Es gibt immer mehr Nächte, in denen Tobias Armbruster schlecht schläft. Und immer mehr Tage, an denen er keine Lust hat auf seine Arbeit, keine Lust auf das graue Bürogebäude am Kaiser-Wilhelm-Ring in Köln. Weil seine Arbeit dort keine Zukunft hat. "Bisher konnte man das alles irgendwie verdrängen", sagt Armbruster, der anders heißt, sich mit seinem wirklichen Namen aber nicht in die Zeitung traut. "Das alles", das ist für ihn der Abbau von 5700 Arbeitsplätzen bei der Allianz. Und die Frage, ob er in der neuen Welt des Münchener Konzerns noch Platz haben wird.
Nach einem Jahr nun naht das Ende des Verdrängens, und für den 31-jährigen Junggesellen dürfte es kein gutes sein. In den nächsten Monaten verteilt die Allianz die verbleibenden Stellen. "Realistisch betrachtet habe ich keine Chance", sagt Armbruster. Denn ausgewählt wird in erster Linie nach sozialen Kriterien, ältere Mitarbeiter und Eltern kleiner Kinder haben bessere Aussichten.
Seit zehn Jahren arbeitet Armbruster für das Unternehmen. Er will dort bleiben, will weiter Autoversicherungen verwalten und auf keinen Fall weg aus Köln. Doch diese Wünsche wird ihm sein Arbeitgeber kaum erfüllen. Mit jener Allianz, bei der Armbruster 1997 seine Ausbildung zum Versicherungskaufmann begann, hat die heutige nur noch wenig zu tun. Deutschlands größter Versicherer ist kein Hort der Sicherheit mehr für seine Arbeitnehmer. Der Konzern muss sich angesichts des schärferen Wettbewerbs in der Versicherungsbranche verändern, und er verlangt das Gleiche von seinen Mitarbeitern. Doch bislang hat das Unternehmen einen Großteil seiner Belegschaft noch nicht für diesen Kurs gewonnen.
Verwunderlich ist das nicht. Denn die Allianz verordnet sich selbst einen Kulturwandel, mit dem wohl niemand gerechnet hat, der vor fünf, zehn oder gar 20 Jahren dort anfing. Der Versicherer galt als zuverlässig, solide und ein wenig verschlafen. Für die meisten Beschäftigten galt: Einmal Allianz, immer Allianz. Nun sollen sie sich plötzlich auf Veränderungen einstellen, wie sie weite Teile des Konzerns noch nie erlebt haben. Die Akklimatisierung droht noch Jahre zu dauern.
Die Konzernspitze freilich hofft auf die kommenden drei Monate. Am Montag beginnt für weite Teile der Allianz ein bürokratisches Großunternehmen namens Stellenbesetzungsverfahren. Es verteilt mehr als die Hälfte der 23.000 Innendienstler in Deutschland auf die knapperen Arbeitsplätze. Das aufwendige Prozedere soll Ruhe ins Unternehmen bringen, soll den verunsicherten Mitarbeitern wieder etwas Gewissheit geben. Sie sollen bis spätestens September erfahren, in welcher Stadt sie künftig auf welchem Posten arbeiten - oder ob sie künftig überflüssig sind.
Die Riege der Ausgemusterten, intern "Überhang" genannt, landet zwar nicht direkt auf der Straße, weil die Allianz betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2009 ausgeschlossen hat. "Aber danach weiß keiner, was kommt", sagt Armbruster. Deshalb sehen die meisten Allianzler dem Verfahren mit gemischten Gefühlen entgegen. Armbruster gesteht: "Jeder hat Angst vor dem Überhang." Niemand will sich einfach darauf verlassen, dass sich die Allianz schon kümmern wird.
