Wer in den USA wohnt, dem geschieht es mindestens einmal pro Woche. Man öffnet den Briefkasten, und heraus fällt ein Brief von JP Morgan Chase, der Bank of America oder einer der vielen anderen Banken, die sich im Geschäft mit Kreditkarten tummeln. Der Tenor ist stets der Gleiche: Schlagen Sie jetzt zu, holen Sie sich unsere Kreditkarte, die Konditionen sind günstig wie nie.

Es gibt kaum ein anderes Produkt, das derart heftig beworben wird wie die bunten Plastikkarten. Das hat gewirkt. Die Amerikaner sind die mit Abstand größte Kreditkartennation der Welt. Sie bezahlen per Amex, Visa oder Mastercard fast alles, vom Kaffee bei Starbucks bis zum Neuwagen. Drei Viertel aller Haushalte besitzen Kreditkarten, im Durchschnitt zwölf Stück. Die Banken verteilten die Karten in den vergangenen Jahren wahllos. Eine Kreditkarte konnte im Prinzip jeder haben, egal wie hoch das monatliche Einkommen war und ob es regelmäßige Zuflüsse auf das Girokonto gab. Das hat die Kreditkartenschulden der Nation auf rund 970 Milliarden Dollar anschwellen lassen, fast zehn Prozent des verfügbaren Einkommens.

Doch diese lockere Vergabepraxis rächt sich nun bitter für die Banken. Durch die Wirtschaftskrise können Hunderttausende Karteninhaber ihre Schulden nicht mehr abbezahlen und die Zinszahlungen nicht mehr leisten. Wer seinen Job verloren hat und gerade so das Geld für Miete, Strom und Essen zusammenkratzen kann, dem fehlt oft das Geld für die monatliche Kreditkartenrechnung. Die US-Notenbank Fed stützt mit 200 Milliarden Dollar Banken, bei denen Konsumenten hohe Kreditkartenschulden haben. So soll ein Zusammenbruch des Marktes für Konsumentenkredite verhindert werden.

Lockere Vergabepraxis rächt sich

Zahlungsunfähig werden oft ausgerechnet die ohnehin schon finanziell angeschlagenen Hausbesitzer – die auch schon die Immobilienkrise zu spüren bekamen. Denn viele von ihnen hatten, um ihre Hypothekenzinsen weiter bedienen zu können, in den vergangenen Monaten alles andere nur noch mit Kreditkarte gekauft. Sei es Kleidung, Essen oder die neue Waschmaschine. Und das so lange, bis der Kreditrahmen völlig ausgereizt war.

Die Folge: Fast sieben Prozent aller Kreditkarteninhaber können ihre monatliche Rechnung schon heute nicht mehr bezahlen. Und es wird noch schlimmer kommen. Ende nächsten Jahres werden die US-Banken jeden zehnten Dollar abschreiben müssen, den ihnen die Kartenbesitzer schulden, schätzt die Marktforschungsfirma Innovest Strategic Advisors. Sie rechnet mit 96 Milliarden Dollar, die American Express, Citigroup und Co. verloren gehen. Wie übel die Lage ist, machte ein Kommentar von JP-Morgan-Chef Jamie Dimon deutlich: „Wer jetzt keine Angst hat, ist verrückt“.

Die Kreditkarten gelten als der nächste große Schlag für die Bankenbranche nach dem Platzen der Immobilienblase. Zwar ist die Menge des verliehenen Geldes im Fall Plastikkarten weit kleiner – sie entspricht etwa einem Zehntel der aller Immobilienkredite im Land – doch der Mechanismus ist derselbe: Die Banken, die die Kredite vergaben, schnürten Pakete und verkauften die Risiken an andere Banken weiter. „Deshalb trifft diese neue Krise nicht nur die Kreditkartenbanken selbst, sondern die gesamte Finanzbranche bekommt wieder Schlagseite“, sagt Eric Higgins, Professor für Finanzwesen an der Kansas State University.

Kreditkartengeschäft zieht Banken in den Abgrund

Die ersten Auswirkungen zeigen sich schon. Bankenriese Citigroup kündigte an, rund 50.000 Mitarbeiter wegen der Finanzkrise entlassen zu müssen, und damit 15 Prozent der gesamten Belegschaft. Dafür ist unter anderem das Kreditkartengeschäft verantwortlich. In den USA hat die Bank 54 Millionen Karten im Umlauf. Damit verlor sie allein in den letzten drei Monaten 902 Millionen Dollar, nachdem 2007 noch ein Plus von 1,4 Milliarden Dollar unter dem Strich gestanden hatte. Auch Konkurrent American Express baut Tausende Stellen ab und hat sich angesichts der Lage in eine Geschäftsbank umgewandelt – in der Hoffnung, so vom 700 Milliarden Dollar großen Rettungspaket der US-Regierung zu profitieren.

