Die Werbeschilder mit der Aufschrift „Jamie’s Italien – now open" weisen den Weg. An fast jedem Laternenmast im Londoner Finanzdistrikt Canary Wharf hat der britische TV-Koch Jamie Oliver für sein neues Restaurant plakatieren lassen, das seit Anfang August geöffnet ist. Vor dem Restaurant, hübsch gelegen an einem Kanal, stehen die Gäste Schlange. Von der Decke hängen ganze Schinken, hinter der Bar stehen Bastkörbe mit poliertem Gemüse. „Von der Krise spüren wir hier nichts", sagt Peter Berry, Pressesprecher von Jamie Oliver. 20.000 Kunden hätten allein im ersten Monat in dem In-Italiener gegessen.

Es ist eine von vielen Nachrichten, die in diesen Tagen die Laune bei der Canary Wharf Group aufhellt. Denn noch im Winter sah es so aus, als würde die Finanzkrise den Besitzer der Canary-Wharf-Immobilien an den Rande der Pleite treiben. Als die ersten Restaurants in den Docklands schlossen und Tausende von Bankangestellten hier ihre Jobs verloren, sagten nicht wenige das Ende dieser künstlichen Stadt auf der Themseinsel Isle of Dogs voraus.

Das Hochhausgebirge aus Stahl, Glas und Beton im Südosten Londons gilt von jeher als Spiegel der Wirtschaft. Wie von einem Barometer lassen sich die Auf- und Abschwünge von Großbritanniens Ökonomie am Vermietungsstand ablesen. Weil das Land genauso wie die Themseinseln von der Finanzwelt und Immobilienspekulationen lebt, verwüstete die Krise es stärker als jede andere der großen Industrienationen. Auch in diesen Monaten kann man die Vorzeichen für Europas zweitgrößte Volkswirtschaft in Canary Wharf sehen: Nach dem großen Einbruch sind die Zeiten immer noch hart, aber es keimt Hoffnung.

„Manhattan on Thames" wird das 1,3 Mio. Quadratmeter große Finanzdistrikt auf der Isle of Dogs in der Themse auch genannt. Tatsächlich fühlt man sich an eine moderne Version der New Yorker Wall Street erinnert, wenn man in Canary Wharf aus der U-Bahn steigt.

Das Zentrum des ehemaligen Hafengeländes bilden die drei höchsten Gebäude Großbritanniens: in der Mitte der Canary Wharf Tower mit 235,1 Metern, eingerahmt von den silbern glänzenden Türmen der Großbanken HSBC und Citibank mit jeweils 199,5 Metern. 90.000 Menschen arbeiten in den Docklands, die meisten bei den hier ansässigen internationalen Finanzinstituten wie Credit Suisse, Barclays oder JP Morgan. Über 200 Geschäfte und Restaurants befinden sich zwischen den Wolkenkratzern und in dem labyrinthartig verzweigten endlos erscheinenden Einkaufszentrum unter der Erde. Eine eigene kleine Stadt ist entstanden, wo noch vor 20 Jahren die Ruinen der viktorianischen Docks verwaist lagen.

In den vergangenen Jahren sah es lange so aus, als würde Canary Wharf dem alten Londoner Finanzzentrum den Rang ablaufen. Doch die Finanzkrise traf die Docklands hart. 48 Prozent verloren die Immobilien der Canary Wharf Group allein im Jahr 2008 an Buchwert. Vier der gewinnbringendsten Mieter verließen die Docklands. Der größte Verlust dürfte die im September 2008 pleite gegangene US-Investmentbank Lehman Brothers sein, deren Europazentrale in Canary Wharf stand.

Die japanische Bank Nomura, die Teile des europäischen Lehman-Geschäfts im vergangenen Herbst kaufte, unterschrieb Anfang des Monats einen Mietvertrag über 20 Jahre in der City of London. Schon im kommenden Jahr werden die 4000 ehemaligen Lehman-Mitarbeiter in das neue zwölfstöckige Gebäude einziehen. Bis 2012 ist die Miete des Lehman-Towers zwar noch durch eine Versicherung gedeckt, bis dahin muss die Canary Wharf Group aber neue Mieter für ein Hochhaus mit 42.000 Quadratmetern Bürofläche finden.

