Medienpolitik

Vom dummen Blogger Bernd und gutem Journalismus

In Bayern können Grundschüler lernen, dass Bloggen etwas anderes als Journalismus ist. Die Internetgemeinde ist empört. Zurecht?

Eine Broschüre des Verbandes Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV) mit dem Titel „Schau genau hin – Nachrichtenwege erkennen und bewerten“ sorgt im Internet für Wirbel. Blogger fühlen sich durch die Broschüre geschmäht, die an bayerische Grundschulen verschickt wurde. Darin werde „Online-Journalismus pauschal schlecht gemacht“, kritisiert die „Arbeitsgemeinschaft Social Media “. Der Medien-Journalist Stefan Niggemeier titelt auf seinem Blog: „Wie die Print-Lobby Kinder indoktriniert“. Und der Wirtschaftsjournalist Gunnar Sohn spricht vom „dummen Blogger“.

Die Kritik erweckt den Eindruck, als handele es sich bei der Broschüre um eine selbst inszenierte, gezielte Einflussnahme der Zeitungsverleger. Das aber ist so nicht richtig. Denn die Staatsregierung ist auf den Verband zugekommen. Sie wollte einen „Medienführerschein Bayern“ für alle Medien, also Printmedien, audiovisuelle Medien und interaktive Medien gestalten. Ihr Ziel war es, bereits bei Grundschulkindern die Grundlagen für Medienkompetenz zu schaffen.

„Es ist sinnvoll, auf Partner mit Sachkompetenz zuzugehen“, sagt Ludwig Unger, Sprecher des bayerischen Ministeriums für Unterricht und Kultus. Und da die Zeitungsverleger bereits einen eigenen Medienführerschein entwickelt hatten, bat die Bayerische Staatsregierung um „Amtshilfe“. Das heißt, die Zeitungsverleger sollten ihren Journalismus für den Medienführerschein Bayern schildern.

„Zu diesem Zweck erstellten wir eine stark gekürzte Fassung unseres eigenen Medienführerscheins“, sagt der VBZV-Geschäftsführer Markus Rick gegenüber „Morgenpost Online“. Die Staatsregierung habe die neue Fassung prüfen lassen. Einwände habe es nicht gegeben, daher seien sie von der Kritik der Blogger einigermaßen überrascht. „Wir fühlen uns missverstanden“, sagt Rick.

„Sicher ist der Vergleich zwischen dem Zeitungsreporter und dem Blogger in der Broschüre zugespitzt. Aber es ging uns nicht darum, die Bloggerszene zu diskreditieren.“ Außerdem werde die Internetszene in dem Medienführerschein Bayern ausführlich in einem Modul der Stiftung Medienpädagogik unter dem Titel „Bayern Grenzenlose Kommunikation - Gefahren im Netz erkennen und vermeiden“ dargestellt. Die Unterrichtseinheit findet sich im Blog von Niggemeier.

Inhaltlich geht es in der Unterrichtseinheit um die Berichterstattung über einen Überfall. Ein Junge auf einem Skateboard entreißt einer alten Frau die Handtasche und flüchtet. Nun werden zwei Wege aufgezeigt, wie die Nachricht die Öffentlichkeit erreicht. Auf dem Arbeitsblatt „So könnte der Weg einer Nachricht in die Zeitung aussehen“ erhält ein Reporter einen Hinweis auf den Überfall. Er informiert sich bei der Polizei und schreibt auf der Grundlage der Polizei-Informationen seinen Artikel.

Das Arbeitsblatt „So könnte der Weg einer Nachricht ins Internet aussehen“, stellt dar, wie der Blogger „Bernd“ den Fall behandelt. Eine Freundin erzählt ihm von dem Überfall. Daraufhin schreibt er in seinem „Internet-Tagebuch“, so heißt es in dem Arbeitspapier, „was ihm zum Unfall so einfällt“. „Bernd“ schreibt dabei vom „fünften Überfall in diesem Monat“, der Journalist zitiert die Polizei mit der Aussage, dass es sich um den „zweiten Überfall in diesem Monat“ handeln soll.

Die Botschaft der Bayerischen Zeitungsverleger ist also folgende: Der Blogger schreibt nach dem Hörensagen, der Journalist aber überprüft seine Informationen durch einen Anruf bei der Polizei. Dazu ist der Journalist im Übrigen gesetzlich verpflichtet. Er muss den Wahrheitsgehalt einer Nachricht überprüfen und den Sachverhalt wahrheitsgetreu wiedergeben. Die Details regeln Landesmediengesetze. Ein Blogger ist an diese Gesetze nicht gebunden.

Für den Medienjournalisten Stefan Niggemeier ist dies ein Fall bewusster Einflussnahme. „Unter dem Vorwand einer guten Sache, nämlich Kinder dafür zu sensibilisieren, dass nicht jeder Information zu trauen ist und dass Quellen unterschiedlich vertrauenswürdig sind, erzählt der bayerische ,Medienführerschein’ ihnen das Märchen von der Überlegenheit gedruckter Nachricht“, schreibt Niggemeier. Es gehe nicht nur um den Kontrast professionell erstellter journalistischer Informationen zu privaten Blogs.

