Finanzierung

Banken ziehen Kunden bei Zinsen über den Tisch

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Michael Höfling

Millionen Bankkunden sind verärgert: Ihr Steuergeld rettet die Branche, und nun geben Banken die Zinssenkungen nicht an sie weiter. Die Zinsen für Kredite haben sich im Mittel seit Herbst 2008 nur wenig verändert. Da hilft nur eines: Selbst aktiv werden und sich eine bessere Bank suchen.

Es ist immer wieder das gleiche Spiel: Die Europäische Zentralbank EZB senkt die Leitzinsen, und die Geschäftsbanken nehmen umgehend ihre Sätze für Tages- und Festgeld zurück. Bei den Zinsen für Ratenkredite, den Dispo oder Überziehungen des Girokontos tut sich dagegen oft erst mal – gar nichts. Ein Geschäftsgebaren, an das sich Kunden und Öffentlichkeit über die Jahre achselzuckend gewöhnt haben.

Doch seit Ausbruch der Finanzkrise ist nichts mehr, wie es war. Die milliardenschweren Rettungspakete für die Banken haben bei den Steuern zahlenden Kunden ihre Spuren hinterlassen. An der Basis brodelt es, das belegt ein Streifzug durch das Internet. „Haben die Banken schon vergessen, wer sie aus der Krise geholt hat?“, heißt es im Blog Baukredit-Berater.de. Und in einschlägigen Foren machen betroffene Kunden ihrem Unmut Luft. Von „Abzocke“, „Wucher“ und „Skandal“ ist da die Rede.


Verbraucherschützer halten die Wut der Bürger für berechtigt. „Es drängt sich in der Tat der Eindruck auf, dass die Banken sich nicht nur auf Kosten des Steuerzahlers, sondern auch der Kreditnehmer und Anleger sanieren wollen“, sagt etwa Niels Nauhauser, Finanzexperte von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg.


Die Zahlen dazu sprechen eine klare Sprache. Von 4,25 Prozent auf 1,0 Prozent hat die EZB seit Anfang Oktober 2008 ihren Leitzins gesenkt, ein Rückgang von über 76 Prozent. Zu diesem Satz können sich Geschäftsbanken bei der Zentralbank refinanzieren. Die Währungshüter wollen so mit billigem Geld die Wirtschaft wieder in Schwung bringen.

Doch es will nicht so recht dort ankommen, wo es gebraucht wird. Denn die Zinsen für Kredite haben sich im Mittel seit Herbst 2008 nur wenig verändert. Beispiel Dispo-Zins: Der aus 191 Angeboten ermittelte Index des Verbraucherportals Biallo.de belegt, dass der entsprechende Durchschnittszins seit Herbst 2008 von 12,84 auf 12,19 Prozent gefallen ist. Das sind gerade mal fünf Prozent. Ähnlich schleppend verlief die Abwärtsbewegung bei den Ratenkrediten.

Leitzinsen wirken nicht eins zu eins

Auf der anderen Seite waren die Banken deutlich handlungsfreudiger: Die Zinssenkungen der EZB wurden mit Blick auf die Guthaben schnell und unbürokratisch an die Kunden durchgereicht. So belegt der entsprechende Biallo-Index für denselben Zeitraum eine regelrechte Zinsschmelze von 3,29 auf ganze 1,73 Prozent – ein Rückgang um fast die Hälfte. „Sinkende Einlagezinsen, gleichbleibende Kreditzinsen – so erhöhen sich die Banken ihre Margen“, kritisiert Dierk Hirschel, Chefvolkswirt des Deutschen Gewerkschaftsbundes. Die Zeitschrift „Finanztest“ schätzt, dass die deutschen Banken durch dieses Vorgehen dieses Jahr rund 1,3 Milliarden Euro zusätzlich kassierten.

