Morgenpost Online:
Herr Beldsnijder, der Dax notiert zurzeit etwa 15 Prozent unter seinen Höchstständen. Ist das in der aktuellen Situation ein angemessenes Niveau?
Anko Beldsnijder:
Die Märkte machen zumindest einen robusten Eindruck. Es scheint manchmal, als hätten die Anleger die Hoffnung, eine Rezession in den USA könne noch abgewendet werden. Sonst dürfte der Markt von schwächeren Konjunkturdaten nicht jedes Mal wieder so überrascht sein.
WELT ONLINE:
Wie schwer wird denn die Rezession ausfallen?
Anko Beldsnijder:
Alle Indikatoren deuten mittlerweile auf eine dramatischere Abschwächung der Wirtschaft hin. Die Verschuldungsquote der Bürger, ihre steigende Belastung durch die hohen Rohstoffpreise, die Probleme am Immobilienmarkt – all das muss sich auf den Konsum auswirken, der ja in den USA eine wichtige Stütze der Gesamtwirtschaft ist.
Morgenpost Online: Was bedeutet das für die Aktienmärkte?
Anko Beldsnijder: Für den Moment scheinen die Aktienmärkte nicht übermäßig teuer zu sein. Dennoch erwarte ich ein zweites Halbjahr an den Märkten, das relativ turbulent und schwankungsanfällig werden könnte.
Morgenpost Online: Woran machen Sie das fest?
Anko Beldsnijder: Die Probleme könnten unter anderem aus China kommen. Aufgrund der massiven Luftverschmutzung will das Land drei Wochen vor Beginn der Olympischen Sommerspiele seine Wirtschaftsleistung stark herunterfahren, um die Belastungen für die Umwelt während der Spiele zu reduzieren. Gewissermaßen arbeitet China momentan gerade vor. Dieser Vorzieheffekt wird sich bei vielen westlichen Exporteuren in starken Kennzahlen für das zweite Quartal widerspiegeln, das dritte aber könnte dafür Gewinneinbrüche mit sich bringen.
Morgenpost Online: Sind die Märkte darauf nicht vorbereitet?
Anko Beldsnijder: Viele Investoren operieren immer noch auf der Basis zu optimistischer Gewinnschätzungen. Nehmen Sie die Banken: Da gingen die Konsens-Schätzungen für 2007 von minus zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Für dieses Jahr liegt der Wert bei minus 3,9 Prozent. Und nächstes Jahr sollen die Gewinne schon wieder um über 20 Prozent wachsen. Aber wo sollen die herkommen? Gerade im Bankensektor hat sich die Lage fundamental verändert. Mit dem Investment-Banking dürften vorerst keine nennenswerteren Ergebnisse eingespielt werden, zusätzlich sind die Margen im klassischen und auch zyklischen Kreditgeschäft unter Druck. Da sehe ich erst mal wenig Erholungspotenzial. Ich würde also Finanzwerte untergewichten.
Morgenpost Online: Welche Rolle spielt der Ölpreis für die Entwicklung an den Märkten?
Anko Beldsnijder: Ein Ölpreis von 100 Dollar würde den Märkten sicher wieder einen gewissen Spielraum nach oben eröffnen. Fundamental gerechtfertigt wäre sogar ein Wert deutlich unter 100 Euro. Doch durch den hohen Anteil der Spekulation – allein Öl-Futures erreichen das Volumen einer Öl-Jahresproduktion – ist nicht absehbar, ob und wann der Preis fallen wird.
Morgenpost Online: Wie profitiert denn ein Anleger am besten vom Ölpreis-Boom?
Anko Beldsnijder: Er sollte jedenfalls nicht die klassischen Ölkonzerne wie Shell kaufen. Wenn Öl teurer wird, fließt das eher in die Taschen der Erdöl exportierenden Länder als in die Kassen der Konzerne. Sie müssen sogar zusätzlich investieren, um zumindest ein leichtes Produktionswachstum aufrecht zu erhalten. Ein Investment wert ist dagegen die Zulieferbranche. Fugro ist so ein Unternehmen, das langfristig zu den Gewinnern zählen sollte. 70 Prozent Marktanteil, dazu ein günstiges Kurs-Gewinn-Verhältnis.
Morgenpost Online: Wie sieht es mit den Anbietern erneuerbarer Energien aus?
Anko Beldsnijder: Es handelt sich hier sicherlich nicht um eine Blase wie 2000 bei Technologie-, Medien- und Telekom-Werten. Das ist schon nachhaltig, was da passiert. Der Sektor hängt zwar am Tropf der Politik, doch es gibt zur Entwicklung dieser Technologien keine Alternative. Dennoch sind wir hier zurzeit nicht mehr investiert.
Morgenpost Online: Warum nicht, wenn doch die Perspektiven stimmen?
Anko Beldsnijder: Solarwerte sind gar nicht mal zu teuer, aber ich bekomme aktuell wachstumsstarke Blue-Chips mit Rabatt. Ein Siebener-BMW ist normalerweise teurer als ein Einser-BMW. An der Börse ist diese Logik zurzeit außer Kraft gesetzt. Die meisten Anleger halten weiter an den jahrelang besser gelaufenen mittelgroßen Aktien fest, obwohl die teurer, weniger liquide und volatiler sind als die Qualitätsaktien wie Roche, Nestle oder SAP. Das wird sich wieder einpendeln.




