Jérôme Kerviel will nicht zum Symbol der Finanzkrise werden. „Ich bin nur ein Mann, der Fehler innerhalb einer Bank gemacht hat, die diese lange Zeit zugelassen hat, weil sie daraus Profit gezogen hat“, schreibt der französische Skandaltrader. Gut einen Monat vor Beginn seines Prozesses setzt er sich mit einem 270 Seiten dicken Enthüllungsbuch zur Wehr. „Seit Bekanntwerden der Affäre sind so viele total falsche Sachen geschrieben und gesagt worden“, sagt der 33-Jährige. Nun wolle er dafür sorgen, dass die Wahrheit bekannt werde. Und er werde bis zum Ende dafür kämpfen, einer Strafe zu entgehen.
Dem gebürtigen Bretonen wird vorgeworfen, während seiner Zeit als Händler bei der Société Générale für bis zu 50 Milliarden Euro ungesicherte Terminkontrakte gekauft zu haben, um auf europäische Aktienindizes zu spekulieren. Der französischen Großbank Société Générale brockte er mit diesen Geschäften einen Verlust von fast fünf Milliarden Euro ein und trieb sie damit an den Rande des Abgrunds. Kerviel muss sich deshalb vom 8. bis 23. Juni vor einem Pariser Strafgericht wegen Untreue, Dokumentenfälschung und Manipulation von Computerdaten verantworten. Ihm drohen dafür bis zu fünf Jahre Haft und 375000 Euro Geldstrafe. Zudem könnte sein früherer Arbeitgeber, der im Prozess als Nebenkläger auftritt, von ihm Entschädigungen in Milliardenhöhe fordern, sollte er schuldig gesprochen werden.
Kerviel, der nach Auffliegen der Affäre Anfang 2008 im Internet als Che Guérvara der Finanzen gefeiert wurde, versucht nun, die Öffentlichkeit auf seine Seite zu ziehen. Er will die Franzosen davon überzeugen, dass er nicht der einzige Schuldige war, sondern lediglich das Opfer eines perversen Systems. Dabei helfen sollen Interviews in ausgesuchten französischen Medien und vor allem sein Buch mit dem Titel „L’engrenage – Mémoires d’un trader“ („Das Räderwerk – Erinnerungen eines Händlers“), das der Verlag Flammarion in einer Auflage von 70000 Exemplaren in die Läden geschickt hat. Er wolle der Öffentlichkeit die Augen öffnen, was im Bankenmilieu alles schief laufe, erklärt Kerviel. Er stehe zu seinen Fehlern, lehne es jedoch ab, für ein verrückt gewordenes Finanzsystem büßen zu müssen.
Mit dem Buch wolle er aber auch seinen Namen reinwaschen, „der zwei Jahre lang von der Bank und anderen Personen durch den Schmutz gezogen wurde“, sagt er. So hatte Daniel Bouton, der damalige Chef der Société Générale, Kerviel nach Bekanntwerden des Skandals als „Terroristen“ bezeichnet und als verrückten Einzeltäter dargestellt. „Ich habe mit dem Wissen aller gehandelt, mit dem stillschweigenden Einverständnis meiner Vorgesetzten“, verteidigt sich Kerviel jetzt. „Jeder weiß, dass das Ziel war, so viel Geld wie möglich zu verdienen.“ Er habe deshalb nie ein schlechtes Gewissen gehabt. „Ich habe nie eine andere Leidenschaft gehabt als meinen Beruf“, schreibt er. „Vertieft in meine Arbeit, die meine gesamte Zeit in Anspruch genommen hat, war ich überzeugt davon, einzig und allein im Interesse der Bank zu handeln, die mich beschäftigte...“
Er sei Teil eines Milieus gewesen, das den Bezug zur Realität verloren habe und teilweise unverantwortlich handele. „Das einzige Leitmotiv ist, so viel Geld wie möglich in so kurzer Zeit wie möglich zu verdienen – egal wie“, rechtfertigt sich Kerviel. „Man verliert das Gefühl für die Summen. Das geht alles so schnell, dass man gar keine Zeit mehr hat, nachzudenken.“ Er habe bei seinen Geschäften lediglich Daten und Transaktionen ohne jegliche wirtschaftliche Realität in das Computersystem eingegeben – mit Hilfe der Rechte, die ihm die Société Générale eingeräumt habe. So gab der Ex-Trader beispielsweise bei seinem letzten Einsatz von 50 Milliarden Euro als fiktive Gegenpartei die Baader Bank in Deutschland an, ein für die Höhe der Transaktionen eigentlich viel zu kleines Finanzinstitut.
