Krise? Was haben die Deutschen mit einer Krise zu tun? Bei der jüngsten weltweiten Umfrage der Unternehmensberatung Boston Consulting Group (BCG) fühlten sich nur 29 Prozent der Deutschen persönlich vom globalen Wirtschaftsabschwung betroffen - nur die Chinesen sahen sich mit 25 Prozent der Krise noch ferner. Franzosen (35 Prozent), Amerikaner (49) oder Russen (71) sehen sich nach der Untersuchung, die Morgenpost Online exklusiv für Deutschland vorliegt, deutlich stärker betroffen. Deutschen Pessimismus gibt es dennoch: Die Aussage "Ich mache mir Sorgen um die Zukunft" unterschreibt jeder zweite – die Deutschen liegen hier nur im weltweiten Mittelfeld. Deutschland fühlt sich also derzeit wenig von der Krise betroffen – sorgt sich aber schon mal auf Vorrat.

Und investiert mehr Zeit, um weniger Geld ausgeben zu müssen: 77 Prozent der Befragten kündigten an, künftig länger nach Sonderangeboten suchen zu wollen - in dieser Disziplin ist Deutschland Weltmeister. In Frankreich dagegen halten es nur 52 Prozent für sinnvoll, zusätzliche Zeit für die Schnäppchenjagd zu verwenden. Da verwundert es auch nicht, dass es die Franzosen (56 Prozent) bei weitem nicht so glücklich macht wie die Deutschen (73 Prozent), wenn sie beim Einkauf Geld sparen können.

Für die Konsumenten in Schwellenländern oder China müssen die Deutschen mit ihrem Sparspaß wie Konsumenten von einem anderen Stern wirken: In China empfinden gerade 35 Prozent der Befragten Freude am Sparen, in Russland 41 Prozent und in Brasilien 50 Prozent. "Nicht mehr nur die Deutschen, auch die anderen Europäer haben inzwischen Spaß am Sparen", sagt Ivan Bascle, Konsumexperte bei BCG. "In den Schwellenländern dagegen ist es eher ein Anzeichen wirtschaftlicher Sorgen, wenn der Konsument sehr genau auf den Preis achtet." Deutsche sparen praktisch ohne Not, Mexikaner etwa gerade wegen ihrer Not.

Und bei Mexikos Verbrauchern herrscht echte Krise. Zusammen mit den Spaniern und - mit Abstrichen - den Russen fühlen sie sich vom Abschwung weltweit am stärksten betroffen und sorgen sich am stärksten vor dem, was kommen mag. In Staaten wie Brasilien, China sowie - zum Teil - Russland und Indien (BRIC-Staaten) hingegen haben viele Verbraucher den Eindruck, es gehe wieder aufwärts.

Und hierzulande? "Der Optimismus der Deutschen kehrt zurück", glaubt Bascle. "Er hat aber das Vorkrisenniveau noch nicht erreicht." Der BCG-Handelsexperte erkennt das unter anderem daran, dass "die Anzahl der Deutschen, die ihre Ausgaben verringern wollen, deutlich kleiner geworden ist". Der Wert fiel von 64 Prozent im vergangenen Dezember auf 44 Prozent.

Die Studie stellt auch deutliche Unterschiede im Konsumverhalten zwischen Frauen und Männern in Deutschland und fast ganz Europa fest. "Frauen sind deutlich gestresster als Männer. Deshalb sind sie bereit, zusätzliches Geld für Produkte auszugeben, die diesen Stress abbauen helfen, etwa Kurzreisen oder Wellness", sagt Bascle.

Doch nicht nur Frauen sind demnach bei aller Begeisterung für den günstigen Preis unter bestimmten Umständen bereit, für Dienstleistungen oder Produkte mehr Geld auszugeben als jetzt. Konsumenten beiderlei Geschlechtes allerdings gönnen sich jetzt andere Produkte als vor der Krise. "Die Deutschen und die Europäer sind generell bereit, etwa für Urlaubsreisen, frische Lebensmittel oder die Verschönerung des Heims mehr Geld auszugeben", so Bascle. Prunk und Statussymbole dagegen seien out.

Ein Nobel-Image oder ein edles Markenlogo reichten für einen Artikel nicht mehr aus, um einen hohen Preis zu rechtfertigen. "Diese Produkte müssen heute einen dreifachen Mehrwert bringen: technischen, funktionalen und emotionalen", meint Bascle. Fehle eine dieser Komponenten, griffen die Verbraucher zum billigeren Produkt.