Giftige Eier

Dioxin – Keine Gewissheit in Berlin vor Freitag

Bisher sind in Berlin keine dioxinbelasteten Lebensmittel gefunden worden. Die Supermärkte werden weiter durchsucht und in einem Berliner Lege-Betrieb wurden Proben genommen. Derweil weitet sich der Skandal bundesweit immer mehr aus.

Foto: dpa / dpa/DPA

Der Dioxin-Skandal hätte womöglich viel früher aufgedeckt werden können. Bereits am 25. November wurde bei einer Untersuchung von Futterfett ein erhöhter Dioxingehalt von 3600 Pikogramm (ein Billionstel Gramm) pro Kilogramm Fett festgestellt.

Dies geht aus einem Bericht des Bundeslandwirtschaftsministeriums an den Agrarausschuss des Bundestags hervor. Trotz der erhöhten Werte wurden die Futterfette aber noch vier Wochen lang bis zum 23. Dezember 2010 ausgeliefert. Dadurch gelangten rund 3000 Tonnen Futterfette in das Tierfutter – zwischen 30000 und 150.000 Tonnen Futter wurden damit hergestellt.

Zum Vergleich: Ein Ei darf laut EU-Richtlinie nur einen Dioxingehalt von drei Pikogramm haben. Allerdings gibt es unterschiedliche Dioxine, weshalb Vergleiche schwierig sind.

Die stellvertretende Grünen-Fraktionschefin Bärbel Höhn sagte, es müsse jetzt geklärt werden, wer wann was gewusst hat. „Was ist da schiefgelaufen?“, fragte Höhn. Man hätte die Futterfettauslieferung womöglich viel früher stoppen können.

Höhn nannte es vorbildlich, dass etwa Nordrhein-Westfalen die Chargennummern von möglicherweise betroffenen Eiern ins Internet gestellt habe. Die Kontrollen beim Futtermittel müssten „quantitativ wie qualitativ“ erhöht werden, forderte die frühere NRW-Umweltministerin.

Die Staatsanwaltschaft hat am Mittwoch den Betrieb des schleswig-holsteinischen Futtermittelherstellers Harles & Jentzsch in Uetersen durchsucht. Parallel liefen Durchsuchungen bei einer Tochterfirma im niedersächsischen Bösel, wie ein Sprecher der Staatsanwaltschaft Itzehoe sagte. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen Verantwortliche der Firma wegen Verstoßes gegen das Futtermittelrecht.

Warten auf Laborergebnisse

Mehr als 1000 landwirtschaftliche Betriebe sind inzwischen gesperrt. Nach Angaben des Kieler Umweltstaatssekretärs Ernst-Wilhelm Rabius wurden auch Betriebe in Schleswig-Holstein mit verseuchtem Tierfutter beliefert. „Wir haben am Dienstagabend vom Hamburger Senator für Gesundheit und Verbraucherschutz die Information erhalten, dass von einem Hamburger Mischwerk 55 landwirtschaftliche Betriebe und einige Genossenschaften in Schleswig-Holstein mit verseuchtem Futter beliefert worden sind“, sagte er am Dienstagabend im „Schleswig-Holstein Magazin“ des NDR-Fernsehens. Die Betriebe seien informiert, das Futter nicht zu verwenden.

Vom aktuellen Skandal um dioxinbelastete Hühnereier sind Berliner Verbraucher bislang nicht betroffen. „Bisher gibt es keine Hinweise, dass dioxinbelastete Lebensmittel nach Berlin gekommen sind“, sagte die Pressesprecherin der Senatsverwaltung für Verbraucherschutz, Marie-Luise Dittmar. In einem Berliner Legehennen- Betrieb seien Proben für Labortests genommen worden. Ein Ergebnis liege frühestens kommenden Freitag vor.

Der Lebensmittel-Einzelhandel sieht keinen Grund, große Mengen an Eiern oder Fleisch aus den Geschäften zu holen. „Eine akute Gesundheitsgefahr besteht nicht. Deswegen ziehen die Unternehmen auch nicht flächendeckend Ware aus dem Verkehr“, erklärte ein Sprecher des Handelsverbands Deutschland (HDE). Großketten wie Edeka, Tengelmann und Rewe hatten zuvor mitgeteilt, bislang nicht von dioxinverseuchten Geflügelprodukten betroffen zu sein. „Wenn Lieferanten mit Belastungen bekanntwerden sollten, ziehen wir aber sicherlich einige Chargen zurück“, hieß es aus dem HDE.

