Schmuggel-Verdacht

Die seltsamen Japaner und der Milliarden-Koffer

Was haben zwei japanische Schmuggler mit den Staaten China, Großbritannien und Russland zu tun? Sie gehören – mit der Regierung ihres Heimatlandes – zu den fünf größten Gläubigern der Vereinigten Staaten von Amerika. Zumindest wenn die Staatsanleihen im Nennwert von 134 Milliarden Dollar in ihrem Koffer echt sind.

Umgerechnet knapp 96 Milliarden Euro (134 Milliarden Dollar) in Wertpapieren, Staatsanleihen der USA, hat die italienische Finanzpolizei Guardia di Finanza bei einer Grenzkontrolle am 3. Juni im Koffer zweier Japaner gefunden, die in die Schweiz reisen wollten. Dass die Papiere echt sind, ist nicht ausgeschlossen. Rätselhaft bleibt, warum zwei Männer im späten Frühling des Jahres 2009 versucht haben, mit Werten über die Grenze zu kommen, die etwa das Zweieinhalbfache der jährlichen Schweizer Bundeseinnahmen ausmachen.

Sicher ist nach jetzigem Stande nur der Ablauf: Die beiden Japaner sind von Mailand mit dem Zug auf einer Nebenstrecke nach Chiasso gefahren, der im Regelfall von Berufspendlern benutzt wird. Offenbar wollten sie möglichst unkontrolliert über die Grenze kommen. Gründlich schiefgegangen: Zwei Beamte der Guardia di Finanza wurden auf sie aufmerksam, und durchsuchten das Reisegepäck, obwohl die beiden nichts deklariert hatten.

Je nach Schilderung in einem Geheimfach oder einem doppelten Boden wurden die Beamten dann auf Papiere aufmerksam. 249 Staatsanleihen im Nennwert von je 500 Millionen Euro und zehn Papiere zu einer Milliarden Euro mit dem Namen „Kennedy-Bonds“. Die Japaner wanderten erst mal hinter Gitter, die Papiere wurden sichergestellt.

Seither tüfteln zwei Geheimdienste, die italienischen Finanzbehörden, die US-Wertpapieraufsicht SEC und die japanische Botschaft in Italien. Japan versucht, mehr über die Identität der zwei Männer herauszubekommen. Beide sollen jenseits der 50 Jahre sein, sie seien mit legalen Papieren gereist und abseits der 134 Milliarden Dollar im Koffer nicht auffällig. Sie sind auch nicht mehr in Untersuchungshaft.

Die italienischen Behörden haben nach früheren Angaben bereits den italienischen Geheimdienst und den Secret Service der USA über den rätselhaften Fund informiert. Die italienische Finanzpolizei hat die SEC gebeten, ihr Expertenwissen bei der Einschätzung der Wertpapiere einzubringen. „Was die Echtheit der Kennedy-Bonds angeht, haben wir noch Zweifel, aber die US-Staatsanleihen im Wert von je 500 Millionen Dollar scheinen glaubwürdig. Sie sind aus Filigranpapier von ausgezeichneter Qualität“, sagte Oberst Rodolfo Mecarelli von der Finanzpolizei Como. Außerdem liege den Papieren eine umfangreiche Bankdokumentation im Original bei. Genauere Auskünfte hoffen die Beamten innerhalb der nächsten Tage geben zu können. Dann wird auch eine verlässliche Aussage aus den USA erwartet.

In Expertenkreisen wird die Echtheit allerdings bezweifelt. Anleihen aus der Kennedy-Zeit habe es nie in so hohem Nennwert gegeben. So hohe Nennwerte würden normalerweise nur zwischen einzelnen Staaten gehandelt, nicht aber unter Privatleuten. Schließlich haben nicht allzu viele Menschen auf der Welt 500 Millionen Dollar für eine einzige Staatsanleihe übrig. Und es sei unwahrscheinlich, dass zwei Männer im Koffer durch die Gegend fahren, was üblicherweise noch nicht einmal im Tresor nur einer Zentralbank lagert.

Nach Russland (138 Milliarden Dollar) und noch vor Großbritannien (128 Milliarden Dollar) lägen die beiden Japaner auf Platz vier der Inhaber von US-Schuldverschreibungen. Selbst wenn die Papiere gefälscht sind, müssen sich die USA einige Gedanken machen. Zwar ist der Fund von nachgemachten US-Bonds kein Einzelfall, aber üblicherweise handelt es sich um wenige Millionen. Ein solcher Umfang zöge die Frage nach sich, was denn sonst noch so alles in den Tresoren von Anlegern schlummert.

Der Staat Italien ist wohl die einzige Partei, für die sich die Sache auszahlt, wenn die Wertpapiere echt sind. Mehr als 10.000 Euro dürfen nicht unangemeldet in ein Land außerhalb der EU ausgeführt werden. Bei Betrugsversuchen schlägt der Fiskus zu. Nach dem Geldwäschegesetz hätte Italien Anspruch auf bis zu 40 Prozent der Summe. Nach heutigem Wechselkurs wären das rund 38 Milliarden Euro.