Die Situation bei Arcandor ist so unübersichtlich wie die Warenpräsentation in manch schlecht sortierter Kaufhausabteilung: Vieles ist im Angebot, aber man weiß nicht, was man nehmen soll. Immerhin so viel ist klar: So ernst wie jetzt jedenfalls war die Lage noch nie für den Krisenkonzern.

Das Management um Firmenchef Karl-Gerhard Eick beantragt deshalb inzwischen offenbar jede Art von öffentlicher Förderung, die für Unternehmen auf dem Markt ist: eine Staatsbürgschaft über 650 Millionen Euro und einen Kredit der Staatsbank KfW ebenso wie seit heute eine Rettungsbeihilfe in Höhe von 437 Millionen Euro. Wenn eines – etwa die Bürgschaft – nicht klappt, dann nimmt Eick halt das andere, die Beihilfe. Also Geld vom Steuerzahler.

Wie er dieses Geld – falls er es denn tatsächlich bekäme – nach sechs Monaten allerdings wieder zurückzahlen will, bleibt ein Rätsel. Denn in den vergangenen Monaten hat sich bei Arcandor noch jede Finanzspritze binnen kürzester Zeit in Luft aufgelöst.

Doch selbst, wenn es klappen sollte, bleibt die Frage: Warum soll die Allgemeinheit angesichts der Kette von Managementfehlern der vergangenen Jahre und der Überkapazitäten am Markt für Arcandor einspringen? Muss man nicht irgendwann akzeptieren, dass ein Geschäftsmodell einfach nicht funktioniert? Sollte man dann nicht über eine Zerschlagung oder Insolvenz nachdenken und den Verlust einiger Arbeitsplätze akzeptieren, um einen großen Teil des Unternehmens in anderer Form überlebensfähig zu halten?


Vor allem dann, wenn die durchgesickerten Angaben aus dem Gutachten von PriceWaterhouseCooper (PWC) stimmen, kann Arcandor nicht einen einzigen Euro Steuergeld verlangen. Denn danach hat das Unternehmen geschönte Zahlen etwa über die Höhe des Eigenkapitals vorgelegt, um an staatliche Hilfe heran zu kommen. Im Umfeld des Unternehmens ist zu hören, dass die kolportierte Grundtendenz des Horror-Gutachtens tatsächlich stimmt, wenn auch die Zahlen nicht ganz so deutlich geschminkt worden sein sollen, wie jetzt zu hören ist.

Doch wo ein Gutachten ist, da gibt es auch ein Gegengutachten: KPMG bescheinigt Arcandor – im Gegensatz zu PWC –, dass es mit dem von Eick bereits verkündeten und von Roland Berger erarbeiteten Konzept doch zu retten ist. Dieses ist ein freies Land – und jeder kann sich das Gutachten aussuchen, dem er glauben möchte.

Wenn allerdings das Papier von PWC der Realität näher kommt, wenn es Arcandor also noch schlechter geht, als bisher bekannt ist, dann gerät möglicherweise sogar die von vielen Politikern bevorzugte Krisenlösung in Form der Deutschen Warenhaus AG in Gefahr. Metros Kaufhof will danach 60 der 90 Karstadt-Häuser samt Mitarbeitern ins eigene System übernehmen und die übrigen 30 anders nutzen.

Doch noch kennt Metro nicht alle Gewinn- und Verlustzahlen der einzelnen Karstadt-Häuser, noch hat der Deal also etwas vom Kauf der sprichwörtlichen Katze im Sack. Dass Karstadt in den vergangenen vier Jahren im Schnitt 140 Millionen Euro verbrannt hat – immerhin das wissen die Kaufhöfer schon. Und sie haben sich einen Notausgang offen gehalten: "Wenn wir Einblick in die Zahlen von Karstadt bekommen und die noch schlechter sind als erwartet, könnten Vorstand und Aufsichtsrat der Metro AG den Plan selbstverständlich ablehnen“, sagte Metros Finanzvorstand Thomas Unger Morgenpost Online.


