So gut sah es für Stefan Ortseifen schon lange nicht mehr aus. Als Täter und keineswegs als Opfer der Krise erschien der frühere Chef der Düsseldorfer Mittelstandsbank IKB, nachdem er sein Haus im Sommer 2007 in die Beinahe-Pleite gesteuert hatte. Doch die Betrugsklage gegen die US-Bank Goldman Sachs verschafft Ortseifen unerwartet Oberwasser: Mit einem Mal stehen die Investmentbanker von Goldman, aber auch von der Deutschen Bank, am Pranger – sie haben den Düsseldorfern schließlich die späteren Verlustbringer verkauft. Doch so leicht dürfte Ortseifen der Wechsel in die Opferrolle nicht fallen: Unterlagen der IKB, die Morgenpost Online vorliegen, belegen, dass die Bank ganz und gar nicht als unerfahrener Anleger mit Beratungsbedarf auftrat – sondern sich als Vollprofi gerierte.
Im Fokus stehen Wetten auf amerikanische Subprime-Hypotheken, sogenannte CDOs. Die US-Börsenaufsicht SEC wirft Goldman Sachs vor, Investoren wie die IKB bei einer solchen Transaktion im Frühjahr 2007 getäuscht zu haben. Die Investmentbank habe ihnen verschwiegen, dass der Hedgefonds Paulson & Co. bei diesem Geschäft gegen sie wettete – er setzte letztlich erfolgreich auf einen Ausfall der Kredite. Hätten IKB und Co. das gewusst, so die Argumentation, hätten sie nie investiert.
Diese Sicht halten jedoch viele in der Finanzbranche für allzu IKB-freundlich. „In Düsseldorf waren sie voll überzeugt von dem, was sie taten“, sagt ein Kenner des Hauses. Dafür spricht auch die Selbstdarstellung gegenüber Investoren: Die auf komplizierte Kreditpakete spezialisierte Abteilung CAM versprach „Wettbewerbsvorteile durch tief gehende Analyse von Sicherheiten, Strukturen und Managementqualität“ bei solchen Konstrukten. Die IKB verfüge über eine der umfangreichsten CDO-Datenbanken, heißt es weiter in der Präsentation aus dem Januar 2007.
Im Vorfeld eines Investments würden die Manager eines CDOs „vollständig überprüft“, inklusive einer Prüfung der Bücher vor Ort. Außerdem versprach IKB CAM eine eingehende Untersuchung bis auf die Ebene der Vermögenswerte, die der Wette zugrunde liegen – also die einzelnen Immobilienkredite. Entsprechende Informationen lagen auch im Goldman-Fall vor, unabhängig von Paulsons Rolle.
Für Ortseifens Argumentation ist die Eigenwerbung wenig hilfreich. Er muss sich wegen des Verdachts der Untreue vor dem Landgericht Düsseldorf verantworten. Zuletzt hatte er alle Schuld von sich gewiesen und andere für den Zusammenbruch verantwortlich gemacht, namentlich die Deutsche Bank. Auch sie hatte der IKB CDOs verkauft, auch sie informierte ihre Kunden üblicherweise nicht über die Gegenparteien bei den Wetten und auch ihr Verhalten gerät nun erneut in die Kritik.
Bereits im Sommer 2008 war der Freiburger Strafrechts-Professor Walter Perron zu dem Ergebnis gekommen, die Deutsche Bank könnte die IKB betrogen haben. Dabei argumentiert er auch, dass die Düsseldorfer keine derartigen Profis waren, dass man ihnen gar nichts mehr hätte erklären müssen – dazu will der Auftritt der IKB-Vertreter nicht recht passen.
Für eine Reinwaschung der IKB dürften die Vorwürfe gegen die Geschäftspartner daher nicht reichen – die Investmentbanken könnten sie dennoch in die Bredouille bringen. Nicht nur Juristen, auch die zuletzt eher zögerlich regulierende Politik zeigt sich alarmiert, seit die Details riskanter Wetten diskutiert werden. Die Diskussion wird weitergehen: Am Dienstag sagt Goldman-Chef Lloyd Blankfein vor dem US-Senat aus – und am 12. Mai tritt Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann im IKB-Prozess als Zeuge auf.





