Die Reisesparte des Handelskonzerns Rewe liegt mit seinen wie Veranstaltern ITS Reisen, Jahn Reisen, Tjaereborg, Dertour, Meier's Weltreisen sowie ADAC Reisen in Deutschland an dritter Stelle. Für das laufende Jahr hat sich das Unternehmen vorgenommen, den Marktanteil erheblich zu vergrößern. Um den Abstand zum Marktführer TUI zu verringern, hat der Vorstand der als Genossenschaft organisierten Rewe vor Wochen sein grundsätzliches Interesse an der Übernahmen des Konkurrenten Thomas Cook signalisiert, die zum insolventen Handelskonzern Arcandor gehört.
Weitere Nachfragen zu diesem Thema lässt Rewe-Finanzvorstand und Touristikchef Norbert Fiebig auf Anraten der Hausjuristen derzeit aber nicht zu: Rewe ist von der Londoner Börsenaufsicht angeschrieben und darauf hingewiesen worden, dass Thomas Cook in London gelistet sei. Und dass nach britischem Recht jeder Kaufinteressent sein Interesse per Ad-hoc-Mitteilung öffentlich machen müsse.
Morgenpost Online
: Wie läuft das Geschäft?
Norbert Fiebig
: Nach allem was wir hören, liegt die Branche beim Umsatz derzeit bei minus sechs Prozent. Wir sind dagegen beim Umsatz besser als im Vorjahr. Die Rewe-Touristik entwickelt sich also besser als die meisten unserer Wettbewerber.
Morgenpost Online
: Woran liegt das?
Fiebig
: Wir haben im Vergleich zu den Vorjahren einen sehr viel aggressiveren Expansionskurs gefahren - erheblich mehr Hotelzimmer und Flugsitze fest eingekauft und die Vertriebsanstrengungen intensiviert.
Morgenpost Online
: Und Sie verdienen damit Geld?
Fiebig
: Die Konkurrenz hat im Angesicht der Krise ihr Angebot heruntergefahren, um ihre Margen zu sichern. Wir sind in diesem Jahr einen anderen Weg gegangen und haben die Kapazitäten erhöht - und hoffen, dass wir noch buchbar sind, wenn andere bereits ausverkauft sind. Das ist natürlich auch für unsere Reisebüropartner sehr viel wert in einer Zeit, in der immer später gebucht wird.
Morgenpost Online
: Können Sie sich das erklären?
Fiebig
: Die Verbraucher sind verunsichert, weil sie nicht einschätzen können, wie sich die Krise auf ihren Alltag auswirken wird. Das verfügbare Einkommen ist aber eher größer als in früheren Jahren. Wir haben in den vergangenen Monaten aber die Erfahrung gemacht, dass dann kurz vor Ferienbeginn doch noch schnell gebucht wird. Das sehen wir sehr deutlich in unseren Buchungsverläufen.
Morgenpost Online
: Aber mit Schnäppchenjägern lässt sich doch kein Geld verdienen?
Fiebig
: Glücklicherweise hat sich die Branche bislang mit aggressiven Preisangeboten zurückgehalten. Das schadet jedem und kostet schlimmstenfalls die gesamte Marge, die in der Reisebranche sowieso nicht üppig ist.
Morgenpost Online: Welche Marge haben Sie sich denn vorgenommen?
Fiebig
: Eine Erhöhung der Kapazitäten geht natürlich immer zulasten der Marge und der Auslastung. Wir werden aber auch in diesem Jahr mit den Touristikaktivitäten Geld verdienen. Außerdem: Am Ende des Jahres werden wir unseren Marktanteil sehr sichtbar erhöht haben und zu den beiden großen Anbietern aufschließen. Und wir wachsen, ohne dass wir aufstocken müssen, mit der gleichen, hoch motivierten Mannschaft, das schafft auch noch Entlastung auf der Kostenseite.
Morgenpost Online
: Verlieren Sie ohne Akquisitionen nicht den Anschluss?
Fiebig
: Die Rewe-Touristik ist bislang mit organischem Wachstum sehr gut gefahren. Wir sind Marktführer in vielen Bereichen, stark in Osteuropa und sehr stark im Reisebürobereich. Wir entwickeln uns sehr gut und müssen nicht durch kostspielige und risikobehaftete Übernahmen wachsen.
Morgenpost Online
: Wie viel Geld haben Sie denn für mögliche Akquisitionen zur Verfügung?
Fiebig
: Der Rewe-Konzern wird allein in diesem Jahr 1,6 Milliarden Euro investieren. Im letzten Jahr waren es inklusive der getätigten Akquisitionen sogar 2,8 Milliarden Euro. Unsere Finanzierungsmöglichkeiten reichen aus, um uns auch in der Touristik gegebenenfalls noch gezielt zu verstärken.
Morgenpost Online: Könnte das auch eine Airline sein?
Fiebig
: Nein, wir haben uns vor drei Jahren aus gutem Grund von unserer Beteiligung an der LTU getrennt, um möglichst wenig Kapital zu binden und das Auslastungsrisiko zu vermindern. Aber wenn ein Ziel oder eine Strecke sehr gut läuft, chartern wir mittlerweile ganze Flugzeuge für eine Saison. Das ließe sich sicher noch ausweiten. Aber wir wollen und müssen im Tagesgeschäft hoch flexibel bleiben, weil sich der Markt rasend schnell verändert.
Morgenpost Online
: Muss sich dann nicht auch die Veranstaltung von Reisen verändern?
Fiebig
: Das machen wir schon. Als Reiseveranstalter werden wir immer mehr ein Informationsbroker. Wir schnüren Angebote zusammen und müssen dabei immer schneller werden. Touristische Dienstleistungen wie Hotelbetten, Mietwagen oder Ausflüge werden uns immer kurzfristiger angeboten, und wir müssen diese dann so schnell wie möglich an unsere Kunden weiterleiten.
Morgenpost Online
: Wie lange brauchen Sie dafür?
Fiebig
: Unser Geschäft läuft ja immer noch zu über 90 Prozent über die Reisekataloge - aber wenn heute ein Hotelier in Spanien die Preise senkt, dann geben wir diesen aktuellen Preis automatisch so schnell wie möglich an unsere Kunden weiter. Denn wer damit zuerst am Markt ist, bei dem wird auch gebucht. Da kommt es im Zweifelsfall auf einen Tag an.
Morgenpost Online: Wie viel verkaufen Sie zu Katalog- und wie viel im Lauf der Saison zu veränderten Preisen?
Fiebig
: Der Anteil an veränderten Preisen liegt in der Regel zwischen 22 und 25 Prozent. In diesem Geschäftsjahr buchen die Verbraucher ihre Urlaubsreisen jedoch etwas später. Daher wird sich der Anteil erhöhen. Eine genaue Aussage können wir zum jetzigen Zeitpunkt jedoch nicht treffen.
Das Gespräch führten Ernst August Ginten und Hagen Seidel