Ebenfalls überflüssig ist der Wolkenkratzer des ehemaligen US-Investmenthauses Bear Stearns geworden. Zwar wurde die Bank im letzten Moment von JP Morgan vor der Pleite gerettet, das Bear-Stearns-Gebäude in Canary Wharf wird aber nach der Übernahme nicht mehr benötigt. Genauso verhält es sich mit dem Hochhaus der Bank of America, die mit ihren Mitarbeitern von Canary Wharf in das Bürogebäude der übernommenen Investmentbank Merill Lynch in der City zieht. Schon im vergangenen Jahr war außerdem Morgan Stanley von Canary Wharf in die City übersiedelt.

Zwölf Prozent der Büroflächen ständen derzeit in den Docklands leer, schätzt Mat Oakley, Analyst des Londoner Immobilienkonzerns Savills. Die nächsten zwölf Monate dürfte diese Rate noch steigen. Es sehe allerdings schlimmer aus, als es ist: „Die City hat es mit einem Leerstand von 14,6 Prozent härter getroffen als Canary Wharf." Auch würde die Krise Canary Wharf längst nicht so an die Substanz gehen wie die Anfang der 90er-Jahre oder während der Dotcom-Krise.

Den Mehrheitsaktionär der Canary Wharf Group, Songbird, hätte der Wertverlust jedoch trotzdem beinahe in die Pleite getrieben. Im März hatte die börsennotierte Firma gewarnt, die Vereinbarungen auf einen Kredit über 880 Mio. Pfund mit der Citigroup eventuell nicht erfüllen zu können. Im März 2010 muss das Darlehen refinanziert werden. Ende August kündigte Songbird jedoch seine Rettung an: Mit einer Kapitalerhöhung sollen 836 Mio. Pfund eingesammelt werden. Als Käufer der neuen Aktien stehen die Staatsfonds von Katar und China bereit. „Es ist ein Zeichen der Zuversicht für die Firma und Canary Wharf", sagt Matthew Churstain, Analyst bei der Londoner Brokerfirma KBC Peel Hunt.

Schlendert man durch die weitläufigen Straßen von Canary Wharf, sind etliche Gründe für Optimismus zu finden. Bauzäune versperren die Sicht auf eine Großbaustelle am Westufer der Insel. Das Erbbaurecht auf 999 Jahre für dieses Grundstück hatte JP Morgan im November 2008 für 237 Mio. Pfund erworben. Hier soll bald die neue Europazentrale der US-Bank entstehen. Fast fertig sind die drei Bürogebäude neben den Türmen von HSBC und Barclays im Nordosten der Insel: Die neuen Mieter, die Unternehmensberatung KPMG, die Ratingagentur Fitch und das Finanzinstitut State Street, werden bis Sommer 2010 eingezogen sein.

Schon in diesem Herbst soll dagegen ein weiterer verglaster Einkaufskomplex neben dem Canada Square Park aufmachen. Alle Ladenflächen sind bereits vermietet. Großflächige Plakate werben für das bald eröffnende mexikanische Restaurants Wahaca.

Auf der Rückseite des Parks zieht sich einen ganzen Block entlang ein weiteres Einkaufszentrum. Größter Mieter ist hier die Edelsupermarktkette Waitrose. Auf fast einem Viertel der Fläche werden Delikatessen angeboten. Wer keine Lust zu kochen hat, kann gleich an der Oyster-Bar Patz nehmen und sich Austern, Frischfisch oder Steak servieren lassen. Waitrose-Manager Mike Buckingham sagt, die Krise sei selbst an den Luxuslebensmitteln fast spurlos vorbei gegangen „2007 haben wir 170 Austern pro Woche verkauft, jetzt sind es 150." Beim Wein gebe es sogar überhaupt keinen Rückgang. „Selbst unsere teuersten Flaschen für bis zu 950 Pfund verkaufen sich weiterhin gut."?

Auch Marion Ryan, Marketingdirektorin des Four Seasons Hotels ist gut gestimmt. „Wir hatten zwar Einbußen, da weniger Geschäftsreisende bei uns absteigen", sagt sie. Diese seien jedoch durch Touristen fast komplett kompensiert werden. Durch die Presse infolge der Lehman-Pleite hätten viele Vergnügungsreisende das Bankenviertel nun erstmals auf dem Plan.