Das Gebäude wirkt klobig, die Mauern sind grau. Rechts klafft eine Baulücke, links ist eine Postfiliale, wenige Meter weiter lärmen Straßenbahnen und Bauarbeiter. Wer würde vermuten, dass in dieser schmucklosen Umgebung derzeit eines der quirligsten Unternehmen Berlins durchstartet? „Zum Glück ziehen wir bald um“, sagt Michael Kuhls, Kommunikationschef von Zalando.de. Dabei ist nicht einmal die Nachbarschaft das Problem. Vielmehr reichen die Räume für die Start-up-Firma nicht mehr aus.

Zalando.de ist Deutschlands größter Schuh-Shop im Internet – und spätestens seit Herbst 2009 platzt die junge Firma aus allen Nähten. Zinnowitzer Straße in Mitte, fünfter Stock. Die Sonne knallt durch die Dachfenster, ein grauer Teppich führt durchs Großraumbüro. Um zum Führungsstab auf die offene Galerie zu kommen, muss man einen Kickertisch umrunden, daneben stapeln sich Kisten mit Wasser und Cola. Stimmengewirr. Wohin man blickt: junge Menschen in Jeans und T-Shirts, kleine Gruppen ins Gespräch vertieft oder gemeinsam über den Computer gebeugt. Auch der letzte Arbeitsplatz ist belegt, die letzte Ecke ausgeschöpft.

Mehr als 150 Mitarbeiter hat Zalando zurzeit – weit über die Hälfte von ihnen ist erst in diesem Jahr hinzugekommen. Trotzdem wirbt die Web-Seite um weiteren Zuwachs: neun offene Stellen im Marketing, acht in der Logistik, fünf Stellen in der Fotoabteilung, sechs im Einkauf. Um nur einige zu nennen.

Wie Zalando im Internet funktioniert

Das Konzept ist ebenso einfach wie einleuchtend: Von Adidas über Birkenstock und Clarks bis zu Jette Joop führt Zalando die aktuellen Modelle von mehr als 200 Marken. Statt mit einer begrenzten Vorauswahl im Ladengeschäft vorlieb nehmen zu müssen, klicken sich die Kunden im Internet bequem durchs Angebot und bestellen sich die Sachen nach Hause, wo sie sie direkt vorm Kleiderschrank anprobieren können. Was nicht gefällt, wird zurückgeschickt – Lieferung und Rückgabe sind kostenlos.

Im Herbst 2008 suchten die beiden Wirtschaftsabsolventen Robert Gentz und David Schneider zusammen mit den Brüdern Samwer, die sie von der Uni in Koblenz kannten, nach einer guten Geschäftsidee. Marc, Oliver und Alexander Samwer waren noch keine 30 Jahre alt, als sie 1999 den Ebay-Nachahmer Alando gründeten und nach wenigen Monaten für 50 Millionen Dollar an Ebay verkauften. Ähnlich lief es mit dem Klingelton-Anbieter Jamba. Mit dem Gewinn legten sie den European Founders Fund auf, der Kapital für junge Internet-Firmen bereitstellt.

Dass die Zalando GmbH deutlich nach dem Samwer-Goldesel Alando klingt, ist deshalb auch kein Zufall. „Das haben wir mit einem Augenzwinkern gemacht“, sagt Geschäftsführer Gentz. Wie damals mit Ebay entdeckte das Gründergespann in den USA ein vielversprechendes Geschäftsmodell, das es in Deutschland nicht gab: E-Commerce für Schuhe. „Schuhe sind ein Long-Tail-Produkt, das heißt: Es gibt sie in einer so großen Vielfalt, dass das Internet im Grunde der perfekte Vertriebskanal ist“, erläutert Gentz. „In einem normalen Schuhgeschäft finden Sie vielleicht 600 Modelle – da sind dann aber alle Farbvarianten und Größen eingerechnet. Bei Zalando haben Sie die Wahl unter ungefähr 14.000 Paaren.“

Zum Kerngeschäft sind andere Geschäftsfelder hinzugekommen

Spätestens seit die Samwers im Herbst noch einmal kräftig Kapital zuschossen, brummt es bei Zalando. Jeden Tag klicken mehrere Hunderttausend Besucher die Web-Seite an. Längst sind zum Kerngeschäft andere Geschäftsfelder hinzugekommen: eine Kinderlinie und ein Sportschuhbereich, Kleidung und seit Anfang Juni ein Shop mit Kosmetik.

Ziemlich viel zu managen für eine so junge Geschäftsleitung: David Schneider ist 27 Jahre alt, Robert Gentz ganze 26 Jahre. Hat er nicht manchmal Angst, dass ihm das rasante Wachstum irgendwann um die Ohren fliegen könnte? „Wie, Angst?“, fragt Gentz, guckt irritiert und ergänzt nach kurzem Überlegen: „Angst in dem Sinne haben wir eigentlich nicht, aber natürlich haben wir Respekt vor der Verantwortung, die wir inzwischen tragen.“ Da sei es schon ganz gut, dass die Samwers und ihre Investmentfirma Rocket Internet immer ein Auge auf die strategischen Entscheidungen hätten.

Als nächster großer Schritt steht der Umzug an – auch eine Form der Firmenkonsolidierung. Zurzeit verteilen sich Mitarbeiter auf fünf Standorte. Anfang Juli wird Zalando das alte Umspannwerk in der Kopenhagener Straße im Prenzlauer Berg beziehen – 4000 Quadratmeter unter einem Dach. Nicht nur Gentz freut sich darauf. „Dann haben wir das Unternehmen endlich wieder vereinigt“, sagt er.