Vorbei ist es damit, seit Konzernchef Michael Diekmann vor knapp einem Jahr angekündigte, 5700 Stellen zu streichen. Das genaue Datum haben die meisten Allianzler noch im Kopf: 22. Juni. "Für uns war das ein Kulturschock", sagt Peter Kossubek, Vorsitzender des Konzernbetriebsrats. Die "Mutter Allianz", die ihren Mitarbeitern einen Job bis zur Rente sicherte, ist seither Geschichte. Diekmann und Gerhard Rupprecht, Chef der Allianz Deutschland AG (ADAG), haben durchaus gute Argumente dafür: Immer mehr Konkurrenten aus dem In- und Ausland setzen der Allianz in Deutschland mit Billigtarifen zu, Marktanteile schrumpfen, der Umsatz in der Sachversicherung stagniert.
Dennoch können viele Mitarbeiter bis heute nicht nachvollziehen, warum die harten Einschnitte sein müssen. Trotz Margendrucks, trotz harter Konkurrenz verbuchte die Allianz im vergangenen Jahr mehr als sieben Milliarden Euro Jahresgewinn.
Eine Umfrage in der Belegschaft im Frühjahr ergab, dass nur die obersten Führungsriegen den Umbau des Konzerns mit großer Mehrheit unterstützen, in den Hierarchieebenen darunter nimmt der Zuspruch rapide ab. ADAG-Personalvorstand Ulrich Schumacher spricht bereitwillig über die Schwierigkeiten des Großprojekts Allianz-Umbau, doch bei den Ergebnissen der Mitarbeiter-Umfrage wird er wortkarg. Durchschnittswerte für alle Abteilungen hätten wenig Aussagekraft, sagt er.
Betriebsräte vermuten eher, die Aussage sei dem Vorstand zu negativ, um sie den Mitarbeitern mitzuteilen. Das Resultat verwundert nicht in einem Konzern, der sich seit wenigstens einem Jahr mit Einschnitten beschäftigt. Bei Schumacher schwingt viel Erleichterung in der Stimme mit, wenn er sagt: "Wir haben die Phase der Diskussionen hinter uns, jetzt geht es an die Umsetzung."
Damit beginnt aber auch eine neue Phase im Verhältnis der Mitarbeiter unter einander. Letztes Jahr ging es noch um kollektiven Widerstand. Mitarbeiter, die Streiks bis dahin nur aus der "Tagesschau" kannten, demonstrierten gegen ihr Unternehmen. "Wir haben mit 200 oder 300 Leuten angefangen", erinnert sich die Frankfurter Betriebsrätin Jeanette Binzer, "und zum Schluss hatten wir fast alle auf der Straße."
Sie klingt wehmütig, wenn sie das erzählt. Nun nützt gemeinsames Marschieren nämlich nichts mehr, es geht um die Zukunft jedes einzelnen. Solidarität lässt sich da schwer durchhalten. Hamburger Mitarbeiter, die letztes Jahr für den Standort Köln auf die Straße gingen, beschweren sich heute bei Betriebsräten, die die Proteste organisierten - weil Köln zwar erhalten bleibt, dafür aber 300 Jobs in Hamburg wegfallen. "Die Stimmung ist jetzt individuell verschieden geworden", sagt Binzer. Sie ist 28 Jahre alt, ledig, keine Kinder. Kaum Sozialpunkte. "Bei Leuten wie mir ist die Angst sicher größer als bei einem Mittfünfziger, der schon 30 Jahre bei der Allianz ist."
Ein wenig haben die Mitarbeiter aber auch selbst in der Hand, ob die Allianz einen Platz für sie hat. Am Montag bekommt jeder eine Liste mit Aufgaben, die für sie oder ihn in Frage kommen - über ein Dutzend Positionen können das sein. Die Mitarbeiter kreuzen an, was sie sich vorstellen können. Wer beispielsweise "Telefonie" auswählt, dürfte vergleichsweise gute Aussichten haben.
