflichtigen Beschäftigungsverhältnisse setze sich weiter fort. Davon profitierten vor allem Beschäftigte im Gesundheits- und Sozialwesen, im Dienstleistungsbereich sowie im Gastgewerbe und in der Zeitarbeit.

Laut Behörde waren im August in Berlin 1.128.300 Männer und Frauen in sozialversicherungspflichtigen Jobs tätig. Die Zahl lag um 16.600 über dem Vorjahreswert.

SPD-Landes- und -Fraktionschef Michael Müller bewertete die Entwicklung als „sichtbaren Erfolg unserer Wirtschaftspolitik“. Seit 2006 seien in Berlin über 100.000 zusätzliche sozialversicherungspflichtige Beschäftigungsverhältnisse entstanden. Das sei ein Zuwachs von rund zehn Prozent, doppelt so viel wie deutschlandweit.

Weniger optimistisch ist der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB). Er teilt die „Euphorie“ über die Entwicklung des regionalen Arbeitsmarkts nicht, auch wenn die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter stieg. Nach wie vor liege die Quote der Erwerbslosen in Berlin ohne abgeschlossene Berufsausbildung bei 48 Prozent, sagte DGB-Landeschefin Doro Zinke. Die Qualität neuer Jobs lasse vielfach zu wünschen übrig: Prekäre Beschäftigung wie Leiharbeit und Teilzeitarbeit nehme zu.

CDU-Arbeitsmarktexpertin Marion Kroll warnte den rot-roten Senat davor, sich die Entwicklung schön zu reden. Berlins Position als Spitzenreiter bei der Arbeitslosigkeit im bundesweiten Vergleich verfestige sich. Trotz eines Rückgangs liege die Zahl der Betroffenen fast doppelt so hoch wie im Bund.

Auch die Bundesagentur für Arbeit redet gegen übergroßen Optimismus an. Trotz des Job-Wunders mit weniger als drei Millionen Arbeitslosen im Oktober sieht die BA noch einen weiten Weg zur Vollbeschäftigung.

„Einen ausgeglichenen Arbeitsmarkt mit einer Arbeitslosigkeit von nur noch drei bis vier Prozent werden wir frühestens im Jahr 2020 haben“, sagte BA-Vorstandschef Frank-Jürgen Weise in Nürnberg. Begünstigt werde dies von der demografischen Entwicklung – dadurch drängten im Laufe des nächsten Jahrzehnts immer weniger Menschen auf den Arbeitsmarkt.

Die Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP), der deutsche Arbeitsmarkt sei bereits „auf der Schnellstraße zur Vollbeschäftigung“, kommentierte Weise mit den Worten: „Auf dieser Schnellstraße sollte Herr Brüderle vorsichtig fahren.“ Auf dem Weg dorthin gebe es zahlreiche Risiken, etwa die hohe Verschuldung in mehreren EU-Staaten. Sein Vorstandskollege bei der Bundesagentur für Arbeit, Raimund Becker, sagte, zur Vollbeschäftigung müssten möglichst viele Erwerbspersonen die Chance haben, in Beschäftigung zu kommen. Das gelte für Frauen mit guten Bildungsabschlüssen, wo es für die Erwerbstätigkeit an Kinderbetreuung fehle.

BMO