Auch für die Konzerne, die ihr Geld mit der Abwicklung von Kreditkartenzahlungen verdienen, vor allem Visa und Mastercard, sieht die Zukunft düster aus. Visa meldete zwar noch vor wenigen Tagen einen Umsatzanstieg um 17 Prozent. Aus Geldnot bezahlten Amerikaner häufiger mit Kreditkarten, was eine höhere Anzahl an Bezahlvorgängen für den Abwickler bedeutete. Für 2009 sieht die Firma schwarz, weil die Banken weniger neue Kreditkarten ausgeben.

Die Angst der Kreditkartenfirmen vor der neuen Krise ist so groß, dass sie sich sogar schon an die zuständigen Aufsichtsbehörden wandten und darum baten, rund 50.000 in Zahlungsnot geratenen Kunden 40 Prozent ihrer Schulden erlassen zu dürfen. Ein höchst ungewöhnlicher Schritt, urteilten Medien. Doch nur so, glaubten die Banken, ließen sich weitere milliardenschwere Abschreibungen vermeiden. Allerdings haben die Bankregulierer dieses Gesuch abgelehnt. Entspannung kommt durch die Rettungsaktion der Fed.

Die Zeche zahlen die Kunden

Die Zeche zahlen trotzdem vor allem die Kunden. Denn damit ihnen das Schlimmste erspart bleibt, erhöhen nun viele der Banken den Kreditkarteninhabern drastisch die Zinsen. So erging es zum Beispiel Tommy Newsom, der als Manager bei einem Energieversorger in Texas arbeitete. Der 63-Jährige, dessen Geschichte die Zeitung „USA Today“ vor wenigen Tagen veröffentlichte, besitzt eine Kreditkarte von Marktführer Bank of America.

In den vergangenen Monaten war bei Newsom das Geld knapp, weil er krank wurde und Arztrechnungen in Höhe von 25.000 Dollar bezahlen musste. Viele seiner täglichen Ausgaben stemmte er deshalb mit der Kreditkarte. Als jedoch die Bank merkte, dass er seinen Kreditrahmen stärker ausschöpfte als gewöhnlich, erhöhte sie ihm die Zinsen, auf deftige 27 Prozent.

Die Banken gehen mit solchen Zinserhöhungen, die dieser Tage Hunderttausende Kreditkarteninhaber treffen, noch nicht mal ein Risiko ein, sagt Professor Higgins. "Für die Kunden macht es zunächst keinen Unterschied, wie hoch die Zinsen sind. Denn die monatlichen Raten bleiben gleich.“ Amerikaner sehen die Kreditkartenrechnung als laufende monatliche Kosten an, genau wie Miete oder Strom.

Das liegt daran, dass der weit überwiegende Teil der Kreditkarten in den USA aus sogenannten Revolving Credit Cards oder "laufenden“ Karten besteht. Dabei legt der Kunde einen bestimmten Betrag fest, den er jeden Monat an die Kredit gebende Bank zahlen will, beispielsweise 200 Dollar. Darin sind die Zinsen ebenso enthalten wie die Rückzahlung der Schulden. Steigt der Zins, bleibt die monatliche Rate gleich, doch der Kunde zahlt weniger von seinem Schuldenberg ab – beziehungsweise braucht länger, bis der Saldo ausgeglichen ist.

In Deutschland haben sich solche Karten nicht durchsetzen können, zumindest bislang. Denn hierzulande hat man bei akuter Geldnot in der Regel die Möglichkeit, sein Girokonto zu überziehen, was in den USA meist nicht geht. Deshalb sind Kreditkarten hier völlig anders angelegt, sagt Kreditkartenexperte Frank Braatz, der das Branchenmagazin „Source“ herausgibt.

„Der weit überwiegende Teil der deutschen Kreditkarten – es sind etwa 24 Millionen Stück im Umlauf – funktioniert als sogenannte Charge Card, bei der der fällige Saldo jeweils monatlich komplett vom Karteninhaber bezahlt wird, in der Regel per Lastschrift vom Girokonto.“ Plötzliche Zinserhöhungen wie in den USA müssen die deutschen Kunden also nicht fürchten.