„Eine zumindest theoretisch sinnvolle Gegenüberstellung (auch wenn mit spontan gleich mehrere vermeintlich professionelle Medien einfallen, denen ich im Zweifel weniger Glauben schenken würde als einem unbekannten Blog)“, so Niggemeier. Vielmehr mischten die Unterrichtsmaterialen diesen Kontrast konsequent mit dem behaupteten qualitativen Unterschied zwischen Print und Online.

Die Rede sei immer wieder vom Nachrichtenweg „in die Zeitung” im Gegensatz zum Nachrichtenweg „ins Internet”. Auch am Papier solle man also erkennen können, wie vertrauenswürdig eine Information sei. „Und mit der anzukreuzenden Aussage ,Jeder kann im Internet schreiben, was er will’ wird die Mär vom Internet als rechtsfreier Raum schon Drittklässlern vermittelt“, schreibt der Medienjournalist.

Schließlich verweist er auf eine Passage in der Lerneinheit, in der die Zeitungsverleger die Kinder auf mögliche wirtschaftliche Interessen von Publikationen aufmerksam machen. Darin heißt es: „Firmen verfolgen eigene Interessen und werden vor allem sich selbst oder ihre Produkte ins rechte Licht rücken.” Dazu Niggemeier: „In der Tat. Herausgeber der Unterrichtseinheit ist übrigens zufällig der Verband Bayerischer Zeitungsverleger (VBZV). Ich hoffe, Kinder und Lehrer schauen genau hin, entdecken dessen kleines Logo auf der Titelseite und denken sich ihren Teil, was von dieser Printpropaganda zu halten ist.“

Unter der Überschrift „Bernd, der blöde Blogger und die seriösen Zeitungsnachrichten“ schreibt der Wirtschaftsjournalist Gunnar Sohn auf seinem Blog : „Wer also zufällig seine Elaborate auf den Produkten der Holzindustrie veröffentlichen kann, ist ein seriös und gewissenhaft recherchierender Journalist. Wer im Netz publiziert, leidet unter Alzheimer und spielt ,Stille Post’.“

So interpretiert auch die „AG Social Media“ die Broschüre und verwahrt sich gegen die Verbreitung des Papiers. „Nach Ansicht der AG Social Media ist die Broschüre ,Schau genau hin! Nachrichtenwege erkennen und bewerten’ nicht geeignet, Kinder an eine kritische und selbstbewusste Nutzung des Medienangebots heranzuführen. Holzschnittartig wird hier eine Fiktion von Qualitätsjournalismus, der angeblich von den Zeitungen geleistet wird, einem scheinbar unkontrollierbaren und qualitativ minderwertigem Netz-Journalismus gegenüber gesetzt.“

Weitaus differenzierter äußert sich der renommierte Berliner Medienwissenschaftler Norbert Bolz im Gespräch mit „Morgenpost Online“. „Im Grund finde ich die Idee, dass wir Kindern beibringen wie Medien funktionieren, eigentlich sehr gut“, sagt er.

Leider aber sei die Botschaft der bayerischen Zeitungsverleger „ziemlich klar“: Die traditionellen Medien seien seriös, die neuen Internet gestützten Medien seien problematisch. „Das ist ein mittlerweile vertrautes Vorurteil, das aber, wie jedes Vorurteil, auch einen Wahrheitskern hat. Insofern wäre die Initiative, wenn sie von einem anderen Absender käme, sicher sehr viel vertrauenswürdiger als diese Broschüre, die als eine Art Selbstwerbung der klassischen Medien gelten muss“, sagt Bolz.

Das in der Broschüre genannte Lehrbeispiel suggeriere, die klassischen Medien hätten das Problem der objektiven Berichterstattung längst gelöst. Gleichzeitig unterstelle es fehlende Kontrollmöglichkeiten im Internet. „Man betrachtet im Allgemeinen viel zu wenig, welche internen Kontrollmechanismen es im Internet gibt. Da gibt es ja auch so etwas wie einen Wettbewerb der Informationsquellen“, sagt Bolz.

Insgesamt sei das Vorgehen der Zeitungsverleger taktisch ungeschickt. Denn die einseitige, negative Bewertung des Internets werde bei zumeist sehr internetaffinen Kindern vermutlich auf Ablehnung stoßen.

„Ich würde es anders machen“, sagt Bolz. „Man müsste die speziellen Qualitäten der klassischen Medien herausarbeiten und sehen, wie notwendig sie sind, damit eine Internetkultur auch stabil und sicher funktionieren kann, anstatt auf so eine Art Krieg der Medien hinauszusteuern.“ Statt in eine Konfrontation zu gehen, hätten die Verleger aufzeigen müssen, wie sich beide Medien sinnvoll kombinieren ließen.