Wackeliger Sozialstaat

So hart ist es, in Spanien arbeitslos zu sein

Spanien befindet sich in der Jobkrise. 2,6 Millionen Menschen haben seit 2007 ihren Arbeitsplatz verloren. Der spanische Wohlfahrtsstaat ist dadurch überfordert, genügend neue Jobs nicht in Sicht. Viele Arbeitslose landen bei Sozialhilfe – die das Niveau von Hartz IV in Deutschland nicht erreicht.

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Das typische Profil eines spanischen Durchschnittsarbeitslosen erfüllt Joaquín Fernández (Name geändert, die Red.) eigentlich nicht. Der 52-Jährige ist in Bielefeld aufgewachsen und ging bei Mannesmann in die Lehre. Danach zog es den Maschinenschlosser wieder in die Heimat seiner Eltern, er ließ sich in Guadalajara nieder, einer damals aufstrebenden Stadt unweit von Madrid. Dort arbeitete Fernández 20 Jahre lang für den deutschen Kfz-Zulieferer Hella. Doch das ist Geschichte.

Am Jahresende schloss das Hella-Werk seine Pforten für immer. Asiaten hatten nach und nach die Maschinen aufgekauft, die letzten Arbeitsgeräte wurden Anfang Januar zum spanischen Mittelmeerhafen Valencia gebracht. Von dort haben sie vor wenigen Tagen den langen Weg ins nordostchinesische Harbin angetreten. „Sie haben ein Stück meines Lebens mitgenommen“, sagt Fernández bitter.

Seit Januar 2010 geht er stempeln. Seine Frau und seine beiden erwachsenen Söhne (23 und 28 Jahre) stehen ebenfalls ohne Job da. Dutzende von Lebensläufen hat der Arbeiter verschickt, ohne Resonanz. Fernández weiß, dass seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt mit über 50 Jahren praktisch gleich Null sind. „Hier in Spanien hat die Krise genau meine Generation und die Jungen erwischt“, sagt er. Mittlerweile gibt es in 1,2 Millionen Familien, in denen keines der Mitglieder mehr ein festes Einkommen bezieht.

Infolge der Krise ist inzwischen jeder fünfte Einwohner Spaniens unter die „relative“ Armutsgrenze gerutscht – das bedeutet ein Jahreseinkommen von weniger als 7950 Euro bei einem Single-Haushalt oder von höchstens 16684 Euro bei einer vierköpfigen Familie.

Nach dem „schlimmsten Wirtschaftseinbruch in den letzten Jahrzehnten“, wie die Bank von Spanien die Krise bezeichnet, sind bei vielen die Sparpolster aufgebraucht. Jede dritte Familie kann unvorhergesehene Ausgaben nicht schultern, meldet des Nationale Statistikamt INE. Fast 40 Prozent der Haushalte können sich keinen Urlaub mehr leisten. Und viele wären froh, könnten sie zumindest ihren täglichen Lebensunterhalt selbst bestreiten.

Die Wohlfahrtsorganisationen boomen. Allein in Madrid gibt es 600 Verbände, die tagtäglich Nahrungsmittel an Bedürftige verteilen. An den Ausgabestellen bilden sich ab vier Uhr morgens schon Schlangen. Stundenlang warten die Menschen, um eine Plastiktüte mit Nudeln, Reis, Tomaten, Joghurts und ein paar Konserven zu ergattern.

Auch die 57-jährige Luisa aus dem Madrider Arbeiterviertel Orcasitas steht oft an. „Keines meiner vier Kinder hat einen Job, die Sozialhilfe reicht hinten und vorne nicht“, klagt sie. „Früher sind fast nur Einwanderer gekommen, doch inzwischen gesellen sich immer mehr Spanier unter die Wartenden“, berichtet Celia Fernández, Gründerin der Wohlfahrtsorganisation Acogem, die sich im Süden der Hauptstadt angesiedelt hat.

Die Nahrungsmittel stammen aus der Madrider Großmarkthalle Mercamadrid oder von den großen Supermarktketten. Doch in Zeiten der Krise ist deren Spendierfreudigkeit merklich gesunken, die Lebensmittel gelangen erst kurz vor dem Verfallsdatum in die Hände der Hilfsorganisationen.

Im Jahr 2009 haben sie 10 Millionen Tonnen Lebensmittel verteilt, doch jetzt könnte der Nachschub ins Stocken geraten, befürchtet man bei der „Lebensmittelbank“ (Banco de Alimentos), einer Sammelstelle vor den Toren der Hauptstadt, die die Spenden abholt und mit Hunderten von Freiwilligen an die Wohltätigkeitsorganisationen weiterleitet.

Der Rückschlag ist hart für Spanien. Denn das Land hatte in den vergangenen drei Jahrzehnten einen Wohlfahrtsstaat mit akzeptablen Standards errichtet, wenngleich er noch nicht mit ganz den nördlichen Nachbarn vergleichbar ist. „Die Krise wird die Regierung zwingen, das Modell, das wir Sozialstaat nennen, zu überdenken“, sagt nun Alfredo Pastor, ehemaliger Staatssekretär für Wirtschaft und Professor an der privaten Business-School IESE.

Schon seit sieben Quartalen befindet sich das Land in der schwersten Rezession seit Einführung der Demokratie. Und für die öffentliche Hand wird es immer schwieriger die steigenden Sozialausgaben zu schultern, da gleichzeitig die Steuereinnahmen sinken.

Die Experten warnen jedoch davor, dass die Regierung ihr Heil einseitig in einem rigorosen Sparkurs sucht. „Das Hauptproblem von Spanien ist nicht die Verschuldung sondern die extrem hohe Arbeitslosigkeit“, sagt Vicenç Navarro, Professor an der Universität Pompeu Fabra. Besonders düster sieht es für die Generation der bis zu 25-Jährigen aus: von ihnen sind mittlerweile 40 Prozent arbeitslos.

Doch wo sollen schnell neue Jobs herkommen? Als der Bauboom Anfang 2007 ein jähes Ende fand, gab es 1,7 Millionen Arbeitslose in Spanien. Mittlerweile stehen 4,3 Millionen Menschen ohne Job da, mit einer Arbeitslosenquote von 18,8 Prozent ist das Mittelmeerland Schlusslicht in der Eurozone.

Und sowohl internationale Organisationen als auch die Bank von Spanien gehen davon aus, dass sich daran auf absehbare Zeit nichts ändern wird. Auch das neue Konjunkturprogramm der sozialistischen Regierung von José Luis Rodríguez Zapatero, mit dem 350.000 zeitlich befristete Stellen geschaffen werden sollen, ist nur ein Tropfen auf dem heißen Stein.

Langfristig verspricht Zapatero den Spaniern einen neuen Aufschwung, basierend auf erneuerbaren Energien und Zukunftstechnologien. Bei der Einführung von Elektroautos, so seine Vorstellung, soll das Land federführend sein, schließlich ist Spanien drittgrößter Autobauer Europas.

Der arbeitslose Maschinenschlosser Fernández will nicht auf den Boom der Elektromobile warten. Bevor die Chinesen gingen, haben sie ihm angeboten, nach Harbin zu kommen, sagt er. Dort solle er den Arbeitern die Handhabung der neu erworbenen Maschinen zeigen. Damals interessierte ihn die Offerte zunächst nicht. Doch nach ein paar Monaten Nichtstun hat er seine Meinung geändert. „Ich würde mich über einen Anruf aus China wirklich freuen“.