Mangelnden Optimismus konnte man Amerika wirklich noch nie vorwerfen. Das zeigt sich auch inmitten der schwersten Wirtschaftskrise seit 1929. So gibt die New Yorker Zeitung „Daily News“ ihren Lesern Tipps, welche zehn Dinge sie sich unbedingt noch leisten sollen, bevor die Rezession schon wieder vorbei ist. Dazu zählen unter anderem Diamanten, die im Schnitt 14 Prozent billiger sind als im vergangenen Sommer, ein feines Essen im Restaurant oder ein neues Auto zum Spottpreis. Ganz so, als wäre die Krise nichts anderes als die perfekte Gelegenheit zum Schnäppchenjagen.
Allerdings gibt es tatsächlich erste Anzeichen, dass sich die Lage in den USA zumindest langsam stabilisiert. „Es ist bereits eine Verbesserung, dass manche Indikatoren nicht mehr so schnell fallen wie zuvor“, sagt Harm Bandholz, US-Experte bei der Bank UniCredit in New York. Jetzt schon einen kräftigen Aufschwung auszurufen wäre zwar verfehlt. „Aber zumindest erwarten wir, dass die Rezession in den USA im Herbst zu Ende geht“, sagt Bandholz.
Für Europa und insbesondere für das stark exportabhängige Deutschland wäre das eine gute Nachricht. „Die Weltwirtschaft erholt sich erst wieder, wenn sich die USA aus der Rezession befreit haben“, sagt Barry Eichengreen, Ökonomieprofessor an der Universität Berkeley in Kalifornien.
Seit fast eineinhalb Jahren steckt die größte Volkswirtschaft in einer Rezession. Im vierten Quartal 2008 ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 6,3 Prozent eingebrochen. Wenn das National Bureau of Economic Research heute seine Schätzung für die ersten drei Monates dieses Jahres bekannt gibt, dürften die Zahlen nur geringfügig besser ausfallen. Die Deutsche Bank rechnet mit einem Rückgang von 3,9 Prozent gegenüber dem Vorjahr, UniCredit mit minus 4,5 Prozent. Der Chefvolkswirt der Commerzbank, Jörg Krämer, bezeichnet diese „Entschleunigung“ der Rezession als ein ermutigendes Zeichen.
Dass es leisen Grund zur Hoffnung gibt, liegt vor allem an Entwicklung der Lagerhaltung. Wegen der Krise haben amerikanische Firmen ihre Produktion drastisch herunter gefahren und ihre Lager leer geräumt. Nach Schätzungen von UniCredit lag der Abbau zwischen Januar und März bei 5,5 Prozent. „In den vergangenen 50 Jahren hat ein derart kräftiger Rückgang nicht nur den unteren Wendepunkt des Lagerzylus markiert, sondern auch das Ende der Rezession“, sagt Harm Bandholz. Da die Amerikaner dank des üppigen Konjunkturpakets von Präsident Obama ihre Kauflust nicht völlig verloren haben, müssen die Firmen wieder produzieren, um die Nachfrage bedienen zu können. Und das wäre der Anfang vom Ende der Krise. Zumal sich auch die Stimmung unter den Einkaufsmanagern der Industrie und Konsumenten etwas aufgehellt hat.
Und so verbreiten Notenbankgouverneure, Minister und allen voran Präsident Obama selbst Zuversicht: „2009 wird noch ein schwieriges Jahr“, sagte Obama. „Aber zum ersten Mal sehen wir einen Hoffnungsschimmer.“ Und sein Berater Lawrence Summers legte vergangenes Wochenende in einer Fernsehsendung nach: Das Bild sei nicht mehr komplett negativ, sondern gemischt.
Störfeuer bleiben allerdings. Auf dem US-Immobilienmarkt, wo die Krise ihren Ursprung hatte, ist eine Erholung nicht in Sicht. Landesweit liegen die Häuserpreise nun fast ein Drittel unter dem Höchststand von Juni 2006. Zwischen Januar und März wurden zwei Drittel weniger Baubeginne gemeldet als im Vorquartal. Im Jahresvergleich gingen sie im März um 10,8 Prozent zurück.
Auch auf dem Arbeitsmarkt wird sich die Lage erst noch einige Monate deutlich verschlechtern, bevor es wieder aufwärts geht. Seit Beginn der Rezession haben mehr als fünf Millionen Amerikaner ihren Job verloren. Allein im März meldeten sich 663.000 US-Bürger arbeitslos – so viel wie zuletzt 1982. Bis zum Jahresende dürfte sich die Quote von 8,5 Prozent auf 10,5 Prozent erhöhen. Sollte einer der beiden Autobauer General Motors oder Chrysler tatsächlich Pleite gehen, wird es dabei nicht bleiben. Denn dann frisst sich die Krise nach und nach durch, von den Zulieferfirmen bis zu den Werbeagenturen. Für eine Volkswirtschaft, deren Bruttoinlandsprodukt zu 70 Prozent vom Konsum der Privatleute abhängt, schlechte Zeichen.
Ein großes Risiko geht nach wie vor vom Bankensystem aus, bei dem die Probleme nicht behoben sind. Derzeit unterzieht die US-Regierung die 19 größten Institute einem Stresstest, bei dem geprüft wird, ob sie bei schlechterem wirtschaftlichen Umfeld bestehen können. Etwa wenn noch mehr Menschen ihren Job verlieren, Kredite nicht mehr bedienen und die Banken auf Schulden sitzen bleiben.
Der Internationale Währungsfonds schätzt, dass amerikanische Banken und Versicherungen noch faule Kredite und Wertpapiere im Umfang von 2,7 Billionen Dollar abschreiben müssen. Ein Grund, weshalb die teils erstaunlich guten Quartalszahlen großer US-Banken an den Aktienmärkten auch mit einem eher verhaltenen Kursanstieg quittiert wurden. Die Institute hatten von einer erst kürzlich geänderten Bilanzierungsregel Gebrauch gemacht, nach der sie Ramschpapiere auch noch nach einiger Zeit abschreiben können. Für die dringend notwendige Klarheit in den Bankbilanzen sorgt dies nicht, entsprechend verunsichert reagierten die Märkte.
Sollte die erhoffte wirtschaftliche Erholung dauern, dürfte die Regierung nach Einschätzung von Ökonomen nachlegen. „Ich wäre nicht überrascht, wenn demnächst noch ein Konjunkturpakt käme“, sagt Carl Riccardonna von der Deutschen Bank in New York. Denn der US-Notenbank bleibt nicht mehr viel Spielraum, um die Wirtschaft anzukurbeln. Den Leitzins hat sie bereits nahe Null Prozent gesenkt. Und durch den Kauf langlaufender US-Staatsanleihen versorgt sie die Märkte mit zusätzlicher Liquidität.
800 Mrd. Dollar (609 Mrd. Euro) umfasst das bisherige Konjunkturpaket der US-Regierung. Ein Drittel davon sind Steuersenkungen, um die Menschen weiter zum Geldausgeben anzuregen. Dass gerade der übermäßige Konsum auch ein Grund für diese Krise war, stört Deutsche Bank-Experte Riccardonna wenig: „Jetzt geht es erst darum, mit allen Mitteln die Konjunktur zu stützen“, sagt er. „Dann können wir uns Gedanken über exzessive Konsumausgaben machen.“





