Die Mitarbeiter des insolventen Arcandor-Konzerns werden in diesem Monat vergeblich auf ihre Gehaltszahlungen warten. „Das Augustgehalt wird sich leider aus abrechnungstechnischen Gründen um ein paar Tage in den September hinein verzögern“, sagte der vorläufige Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg Morgenpost Online. Details nannte er nicht. Die anschließenden Zahlungen für den Monat September könne er zwar nicht garantieren, aber „zusichern“, so Jurist Görg. In den beiden Monaten zuvor seien „über 99 Prozent der Mitarbeiter“ rechtzeitig bezahlt worden. Für Juni, Juli und August kommt das Geld für die Mitarbeiter von Karstadt und Quelle aus dem Insolvenztopf der Bundesanstalt für Arbeit.

Görg hatte in der vergangenen Woche tiefe Einschnitte in den Konzern wie den Abbau von 3700 Jobs bei Quelle und die Schließung von bis zu 19 Warenhäusern angekündigt. Wie groß der daraus resultierende Stellenabbau bei Karstadt werde, „kann man noch nicht sagen. Je weiter wir die Kosten senken können, desto weniger Häuser müssen wir schließen, und es gehen weniger Jobs verloren“, sagte er.

Offenbar sollen vor allem die Vermieter ihre Forderungen reduzieren. Als wichtigste Aufgabe sehe er jetzt die Verhandlungen mit der Valovis-Bank an, die Quelle einen Überbrückungskredit zur Fortführung ihres Geschäftes gewährt hat. Aufs Jahr hochgerechnet zahlt Quelle dafür fast 18 Prozent Zinsen. „Wir werden in den Verhandlungen darauf drängen, die Konditionen deutlich zu verbessern. Solche Zinsen kann das Geschäft niemals erwirtschaften“, warnte Görg.

Der Insolvenzverwalter schließt rechtliche Schritte gegen frühere Vorstände des Unternehmens nicht aus. „Wir sehen einige Hinweise, die wir sammeln und zu gegebenem Zeitpunkt bewerten wollen“, sagte Görg. „Wir haben bis zu drei Jahre Zeit, Konsequenzen zu ziehen.“

Offenbar wurde im Konzern seit Jahren trotz schleppend laufender Geschäfte auffallend viel Geld ausgegeben. „Der dienstliche Aufwand des Vorstandes war sehr hoch. Jedenfalls sehr hoch für ein Unternehmen in der wirtschaftlichen Verfassung wie Arcandor. Ein Vorstandsvorsitzender sollte Vorbild sein; ich habe sparsamere erlebt“, sagte Görg.

Der Jurist zeigte sich entsetzt über das, was er nach der Übernahme des Mandates Anfang Juni vorgefunden habe: „Wir haben mit der Lupe nach der Substanz in diesem Unternehmen gesucht, aber wir haben nichts Nennenswertes gefunden. In diesem Hause gibt es wirklich nichts, was nicht anderen Leuten gehört. Das habe ich in so großen Unternehmen noch nie erlebt“, sagte der erfahrene Sanierungsexperte. Es sei „dem Vorstand erstaunlich lange gelungen, den Staub aus den Ecken zu kehren und auch den noch zu Liquidität zu machen“.

Der Sanierungsspezialist hatte sich in der vergangenen Woche auch von der Hoffnung verabschiedet, Arcandor als Ganzes durch eine Planinsolvenz zu bringen. „Aber dafür hat die Unterstützung von außen gefehlt. Die Alteigentümer haben nicht mehr investiert, neue unabdingbar notwendige Investoren waren nicht in Sicht“, sagte Görg. Dass die von Arcandor vor der Insolvenz beantragte Staatsbürgschaft oder ein Kredit der Bundesregierung die Rettungschance erhöht hätte, „halte ich nicht für gesichert“, meint Görg.

Nach seinen Worten hat das Unternehmen nicht nur seinen Aktienanteil am Touristikkonzern Thomas Cook verpfändet, „sondern auch Namensrechte oder die Gesellschafter-Rechte an Karstadt und Quelle. Wenn wir diese Unternehmen verkaufen wollen, brauchen wir die Zustimmung der Banken, so lange unsere Schulden nicht bezahlt sind.“ Deshalb sei es so wichtig, „dass die Cook-Anteile mehr wert sind als unsere Bankschulden. Dann können die Banken nicht auf die anderen Rechte zurückgreifen“, sagte er. Vor einiger Zeit noch hatte der Wert der Cook-Aktien unter der Summe der Bankschulden gelegen, die Banken hätten somit auch Zugriff auf Karstadt und Quelle. Wegen des Kursanstiegs sieht das nun anders aus.