Paletten für Frachtflugzeuge sind zwar meistens mit durchsichtiger Plastikfolie überzogen. Doch den Inhalt kann man nicht erkennen, er verbirgt sich oftmals unter neutralen Kartons. Grund dafür: Die Hersteller für Konsumgüter wollen aus Sicherheitsgründen nicht, dass jemand erfährt, was sie wo transportieren. Wenn etwa das iPhone oder das neue iPad von Apple aus Shanghai nach Europa geflogen werden, sollte möglichst niemand wissen, in welcher Ladung die teuren und begehrten Geräte liegen. Und natürlich sprechen auch die Transportfirmen nicht konkret über ihre Auftraggeber.
Trotzdem wissen Experten, was in den Frachtflieger so alles gestapelt wird. Der Computerkonzern Apple zum Beispiel lässt einen Großteil seiner Geräte in Südchina fertigen. Von dort aus geht die Ware per Luftfracht nach Amerika oder Europa. Apple könnte auch den viel günstigeren Weg über das Containerschiff nehmen.
Das aber dauert zehn Mal so lange: Statt zwölf Stunden per Luftfracht plus ein oder zwei Tagen für Zoll und Warenabfertigung benötigt ein Containerschiff 25 Tage zum Beispiel für die Fahrt von Shanghai nach Hamburg. Hinzu kommt noch rund eine Woche für die Abfertigung. In der Welt der elektronischen Innovationen ist das eine Ewigkeit. In der Zeit könnte die Konkurrenz doch längst die Kunden für sich begeistert haben. Deshalb gönnen sich Apple, Hewlett Packard oder auch Dell untereinander keinen Zeitvorteil und wählen alle das teure Flugzeug als Transportmittel.
Ganz andere Gründe gibt es dafür, dass bestimmte Lebensmittel per Luftfracht über weite Strecken transportiert werden. Eine Papaya-Frucht aus Südamerika würde die lange Schifffahrt nicht überstehen und wäre beim Ausladen nicht mehr frisch. Auch einige Fischsorten kommen per Flugzeug auf europäische Wochenmärkte. Dazu gehört etwa das Viktoriabarschfilet aus Kenia. Deshalb ist auch der Frankfurter Flughafen Deutschlands größter Umschlagplatz für frischen Fisch – und nicht Hamburg oder Bremerhaven.
Im vergangenen Jahr wurden dort rund 20.000 Tonnen umgeschlagen. Und auch den bunten Frühlingsstrauß gibt es bei uns nur, weil er per Luftfracht ankommt. Schnittblumen aus Afrika werden per Flugzeug etwa nach Amsterdam in den größten Blumenladen Europas gebracht. Allein am vergangenen Freitag lagerten am Flughafen von Nairobi 500 Tonnen Blumen im Wert von 1,5 Millionen Euro für den Abtransport – und nichts ging mehr.
All diese Güter sind von der Unterbrechung des Flugverkehrs durch die Vulkanwolke aus Island betroffen. „Wir haben unsere Lieferanten in Florida und Lateinamerika informiert, dass sie keine einzige Blume auf ihren Plantagen mehr ernten und uns nach Deutschland liefern sollen“, sagt Ralf-Rainer Ausländer, Geschäftsführer der Air-Berlin-Frachttochter Leisure Cargo, Morgenpost Online.
Im Auftrag von Air Berlin werden wöchentlich 2000 Tonnen Ware per Luftfracht befördert, das meiste auf interkontinentalen Routen. „Gut zwei Drittel dieser Menge kann wegen des Vulkans zurzeit nicht bewegt werden“, sagt der Manager. Lufthansa Cargo hat seit vergangenem Donnerstag bis einschließlich Sonntag 51 Flüge gestrichen.
Noch härter bekommt die zur Lufthansa gehörende Brussels Airlines die Einschränkungen zu spüren. Auf den Rückflügen von Kenia, Burundi oder Uganda werden fast ausschließlich Gemüse und Blumen für europäische Märkte mitgenommen. „Weil wir viele Afrika-Sendungen, die vor der Schließung des Luftraums in Brüssel angekommen sind, nicht mehr zu Kunden in der Schweiz oder nach Skandinavien weiterfliegen konnten, mussten wir einen Großteil hier vor Ort vernichten lassen“, bedauert Guy Hardy, Vertriebschef bei Brussels Airlines.
Spezialfirmen mussten die Vernichtung von Brokkoli, Bohnen oder Erbsen vornehmen. Sollte die Vulkanasche den Flugverkehr weiterhin lahm legen, „wird sich das Angebot von importierten Frischwaren in den hiesigen Supermärkten in den kommenden Tagen merklich ausdünnen“, sagt Hardy.
Inzwischen nehmen etliche Fluglinien keine Fracht mehr an. So hat die britische Gesellschaft Virgin Atlantik ihren Kunden per E-Mail mitgeteilt, dass die eigene Lagerkapazität in London Heathrow völlig erschöpft sei. Und der Schweizer Logistiker Panalpina hat schon „mit sofortiger Wirkung“ die Erhöhung der Luftfrachtraten angekündigt. „Die mit der Einstellung der Flüge verbundene extreme Verknappung der Transportkapazität lässt uns keine andere Wahl“, schreibt Panalpina seinen Kunden.




