Birgit Steiner zuckt hilflos die Achseln. „Ärgern hilft nichts“, sagt die Frau in der roten Strickjacke und beißt in ihr Croissant. „Als Aktionär muss man sich damit abfinden, dass man verlieren kann.“ Seit zehn Jahren hat die Frau aus der Nähe von Limburg Aktien der Commerzbank, und sie hat viel verloren in dieser Zeit – der Kurs ist um mehr als 80 Prozent eingebrochen.

Sie wünsche sich, dass die Bank nach zwei Jahren mit Milliardenverlusten wieder auf die Beine komme, sagt Steiner. „Aber dass ich daran glaube, wäre zu viel gesagt.“ Und deshalb regt es sie auf, wenn der Aufsichtsrat höhere Gehälter für den Vorstand zur Abstimmung stellt. „500.000 Euro sind wirklich genug bei diesem Zustand der Bank.“

Aktionäre sind normalerweise keine Kapitalismuskritiker, die Managern ihre Vergütungen neiden. Doch bei der Commerzbank ist mehr als ein Jahr nach dem Rettungseinstieg des Staates wenig normal im Verhältnis zu den Anteilseignern. Entsprechend angespannt wirkte Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller, sonst ein eloquenter Rheinländer. Zu Beginn der Hauptversammlung zeigten sich ärgerliche Falten auf seiner Stirn. Viel sei berichtet worden über das neue Vergütungsmodell der Commerzbank, das unter anderem eine Erhöhung des Fixgehalts für Vorstände von 500.000 auf 750.000 vorsieht.

Dabei habe der Aufsichtsrat längst beschlossen, was Politiker zuletzt noch einmal forderten: Eine Begrenzung der Gehälter auf 500.000 Euro, so lange die Stille Einlage des Rettungsfonds SoFFin nicht voll verzinst wird. „Die volle Vergütung von 1,75 Millionen Euro wird frühestens in 2015 ausgezahlt, wenn alle Ziele erreicht werden“, sagte Müller.

Die Wut mancher Anteilseigner konnte er damit nicht zerstreuen. Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) forderte, den Gehaltsdeckel bestehen zu lassen, so lange die Bank ihre Staatshilfen nicht zurückgezahlt habe und zudem Personal abbaue – „das ist eine Frage der Außenwirkung, des guten Geschmacks und des Anstands“.

Der für renitente Auftritte bekannte Aktionär Richard Mayer wäre nicht einmal damit zufrieden. Er beschimpfte Vorstandschef Martin Blessing als „Totalversager“ ohne gesunden Menschenverstand – „der ist sein Geld nicht wert, der muss noch was mitbringen“. Müller solle seinen Ziehsohn endlich stürzen. Mit der Dresdner Bank habe man der Allianz im Jahr 2008 „totalen Schrott“ abgekauft. Andere Aktionäre drückten sich höflicher aus, aber bohrende Fragen zum Dresdner-Kauf kamen immer wieder. Mehrere Aktionäre beantragten eine Sonderprüfung.

Kein Wunder, dass auch Blessing eher verkrampft auftrat, im Scheinwerferlicht spiegelten sich Schweißperlen in seinem Gesicht. Er versprach für das Jahr 2010 einen Umschwung bei den Ergebnissen. Nach dem überraschend hohen Gewinn im ersten Quartal seien auch die Monate April und Mai gut gelaufen. Ob es tatsächlich zu einem Gewinn im Gesamtkonzern reicht, traut sich der Vorstand allerdings nach wie vor nicht vorauszusagen. Immerhin fallen Integrationskosten von 1,9 Milliarden Euro dieses Jahr weg, außerdem blieb die Pleitewelle bei Mittelstandskunden bisher aus.

Im Falle eines Gewinns wären jedoch bis zu 1,6 Milliarden Euro an Zinsen an den SoFFin zu zahlen. „Dass wir mal wieder Dividende bekommen, ist so wahrscheinlich wie die Schuldenrückzahlung von Griechenland“, ätzte ein Aktionär.

Die Hauptversammlung hielt für die Anteilseigner noch weitere Einschnitte bereit. Um in den kommenden Jahren zumindest einen Teil der Staatshilfen zurückzahlen zu können, wollten sich Vorstand und Aufsichtsrat milliardenschwere Kapitalerhöhungen genehmigen lassen.

Kleinaktionäre kündigten erbitterten Widerstand an. Allerdings galten die Mehrheiten angesichts der Zustimmung des SoFFin und weiterer Großaktionäre als gesichert. Aktionärin Steiner tröstete sich damit, dass es andere Anteilseigner noch schlimmer erwischte: „Commerzbank ist immer noch besser als Hypo Real Estate.“