Und dann bleibt tatsächlich nur noch die Insolvenz – gegen die sich jedoch die mächtigen Banken stemmen. Denn sie würden zu den Hauptverlierern gehören, müssten sie bei einer Insolvenz doch einen Großteil ihrer Kredite in den Wind schreiben.

Oder die Haupteigentümer, das Bankhaus Sal. Oppenheim und Quelle-Erbin Madeleine Schickedanz greifen, um ihren Laden zu retten, noch einmal ganz tief in ihre Taschen. Doch auch dort ist nach so langer Arcandor-Krise inzwischen immer weniger drin. Allerdings immer noch mehr, als bei den 30.000 Karstadt-Mitarbeitern, von denen viele in diesen Tagen um ihre Jobs bangen.

Vielleicht macht uns die Elefantenrunde schlauer. Heute Nachmittag treffen sich an einem runden Tisch im Bundeswirtschaftsministerium die wesentlichen Beteiligten: Arcandor-Chef Eick und sein Warenhaus-Vorstand Stefan Herzberg, Metro-Boss Eckhard Cordes samt Chef-Kaufhöfer Lovro Mandac, Wirtschaftsminister Guttenberg und Vertreter des Finanzministeriums. Und dem Vernehmen nach auch Alexander Debelius, der Deutschland-Chef der US-Bank Goldman Sachs. Er hatte mit dem früheren Arcandor-Chef Thomas Middelhoff den Verkauf der Karstadt-Warenhäuser an die Goldman-Tochter Whitehall organisiert. Karstadt hatte die Häuser zu hohen Konditionen zurück gemietet. Müsste Arcandor Insolvenz anmelden, dürfte Goldman große Probleme mit Mietausfällen bekommen.

Auf der Suche nach neuen Geldquellen hat der angeschlagene Touristik- und Handelskonzern Arcandor einen staatlichen Kredit von 437 Millionen Euro beantragt. Im folgenden einige Informationen über das Verfahren und die Voraussetzungen für eine solche Rettungsbeihilfe:

WER ENTSCHEIDET ÜBER DEN KREDIT?

Den Kredit würde Arcandor von der staatseigenen KfW-Bankengruppe erhalten, die das Ausfallrisiko prüft, die Konditionen festlegt und das Geschäft abwickelt. Voraussetzung dafür ist, dass die Bundesregierung diesen Kredit absegnet. Auf diesem Weg hat zuletzt Opel ein Darlehen über die KfW erhalten, davor auch Unternehmen wie Holzmann und Mobilcom.

WELCHE VORAUSSETZUNGEN MÜSSEN ERFÜLLT WERDEN?

Die Rettungsbeihilfe ist auf sechs Monate befristet. Danach muss das Geld entweder zurückgezahlt werden oder es wird ein umfassendes Sanierungskonzept vorgelegt, so dass der Kredit in eine dauerhafte Beihilfe umgewandelt werden kann. Das Darlehen muss zu marktüblichen Konditionen vergeben werden: Die Zinsen dürfen nicht unter dem aktuellen Marktniveau liegen.

WIE HOCH DARF DIE BEIHILFE SEIN?

Der Betrag ist begrenzt. Als Faustformel gilt: Der Kredit darf nicht höher sein, als für eine Weiterführung des Unternehmens für maximal sechs Monate erforderlich ist.

MUSS DIE EU-KOMMISSION ZUSTIMMEN?

Die EU-Kommission hat das letzte Wort. Wenn die Rettungsbeihilfe nach sechs Monaten in eine dauerhafte Beihilfe zur Restrukturierung umgewandelt werden sollte, sind Auflagen zu erwarten. Mit diesen stellt die Kommission sicher, dass der Wettbewerb durch die Staatshilfe nicht verzerrt wird. Die Brüsseler Behörde hat dem Wirtschaftsministerium zufolge zugesagt, den Arcandor-Antrag schnellstmöglich zu prüfen.