Ende vergangener Woche verstörte ein bestimmter Tweet die digitale Gemeinde: Der einflussreichste Filmkritiker der USA, Roger Ebert, twitterte über den Film "My Little Pony: The Princess Parade": "Wie kann 'Mein kleines Pony' bloß so gut sein? IMDb? Hallo?"
Wem das ebenfalls ein Rätsel ist, aber vor allem, weil er weder einen Schimmer hat von "Mein kleines Pony" noch von "IMDb", dem sei geholfen: "Mein kleines Pony" ist ein in quietschbuntes Plastik gegossener Mädchentraum. Miniatur-Spielzeugpferdchen mit samtenen Augen und kämmbarem Schweif. "Blossom", "Blue Bell" und "Butterscotch" waren den Schulmädchen der 80er und frühen 90er Jahre, was den Jungs "Mask"- oder "He-Man"-Figuren waren: Puppen gewordene Geschlechterklischees, die sie liebten. Die Mädels inszenierten mit den sterilen Stuten Herz-Schmerz-Soaps (während sich nebenan die Brüder zu "Masters of the Universe" aufspielten). 1986 liefen die Abenteuer der gefärbten Gäule als erfolgreicher Zeichentrick in den Kinos.
Der Pony-Quatsch mit Soße rettete sich mehr schlecht als recht ins 21. Jahrhundert. Der unwahrscheinliche (weil viel zu späte) Nachfolge-Film "My Little Pony: The Princess Parade" ging sang- und klanglos unter. Warum aber hat genau der auf einflussreichen IMDb - der "Internet Movie Database" - die noch viel unwahrscheinlichere Bewertung 7,8 von 10 Punkten?
IMDb ist für Millionen Nutzer die sicherste Bank, wenn sie wissen wollen, ob es sich lohnt, einen bestimmten Film zu sehen oder nicht. Und zwar, weil IMDb es macht wie die Schweiz: das Volk fragen. Die monströse Datenbank mit über einer Million Einträgen ermittelt aus Tausenden abgegebener Stimmen einen Wert zwischen 0 und 10, der die Güte des entsprechenden Films bezeichnet. Und siehe da: Demokratie funktioniert. Die guten Filme schneiden gut, die schlechten mies ab. Wertunterschiede von nur 0,1 markieren mitunter deutliche Niveausprünge. 7,8 ist richtig gut. "Die glorreichen Sieben" haben 7,8. Sicher, auch dort kommen Pferde vor. Aber das war's dann mit den Gemeinsamkeiten. "Die glorreichen Sieben" werden reiten, solange es das Kino gibt. "My Little Pony: The Princess Parade" ist ein stinkender Pferdeapfel.
Sexszene in "My Little Pony"?
Wie kann "Mein kleines Pony" also bloß so gut sein. IMDb? Hallo? Rund 30 IMDb-Mitglieder haben sich die Mühe gemacht, ihre gute Meinung zu begründen. Die Besprechungen strotzen vor schier unglaublichem Lob: "Der Film hat mich erschüttert, mein Leben für immer verändert." Oder: "Die Menschen suchen seit Anbeginn der Zeiten nach dem Sinn des Lebens. Ich wage zu sagen, nichts ist einer Antwort darauf je näher gekommen als dieser Film." Oder: "Wenn Orson Welles nur einen Film über sprechende Ponys gemacht hätte - dieser wär's gewesen."
Wer ist hier nicht ganz dicht? Wir - die wir wissen, dass Orson Welles unter keinen Umständen einen Film über sprechende Ponys gemacht hätte (und ganz bestimmt nicht diesen) - oder die mehr als 30 Rezensenten? Es ist übrigens kaum wahrscheinlich, dass hinter allen derselbe Scherzkeks steckt. Dafür haben die meisten von ihnen zu viele weitere Filme besprochen. Außerdem liegen die Einträge Monate, zum Teil Jahre auseinander. Endgültig überzeugt, dass es sich um einen auf unerfindliche Weise organisierten Scherz handelt, ist man hier: "Die eindrückliche Sexszene wird meisterhaft durchgeführt. Die Kamera bewegt sich über unser kopulierendes Paar mit geschmeidiger Grazie und Würde, während die Körper vor unseren Augen hin- und herwogen." Sexszene in "My Little Pony"? Wer's glaubt, wird selig.
Auch die Beschwörung der "lyrischen Kameraarbeit, des komplexen Plots und der ehrgeizigen Themen", die selbst das fantastische Frühwerk des Regisseurs Victor Dal Chele noch überträfen, zielt unmöglich auf etwas Anderes als den Humor; besteht Dal Cheles "Frühwerk" doch aus "unsterblichen" Werken wie den drittklassigen Zeichentrick-Franchises "Transformers: Go-Bots" und "RoboCop: Alpha Commando". Der Regisseur, meint ein filmgeschichtlich besonders beschlagener Verehrer, vereine "Eisensteins kunstvollen Schnitt, die visuelle Erfindungsgabe Orson Welles', die Provokation eines Fassbinder, die existentialistische Philosophie eines Godard und den frenetischen Surrealismus von Luis Buñuel."
Ein Internet-Schabernack
Wohl kaum versucht hier die Produktionsfirma Werbung für einen missratenen Film zu machen, wie ein einziger "echter" Rezensent vermutet. Dafür sind die Ehrerbietungen viel zu sehr ins Absurde gesteigert. Vom tatsächlichen Inhalt des Films ist nirgends die Rede. Vermutlich hat keiner der Verfasser "My Little Pony: The Princess Promenade" wirklich gesehen. Es handelt sich eindeutig um einen Scherz, einen Internet-Schabernack, eine Art digitalen Flashmob. Es ist müßig, darüber nachzusinnen, ob hier die He-Man-Fraktion zurückschlägt, die Jungenwelt - IMDb wird zu 80 Prozent von Männern genutzt - die Mädelsdomäne "My Little Pony" zurückerobern will.
Das Problem, das die Eulenspiegelei aufzeigt, ist vielmehr die Manipulierbarkeit von vermeintlich unwichtigem, randständigen Wissen im Internet. Wikipedia und auch die IMDb funktionieren nur dort, wo sich viele aufmerksame Nutzer tummeln, die keinen Moment zögern, laut Einspruch zu erheben, sobald sie es im Unterholz rascheln hören. Aber der totalen, komplett sinnentstellenden Trickserei - aus welchen Motiven auch immer - ist Tür und Tor geöffnet an Orten, wo kaum jemand nachsieht. Aber wenn doch einmal jemand nachsehen will, guckt er in die Röhre - und weiß es nicht einmal. Wenn sich sogar ein Roger Ebert irritieren lässt, ist niemand gefeit. Davon abgesehen und im vorhandenen Fall ist die Sache vor allem eins: zum Wiehern komisch.





