Am 12. Oktober 2009 wurde Elinor Ostrom auf einen Schlag berühmt. Als erste Frau gewann die Politikwissenschaftlerin von der Indiana University den Wirtschaftsnobelpreis. Trotz ihres großen Erfolgs tritt die 77-Jährige völlig unprätentiös auf. Ostrom forscht seit Jahrzehnten über die Frage, wie Gemeinschaftsgüter nachhaltig genutzt werden können. Ein konkretes Beispiel hierfür ist der Fischbestand: Jeder Fischer weiß, dass er durch Überfischung langfristig seinen Job aufs Spiel setzt – rational gesehen will er aber trotzdem so viel fangen wie möglich. Ostrom fand allerdings heraus, dass es auch Beispiele gibt, in denen sich Fischer freiwillig zusammenschließen, um die knappen Ressourcen nicht zu zerstören.
Morgenpost Online: Frau Ostrom, erst scheiterte Ende vergangenen Jahres der Klimagipfel in Kopenhagen, vor vier Wochen die Internationale Walfang-Konferenz. Sind solche Klimagipfel reine Zeitverschwendung?
Elinor Ostrom: Nein, solche Gipfel sind wichtig, und ich unterstütze sie. Ich habe aber nie auf Seiten derer gestanden, die sagen, dass der Klimawandel ausschließlich über globale Verträge zu stoppen ist.
Morgenpost Online: Wie sonst?
Ostrom: Wir müssen die Politik weiter unter Druck setzen. Aber wenn die Mächtigen versagen, müssen wir eben auf der kleinen Ebene aktiv werden. Da kann man sehr viel erreichen, wenn die Menschen nur gut genug informiert sind.
Morgenpost Online: Können Sie ein Beispiel geben?
Ostrom: Es gibt viele umweltbewusste Gemeinden, gerade hier in Deutschland. Freiburg etwa investiert viel in Fahrradwege und grüne Energien. Das ist alles noch nicht perfekt, wird aber dazu führen, dass die Abgase sinken, das Klima geschont wird, Menschen länger leben werden. Berlin schlägt jetzt einen ähnlichen Weg ein.
Morgenpost Online: In den USA scheint es solch ein Klimabewusstsein nicht zu geben…
Ostrom: Es war ein Fehler der Regierung, das Kyoto-Protokoll nicht zu unterzeichnen. Aber auch in den USA kommen mehr Initiativen auf, mehr Gemeinden überlegen, wie sie die Umwelt schonen können. Gerade erst haben 1000 Städte ein Umweltabkommen verabschiedet.
Morgenpost Online: Diese Bemühungen in allen Ehren, aber haben Kritiker nicht Recht die sagen, dass nicht alles nur lokal laufen kann, sondern die Welt auch ein großes Abkommen braucht?
Ostrom: Natürlich wäre das wünschenswert. Und wir sind ja auch schon ein Stück vorangekommen. Wir haben beispielsweise einen Markt, auf dem Verschmutzungsrechte gehandelt werden. Aber selbst wenn es ein globales Abkommen gäbe: Jeder Bürger müsste doch trotzdem seinen Beitrag leisten. Also können wir schon jetzt damit anfangen. Wir müssen es sogar, wir haben nicht die Zeit zu warten.
Morgenpost Online: Hört sich gut an. Aber wie wollen Sie erreichen, dass noch mehr Städte zu kleinen Freiburgs werden?
Ostrom: Durch Druck. Wenn Du in einer Stadt lebst, der der Klimawandel egal ist, musst Du sie unter Druck setzen.
Morgenpost Online: Sie haben für Ihre Forschungen Gemeinschaften untersucht, die es schaffen, knappe Ressourcen gemeinsam zu nutzen. Was war das interessanteste Beispiel, auf das Sie stießen?
Ostrom: Es gab nicht das interessanteste Beispiel. Das Interessante an meinen Recherchen war, dass wir so viele Beispiele gefunden haben, wo die gemeinsame Nutzung gut geklappt hat. Nur gelangen all diese Informationen nicht nach außen. Das war ein großer Schock für mich zu sehen, dass so viel Wissen nicht angewandt wurde.
Morgenpost Online: Welche Anreize kann die Politik setzen, damit Menschen umweltbewusster leben?
Ostrom: Sie sollte ihre Bürger vor allem ihre eigenen Regeln entwickeln lassen. Ein Beispiel: Ein Fischer hatte in den USA ein System entwickelt, das auf einem bestimmten Gebiet den Fischfang auf eine vertretbare Quote reduzierte. Das wurde vom Obersten Gerichtshof wieder einkassiert, weil der Fischer laut Gesetz dieses System auf dem Gebiet nicht anwenden durfte. Ein Beispiel, das mir hingegen sehr gut gefällt, wird von einem Energieversorger in Sacramento umgesetzt. Dort erfahren die Kunden mittels anschaubarer Diagramme, ob sie mehr und weniger verheizen als ihre Nachbarn. Das spornt an.
Morgenpost Online: Auf globaler Ebene scheint man von solchen pragmatischen Lösungen noch weiter entfernt zu sein, seitdem China so stark an Macht hinzugewonnen hat.
Ostrom: Aber auch hier gibt es durchaus Hoffnung: China investiert sehr viel in grüne Technologie. Wenn es gelingt, dass China diese nicht nur exportiert, sondern für die eigene Wirtschaft nutzt, wäre das ein großer Fortschritt.
Morgenpost Online: Im Walfang läuft nach dem Scheitern der Konferenz vor vier Wochen alles weiter wie bisher. Wie lässt sich dieses Problem lösen?
Ostrom: Das ist extrem schwierig. Walfang oder generell Fischfang kennen keine Grenzen. Dies ist ein klassisches Beispiel, wo ein knappes Gemeinschaftsgut für kurzfristigen Gewinn völlig aufs Spiel gesetzt wird – mit verheerenden Folgen für die Umwelt und den Menschen. Ich befürchte, dass das Problem schwerer zu lösen sein wird als etwa Waldrodung oder Wasserzugang. Lokale Lösungen helfen da nicht weiter.
Morgenpost Online: 2009 haben Sie den Nobelpreis gewonnen. Welche Rolle spielt es für Sie, dass sie die erste Frau waren?
Ostrom: Eigentlich hat es keine Rolle gespielt, weil ich hoffentlich für meine Arbeit ausgezeichnet wurde und nicht dafür, dass ich eine Frau bin. Aber auf der anderen Seite ist es schon erstaunlich, dass es so lange gedauert hat, bis eine Frau gewann. Ich hoffe, das wird von nun an häufiger der Fall sein.