Wenn man verstehen will, warum der Versicherer so etwas braucht, sollte man Rüdiger Schäfer besuchen. Er leitet den Innendienst im Südwesten der Republik, und er malt drei windschiefe Kästen auf ein Blatt Papier, um die neue Allianz zu erklären. In einem Kästchen landen künftig alle Anrufe, in einem anderen Faxe und Briefe und im dritten die kniffligen Spezialfälle. "Heute werden die Mitarbeiter ständig bei der Arbeit unterbrochen, weil das Telefon klingelt", sagt Schäfer. "Deshalb ist es besser, die Telefonie auszugliedern." Dabei tippt er begeistert mit dem Kugelschreiber auf das rechte Kästchen seines Blattes.
Im wirklichen Allianz-Leben besteht dieses Kästchen aus zwei Callcentern voller Versicherungskaufleute, eines in Leipzig, eines in Nürnberg. Dafür braucht die Allianz mehrere Mitarbeiter, die sich den ganzen Tag ans Telefon setzen. Wahrscheinlich ein Job mit Zukunft in der Allianz. Doch dafür wollen offenbar nur wenige etwa nach Leipzig umziehen. Weil dort die Stellenbesetzung bereits vorab startete, kann die Leipziger Betriebsratsvorsitzende Simone Ermel schon Bilanz ziehen: Allianzler anderer Standorte interessierten sich kaum für das Telefonzentrum. "In Köln haben sich zum Beispiel nur sieben Mitarbeiter für mobil genug erklärt", sagt Ermel. Die Belegschaft ist Veränderungen nicht gewohnt. In der klassischen Allianz-Welt kursierte etwa unter Schaden-Sachbearbeiter der Wahlspruch: "Einmal Schädling, immer Schädling." Und weil Umzüge für Mitarbeiter mit Familie auch nicht einfach sind, verlassen viele lieber die Allianz.
Dem Konzern ist das nicht unlieb. Denn dank der Abgänge deutet vieles darauf hin, dass die Allianz die Zielmarke von 5700 Stellen ohne Kündigungen erreicht. Fast 2000 Mitarbeiter sind zu Konkurrenten oder in Vorruhestand gegangen, mit ebenso vielen hat die Allianz den Weggang vereinbart. Die Firma hat eigens ein "Transferbüro" eingerichtet, Berufsberater von der Dekra veranstalten auf Konzernkosten ein Bewerbungstraining. "Manche Allianzler haben sich nur einmal in ihrem Leben beworben", sagt Matthias Eckhard, der Leiter des Transferbüros. Er selbst ist aus der Bewerbungsroutine auch längst draußen: Seit mehr als 40 Jahren arbeitet er bei der Allianz.
Zum Ende seiner Laufbahn hat er nun noch eine seine schwersten Aufgaben bekommen: Er soll den Innendienstlern der Allianz auch einen Wechsel in den Vertrieb schmackhaft machen. Bei den selbstständigen Allianz-Agenturen gibt es freie Stellen, doch bislang will sie kaum jemand haben. Selbst an großen Innendienst-Standorten hat sich dem Vernehmen nach nicht mehr als eine Handvoll Mitarbeiter für den Außendienst interessiert. Wenn man Eckhard nach genauen Zahlen fragt, druckst er und gibt schließlich zu: "Gemessen an den 1500 freien Stellen pro Jahr haben sich noch nicht viele Mitarbeiter gemeldet." Der Kölner Kraftfahrt-Sachbearbeiter Tobias Armbruster etwa schließt einen Wechsel in den Außendienst aus. "Zum Verkaufen muss man wohl geboren sein." Er sei es nicht.
Eckhard sagt, er könne diese Haltung verstehen. "Es gibt eben Menschen, die diese Neigung nicht haben." Aber Eckhard sagt auch: "Als Angestellter eines Unternehmens gehört es dazu, dass ich Veränderungen mittrage." In anderen Konzernen ist das eine abgedroschene Floskel. Bei der Allianz hören viele diesen Satz zum ersten Mal.