Der Bundesverband Deutscher Banken, der 220 private Institute vertritt, wehrt sich gegen die Kritik. „Die Leitzinsen wirken sich nicht eins zu eins auf die Kreditzinsen aus, da nur ein Bruchteil der Geldversorgung über die Notenbanken erfolgt“, sagt BdB-Experte Dirk Stein. Außerdem müssten Banken bei der Kreditvergabe einen angemessenen Preis für das Risiko berechnen. In dieser Hinsicht seien Kredite vor Ausbruch der Finanzkrise „viel zu billig“ gewesen. Angesichts der schwierigen wirtschaftlichen Lage seien die Banken im Jahresverlauf sowie 2010 sicherlich gezwungen, auch in ihren Kreditbüchern Abschreibungen vorzunehmen. Im Klartext: Kredite werden möglicherweise sogar eher noch teurer werden.

Dabei hat sich auch die Lage bei anderen Refinanzierungsquellen der Kreditinstitute verbessert. Am Interbankenmarkt etwa haben im Zuge der Entspannung auch der Eonia-Satz für unbesichertes Tagesgeld und der Euribor für Termingelder mit unterschiedlichen Laufzeiten deutlich nachgegeben. „Den Normalzustand haben wir aber noch nicht wieder erreicht“, heißt es dazu beim BdB.


Was bleibt Verbrauchern zu tun? „Zumindest im Privatkundengeschäft profitieren die Geldinstitute noch immer von der fehlenden Bereitschaft der Kunden, wenigstens mal die Konditionen zu vergleichen“, sagt Horst Biallo vom gleichnamigen Verbraucherportal. Statt „mit den Füßen abzustimmen“, würden die Angebote zu häufig schicksalsgleich akzeptiert. Das merkt sogar der Bankenverband selbst an. „Die Kunden können sich ohne großen Aufwand Vergleichsangebote einholen und dann nach dem Verhandlungsspielraum bei der eigenen Bank fragen“, sagt BdB-Sprecher Stein.

Denn Zins-Indizes wie die von Biallo.de geben zwar Auskunft über den Trend. Doch es sind eben Durchschnittswerte – das heißt, es gibt immer auch bessere Angebote. Das gilt sowohl für Guthaben als auch für Kredite. Beispiel Dispozins: Wer im Schnitt mit 2000 Euro in den Miesen ist, der bekommt etwa bei der DAB-Bank nur 6,95 Prozent Zinsen aufgebrummt. Für dieselbe Summe sind bei der Postbank 14,25 Prozent fällig. Macht einen Unterschied von rund 150 Euro jährlich.

Für Dispo-Wiederholungstäter ist ohnehin Handlungsbedarf angesagt. „Wer horrende Zinsen für die Kontoüberziehung bezahlt, sollte prüfen, ob er nicht besser damit fährt, diesen durch einen Ratenkredit abzulösen“, sagt Horst Biallo. „Die gesparten Zinsen kann er dann zur schnelleren Tilgung einsetzen.“

Den Markt eingehend sichten

Auch bei den Guthabenzinsen lohnt es, den Markt eingehend zu sichten. Wirklich gute Konditionen deutscher Banken gibt es zurzeit vor allem bei Lockangeboten, die Neukunden einen relativ attraktiven Zinssatz für einen bestimmten Zeitraum versprechen. So geht etwa die Comdirect-Bank mit bis Ende August garantierten „Willkommenszinsen“ von 4,0 Prozent auf Kundenfang. Wer sich auf die Staatsgarantie etwa der Niederlande verlassen mag, die Anlagesummen bis zu 100.000 Euro zu 100 Prozent garantiert, für den sind eventuell auch die Angebote der NIBC Direkt (4,0 Prozent auf Tagesgeld) oder der Garantie-Bank (3,5 Prozent) von Interesse.

Für alle Bankkunden, die sich weiterhin bereitwillig mit den Konditionen ihrer Kreditinstitute abfinden, gibt es eine andere Hoffnung. Der Bundesgerichtshof hat im April der Musterklage einer Verbraucherschutzorganisation stattgegeben, die eine Bezugsgröße für Zinsänderungen einforderte, etwa eine Änderung des Leitzinses oder anderer vergleichbarer Werte. Noch betrifft die Entscheidung nur die Sparkassen. „Möglicherweise aber könnte man hier ansetzen und auch die Banken juristisch zwingen, Zinssatzänderungen nachvollziehbar zu begründen“, hofft Verbraucherschützer Nauhauser.