Teil eins des Projekts Arcandor-Rettung ist gescheitert. Am heutigen Dienstag wird aller Voraussicht nach offiziell das Insolvenzverfahren für den Handels- und Touristikkonzern eröffnet. Das bedeutet: Das Kunstgebilde Arcandor, unter dem die Bereiche Warenhaus (Karstadt), Versand (Quelle) und Touristik (Thomas Cook) gebündelt waren, ist als Ganzes nicht mehr zu erhalten. Jetzt geht es darum, die Teile des überschuldeten Konzerns zu veräußern. Auch für die mehr als 5000 Arcandor-Beschäftigten in Berlin geht es jetzt um alles.

Berlin ist ein Mikrokosmos der Arcandor-Welt. In den zwölf Karstadt-Häusern der Stadt, inklusive KaDeWe, arbeiten rund 3800 Menschen. Mehr als 1000 telefonieren für Quelle im Callcenter in Kreuzberg, dazu kommen Mitarbeiter der acht Quelle-Technikcenter. Diese werden wohl in jedem Fall ihren Job verlieren. Ende des Jahres ist dort Schluss. Laut Ver.di betrifft es bis zu 200 Mitarbeiter. Klaus Hubert Görg, vorläufiger Insolvenzverwalter, will insgesamt 3700 der 10.500 Arbeitsplätze bei Quelle und der Versandsparte Primondo in Deutschland streichen.

Jetzt wird kein Insolvenzgeld mehr gezahlt

Große Ungewissheit herrscht bei den Mitarbeitern der Warenhäuser. „Wir bekommen kaum Informationen“, beklagt der Betriebsrat einer Berliner Karstadt-Filiale. Klar ist, dass von heute an kein Insolvenzgeld mehr gezahlt wird. Die Gehälter der Beschäftigten sind trotzdem vorerst gesichert. Sie werden aus dem laufenden Geschäft der Kaufhäuser finanziert. Doch wie hoch sie sein werden, ist derzeit ein Streitthema.

Insolvenzverwalter Görg, der mit Eröffnung des Insolvenzverfahrens endgültig das Ruder übernimmt, verlangt von den Beschäftigten Verzicht. Auf rund 20 Prozent ihrer Bezüge sollen die Beschäftigten verzichten.

Hintergrund ist eine Eigenheit des Tarifrechts. Vor dem Insolvenzantrag im Juni galt für die Mitarbeiter in den Warenhäusern ein Sanierungstarifvertrag. Im Kern sah er den Verzicht von Urlaubs- und Weihnachtsgeld vor. Im Gegenzug wurde der Erhalt aller 126 Kaufhaus-Standorte zugesagt. Seit der Insolvenz gilt er nicht mehr, die Beschäftigten unterliegen automatisch dem Flächentarifvertrag für den Einzelhandel. Der sieht die Zahlung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld vor. Was wiederum bedeutet, dass die Gehälter nun höher sind als vor der Insolvenz.

Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick nimmt seinen Hut

Görg will nun einen Verzicht durchsetzen und droht mit der Schließung von 19 Standorten. Die Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di verlangt zunächst ein „tragfähiges Zukunftskonzept“ für Karstadt. „Görg fordert Gehaltsverzicht ohne Gegenleistungen“, sagt Ver.di-Sprecherin Cornelia Haß. Man könne den Leuten nicht zumuten, Teile ihres Gehalts zu spenden.

Das zähe Ringen mit den Arbeitnehmervertretern erschwert nun eine Lösung für die Warenhäuser. Offiziell heißt es, mögliche Interessenten, darunter der Konkurrent Metro mit seiner Warenhaustochter Kaufhof, wollten erst einmal das Weihnachtsgeschäft abwarten. Doch sie warten wohl auch, ob es Görg gelingt, den Mitarbeitern Zugeständnisse abzuringen.

Solche Zugeständnisse muss der gescheiterte Arcandor-Chef Karl-Gerhard Eick nicht befürchten. Er wird von heute an nicht mehr gebraucht und wird seinen Hut nehmen. 15 Millionen Euro Abfindung stehen ihm zu.