Deutsche-Bahn-Tocher

Deutsche Bahn fährt trotz Problemen Gewinn ein

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Nikolaus Doll

Foto: AFP

Berliner S-Bahn und der Winter haben der Deutschen Bahn Verluste gebracht. Insgesamt steigerte das Unternehmen aber den Gewinn. Und auch ein Streik scheint nun abgewendet.

Die technischen Probleme der Zugflotte haben Bahnchef Rüdiger Grube bei seinem Vorhaben, den deutschen Schienenverkehr auf Vordermann zu bringen, zurückgeworfen. Die Pannen bei den ICE-Zügen im Winter, die Probleme bei der S-Bahn Berlin und zuletzt der Ausfall von Klimaanlagen bei den Fernzügen haben den Konzern viel Geld gekostet sowie die Zahl unpünktlicher Züge nach oben getrieben. Und das Image des Staatsunternehmens, um das der Vorstandsvorsitzende nach dem Abgang Hartmut Mehdorns ringt, ist erneut beschädigt. „Wir haben das Leistungsversprechen, das wir unseren Kunden gegeben haben, nicht eingelöst“, sagte Bahnchef Grube bei der Präsentation der Halbjahreszahlen in Berlin.

Die frostbedingten Ausfälle von ICE-Zügen haben den Konzern 73 Millionen Euro gekostet, räumte Grube ein. Die S-Bahn Berlin wird statt der ursprünglich erwarteten Millionengewinne allein im ersten Halbjahr ein Minus von 40 Millionen Euro einfahren. Nach Wartungsmängeln hatte das Eisenbahn-Bundesamt (EBA) zeitweise den größten Teil der S-Bahn-Flotte aus dem Verkehr ziehen lassen. Zur Pünktlichkeit sagte Grube, im Schnitt seien neun von zehn Zügen innerhalb der Toleranz – die zahlreichen S-Bahnen im Land inbegriffen. Aber: „Damit sind wir nicht zufrieden, schon gar nicht mit der Quote in den vergangenen drei Wochen.“

Die finanziellen Folgen des Hitzekollapses bei den Fernzügen konnte der Bahnchef noch nicht beziffern. „Klar ist, dass wir bislang 5627 Kunden entschädigt und insgesamt 374.000 Euro ausgezahlt haben“, sagte Grube. Anfang des Monats waren aufgrund der hohen Temperaturen in mehreren Fernzügen die Klimaanlagen ausgefallen. Eine Reihe von Fahrgästen musste von Ärzten behandelt oder in Krankenhäuser einliefert werden. Betroffen waren rund 50 Züge. Die Hitzepannen seien ein „herber Rückschlag“ im Bemühen gewesen, „die Bahn zu einem sympathischeren Unternehmen zu machen“, bekannte Grube.

Ein Qualitätschef soll aufpassen

Die Bahn hat als Reaktion auf die Klima-Pannen die Anlagen umfassend überprüft und lässt sie nun mit geringerer Kühlleistung fahren, um eine Überlastung zu vermeiden. Auf lange Sicht soll eine Qualitäts- und Kunden-Offensive dafür sorgen, dass die Bahn zuverlässiger und pünktlicher fährt – so wie es Grube zu seinem Amtsantritt im Mai 2009 versprochen hatte. „Alle diese Initiativen sind langfristig ausgelegt. Wir betreiben keine Kosmetik und brauchen einen langen Atem“, sagte der Vorstandschef.

Ein „Chief Quality Officer“ soll künftig dafür sorgen, dass es „im Konzern Qualitätsrichtlinien gibt und dass diese auch durchgesetzt werden“, kündigte Grube an. Vor allem die Bereiche Sicherheit und Verlässlichkeit im Betrieb, Reisendeninformation sowie Kundenservice müssten verbessert werden. „Im September informieren wir über Einzelheiten“, sagte Grube.

Keine Hoffnung machte der Bahnchef dagegen den Kunden auf eine kurzfristig absehbare Beruhigung im Fernverkehr und beispielsweise auf einen störungsfreien Winter. „Wir haben uns zwar mit den Herstellern auf eine Lösung zum Tausch der Radsätze beim ICE geeinigt. Das bedeutet aber nicht, dass wir im nächsten Winter schon wieder mehr Fahrzeuge zur Verfügung haben. Die neuen Radsätze müssen ja erst entwickelt, zugelassen, produziert und eingebaut werden“, sagte der Bahnchef. Die Tatsache, dass der Bahn ICE-Züge fehlen und damit eine Reserve, ist die entscheidende Ursache für die gestiegene Zahl von Störungen im Fernverkehr. „Damit es läuft, braucht man acht bis zehn Prozent der Gesamtzahl einer Flotte als Puffer. Die haben wir nicht“, sagte Grube. Stattdessen sind aufgrund der Probleme mit den Achsen bei den ICE-Zügen und den vom EBA verkürzten Wartungsfristen ständig zehn bis 15 Zügen in den ICE-Werken. Insgesamt verfügt die Bahn über 252 ICE-Züge.

Die Probleme im Fernverkehr hatten keine negativen Auswirkungen auf Umsatz und Gewinn im ersten Halbjahr – im Gegenteil. Nach dem Krisenjahr 2009 mit drastischen Einbrüchen steigerte der Konzern sein Ergebnis deutlich . „Wir sind zurück auf Wachstumskurs“, sagte Finanzvorstand Richard Lutz.

Schneller von Berlin nach Dresden

Immerhin scheint die Streikgefahr im deutschen Schienenverkehr vorerst abgewendet. Die Bahngewerkschaften Transnet und GDBA haben sich nach Informationen von Morgenpost Online mit den großen Privatbahnen nach einem Spitzentreffen in Berlin darauf geeinigt, dass es künftig einen Branchentarifvertrag geben wird. „Allerdings sind noch viele Punkte offen. Darunter der, auf welchem Niveau der Branchentarif künftig liegt, also was mindestens als Lohn gezahlt werden muss“, sagte ein Transnet-Sprecher.

Transnet und GDBA hatten am Tag vor der zweiten Tarifrunde mit der Deutschen Bahn bereits den Druck auf den Staatskonzern erhöht – und zugleich den Ton gegenüber den Privatbahnen verschärft. „Sollte die Deutsche Bahn am Donnerstag kein akzeptables Angebot vorlegen und die Gespräche mit den privaten Bahnunternehmen nichts Greifbares in Richtung Branchentarifvertrag bringen, sind Warnstreiks durchaus denkbar“, sagte ein Transnet-Sprecher. Damit hätten erstmals Arbeitskämpfe auf allen Bahnlinien gedroht. Später lenkten die Gewerkschaften ein.

Und noch eine erfreuliche Nachricht gibt es für Berliner Bahnkunden in diesen Tagen – wenigstens für all jene, die nach Sachsen reisen wollen. Die Fahrzeit auf der Bahnstrecke Berlin–Dresden soll bis zum Winterfahrplan 2014 um 30 Minuten verkürzt werden. Die aktuelle Fahrzeit von mehr als zwei Stunden sei „nicht zufriedenstellend“ und müsse verbessert werden, sagte Bahn-Chef Rüdiger Grube nach einem Gespräch mit Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) in Dresden. 2012 bis 2014 sollen die bereits ausgebauten Streckenabschnitte mit moderner Leit- und Sicherungstechnik ausgestattet werden. Dann sollen die Züge künftig auf rund 80 Kilometern der insgesamt 125 Kilometer langen Ausbaustrecke mit 200 Kilometern pro Stunde fahren.