Sein Vorgehen sei total grob gewesen, sagt der Ex-Banker. „Das war jeden Tag sichtbar und das wurde jeden Tag kontrolliert.“ Seine Vorgesetzten hätten ihn lange Zeit dennoch jeden Abend für seine Gewinne gelobt. „Innerhalb dieser großen Bankenorgie haben die Trader lediglich das Anrecht auf das gleiche Ansehen wie eine einfache Prostituierte: Die schnelle Wertschätzung, das der Tag gut gelaufen ist“, urteilt er in seinem Buch.
Darin beschuldigt Kerviel seinen früheren Arbeitgeber nicht nur, seine betrügerischen Geschäfte so lange gebilligt zu haben, wie er Gewinne gemacht habe. Die Société Générale habe ihm auch befohlen, vor Bekanntwerden des Skandals aus Paris zu fliehen, behauptet er. Zu seinem Nachteil: „Jemand, der flieht, muss zwangsläufig schuldig sein.“ Sein Verschwinden habe der Bank genützt, da sie ihn so als Einzeltäter habe hinstellen können.
Wäre er ums Leben gekommen, hätte das seinen früheren Arbeitgeber dagegen in Schwierigkeiten gebracht. Die Betriebsärzte der Société Générale hätten ihn daher in der Zeit zwischen der Entdeckung seiner ungesicherten Positionen in Höhe von 50 Milliarden Euro am 19. Januar 2008 und der öffentlichen Bekanntgabe des fünf Milliarden Euro hohen Verlusts am 24. Januar desselben Jahres täglich angerufen, um sicher zu gehen, dass er keinen Selbstmord begehe. Zudem habe die Bank die Bekanntgabe des durch ihn verursachten Verlusts dazu genutzt, um von Verlusten im Zusammenhang mit der Subprime-Krise in den USA in Höhe von zwei Milliarden Euro abzulenken.
Die Société Générale äußerte sich bisher nicht zu diesen Vorwürfen. Sie erklärte auf ihrer Internetseite lediglich, dass sie hoffe, der ehemalige Trader werde eine exemplarische Strafe erhalten. Dennoch sieht Kerviel dem Prozess Anfang Juni nach eigenen Angaben gelassen entgegen. Er wisse, dass es neue Belege gebe, die beweisen würden, dass seine Aussagen stimmen. Daher werde er auf Freispruch plädieren. „Während des Untersuchungsverfahrens ist fast keiner Spur nachgegangen worden“, klagt Kerviels Anwalt Olivier Metzner. Der Star-Jurist hat bereits zahlreiche Wirtschaftsgrößen verteidigt, etwa den ehemaligen Vivendi-Chef Jean-Marie Messier. „Während der Verhandlungen werden noch andere Elemente ans Licht kommen“, sagt er.
Kerviels ehemaliger Arbeitgeber lässt sich von solchen Aussagen nicht beeindrucken. „Er verspricht dem Publikum Überraschungen“, sagt Jean Veil, einer der Anwälte der Société Générale. „Ich verspreche ihm auch einige schöne.“ Das Vorgehen Kerviels, kurz vor Prozessbeginn ein Buch zu veröffentlichen, sei klassisch für einen Angeklagten. Der Ex-Händler versuche so, eine Kollektivschuld zu beweisen, um einer Gefängnisstrafe zu entgehen. Der Anwalt gibt zwar zu, dass die internen Kontrollen der Société Générale versagt hätten. „Aber die Tatsache, dass die Fensterläden nicht richtig geschlossen sind, gibt einem Einbrecher doch noch lange nicht das Recht, in ihre Wohnung einzubrechen“, sagt er. „Wenn seine Vorgesetzten wirklich auf dem Laufenden waren, hätte er doch nicht zu lügen brauchen.“
Für den Skandaltrader steht bei dem Prozess im Juni seine Zukunft auf dem Spiel. Er werde den ganzen Monat über beim Prozess sein, sagt Kerviel. „Danach wird man sehen. Im Augenblick ziehe ich es vor, keine Pläne zu machen.“ Seit seiner Entlassung aus dem Untersuchungsgefängnis vor zwei Jahren arbeitet er für 2300 Euro im Monat für eine Informatikgesellschaft in einem Vorort von Paris, lebt in einem kleinen Appartement und fährt nach eigenen Angaben nie in Urlaub. Erneut für eine Bank zu arbeiten, schließt Kerviel trotz der sehr viel besseren Verdienstmöglichkeiten aus. „Das Finanzwesen fasziniert mich, aber eins ist sicher: Ich werde nicht mehr in einen Handelssaal zurückkehren“, sagt er. „Dennoch: wenn meine Erfahrungen helfen können zu verstehen, wie das Finanzsystem funktioniert, werde ich zur Verfügung stehen.“