Der Genuss von Eiern stelle keine akute Gesundheitsgefahr dar, betonte der Sprecher. Es wäre „völlig überzogen“, jetzt auf den sämtlichen Genuss von Eiern und Fleisch zu verzichten. „Klar ist aber auch, diese Produkte müssen aus dem Verkehr gezogen werden“, betonte der Sprecher von Ministerin Ilse Aigner (CSU). Mit den Ländern solle geprüft werden, ob es für die Hersteller Verschärfungen geben muss.

Agrarminister beraten über Skandal

Nach Erkenntnissen der Bundesregierung sind bis zu 3000 Tonnen verseuchtes Tierfutterfett hergestellt worden. Es seien vom 12. November bis 23. Dezember 2010 nach derzeitigem Kenntnisstand sieben verdächtige Lieferungen an 25 Futterhersteller in mindestens vier Bundesländer verkauft worden. Dies geht aus einem Bericht des Landwirtschaftsministeriums an den Agrarausschuss des Bundestages hervor.

Unterdessen werden die Rufe nach schnellen Konsequenzen aus dem Skandal immer lauter. Thüringens Landwirtschaftsminister Jürgen Reinholz (CDU) kündigte ein Sondertreffen der Agrarminister der Länder noch im Januar an und forderte härtere Strafen für die „Scharlatane der Branche“. Die Ernährungsindustrie verlangte, es müsse rasch alles unternommen werden, damit sich solch ein Fall nicht wiederhole.

Die Agrarminister der Länder würden am Rande der Grünen Woche in Berlin über Folgen aus dem Dioxin-Skandal beraten, sagte Reinholz, der Vorsitzender der Agrarministerkonferenz ist, der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Notwendig seien „in erster Linie deutlich schärferer Strafen bei Verstößen gegen das Lebens- und Futtermittelrecht“. Nur mit harten, abschreckenden Sanktionen seien schwarze Schafe in der Branche zu beeindrucken. Bisher drohen bis zu drei Jahren Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe, wenn Lebens- oder Futtermittel mit gesundheitsschädlichen oder verbotenen Zusätzen versehen werden.

Bei dem Treffen der Minister auf der Grünen Woche, die vom 21. bis 30. Januar geht, werde es zudem darum gehen, den Informationsaustausch zwischen den Ländern weiter zu verbessern und die Spielregeln für den Vertrieb von Futtermitteln zu verschärfen, sagte Reinholz weiter. Bei den Kontrollen der Futter- und Lebensmittelbranche sieht er hingegen keinen Handlungsbedarf. „Das Kontrollniveau ist bereits sehr hoch.“

Der Deutsche Bauernverband begrüßte die Ankündigung von Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner (CSU), die Regeln für die Zulassungsbedingungen von Futtermittellieferanten zu überprüfen. „Betriebe, die technische Fette herstellen, müssen vollständig ausgeschlossen werden von Lieferungen in den Futter- und Nahrungsmittelbereich“, sagte der Generalsekretär des Verbandes, Helmut Born, der „Passauer Neuen Presse“.

Dioxin in geringen Mengen in vielen Lebensmitteln

Dioxin ist in sehr geringen Mengen in vielen Lebensmitteln verbreitet. Nach Angaben des Umweltbundesamtes nehmen wir 90 bis 95 Prozent des krebserregenden Gifts über unser Essen auf. „Grundsätzlich ist es bei Dioxinen so: Man bekommt sie gar nicht vollständig aus den Lebensmitteln raus, weil sie überall vorhanden sind“, sagte eine Sprecherin des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR). Dem BfR zufolge ist Milch mit rund 35 Prozent die größte Dioxinquelle in der Nahrung, auch Fleisch (25 Prozent) und Fisch (13 Prozent) tragen deutlich zur Belastung bei. Eier hingegen sind normalerweise nur für rund 9 Prozent der Dioxin-Aufnahme durch Lebensmittel verantwortlich.

Dioxine sind chemisch ähnlich aufgebaute Verbindungen, die aber unterschiedlich giftig sind. Bereits geringe Konzentrationen können gefährlich sein. Die einmal in die Umwelt gelangten Gifte bauen sich nur sehr langsam ab und reichern sich deshalb auch im Gewebe von Tieren und Menschen an. Durch Maßnahmen wie den Einbau von Filtern in Müllverbrennungsanlagen werden heute weniger Dioxine freigesetzt als noch in den 1960er und 1970er Jahren. „Die Hintergrundbelastung hat deutlich abgenommen“, teilte die BfR-Sprecherin mit.