"Diese Rallye hat für viele Anleger etwas Frustrierendes, eben weil sie so schwer einzuschätzen ist", sagt Gerard Minack, Stratege bei Morgan Stanley. Vieles spreche angesichts der Rezession dafür, dass sich die Kursgewinne bald wieder in Luft auflösen, doch die Rallye wolle einfach nicht enden.

Laut Definition setzt ein Bullenmarkt, also ein lang anhaltender Aufschwung, dann ein, wenn sich ein Index 25 Prozent von seiner früheren Talsohle abgesetzt hat. Gemessen an dem Tiefstand vom 6. März 2009, als das Börsenbarometer bei 3666,41 Punkten aus dem Handel ging, befindet sich der Dax also bei exakt 4583,01 Zählern im Bullenland. Auffälligerweise ringt der Index seit Tagen genau mit dieser Marke. Der Statistik zufolge dauert ein echter Bullenmarkt mindestens 48 Monate, in jüngerer Vergangenheit sogar noch viel länger. Die Globalisierungshausse währte von März 2003 bis Juli 2007, also mehr als vier Jahre. Auch in den Achtzigern und Neunzigern gab es ähnlich nachhaltige Haussen. Der Haken an der Sache: Es gibt keine Rundum-Sorglos-Garantie, dass ein 25-prozentiger Anstieg tatsächlich einen lang anhaltenden Aufschwung begründet. Die meisten Marktanalytiker warnen Investoren vor verfrühtem, ergo kostspieligem Optimismus. Sie halten die Kurserholung für eine "Bärenmarktrallye", also ein vorübergehendes Aufbäumen der Märkte gegen einen unerbittlichen Abwärtstrend.

Die Konjunkturdaten lassen noch keine Wende zum Besseren erwarten. Zwar heißt es, dass die Börse sich sechs bis neun Monate vor der Wirtschaft erholt. Tatsache ist jedoch, dass der Internationale Währungsfonds (IWF) seine Prognosen für viele Länder eben erst nach unten geschraubt hat. Für Deutschland erwarten die IWF-Ökonomen 2009 nun einen Einbruch der Wirtschaftskraft um 5,6 Prozent statt um 3,1 Prozent, wie noch im Januar vorhergesagt. Gleichzeitig sind vereinzelt auch Silberstreifen am Horizont auszumachen: "Die jüngsten Wirtschaftsdaten waren zwar alles andere als gut, aber es gibt nicht mehr so viele Negativüberraschungen", schreibt Credit-Suisse-Experte Neal Soss. Das Tempo der Verschlechterung habe nachgelassen. Bei den Konsumausgaben sei nach dem Einbruch im vierten Quartal nun sogar eine Gegenbewegung festzustellen. Auch die Unternehmensgewinne schmelzen nicht mehr so schnell dahin wie noch in der vergangenen Berichtssaison. "US-Firmen, die ihre Zahlen bereits vorgelegt haben, konnten die Gewinnschätzungen um fast acht Prozent übertreffen", merkt Minack an. Und sein Kollege Tobias Levkovich von der Citigroup weist darauf hin, dass 80 Prozent der von seinem Haus befragten Investoren davon überzeugt sind, dass die Börse ihr Tief gesehen hat - vorausgesetzt, es kommt nicht zu neuen Schocks.

Versierte Anleger, die selbst einschätzen wollen, ob der Markt das Gröbste hinter sich hat, halten sich an technische Indikatoren. Dazu zählen zum Beispiel die 100- und die 200-Tage-Linie. Durchbricht der Index diese gleitenden Durchschnittslinien nach oben, wird das von Akteuren als Zeichen der Stärke gewertet. Nachdem der Dax die 100-Tage-Linie bereits geknackt hat, ist nun die 200-Tage-Linie das Ziel. Sie verläuft bei 5043 Punkten. Um sie zu überwinden, müsste der Index um rund 500 Punkte oder gut zehn Prozent steigen. Diesen Anstieg traut Minack den Märkten durchaus zu: "Ein weiteres Plus von zehn bis 15 Prozent ist drin." Dann werde sich entscheiden, wohin die Reise geht.

.

Reuters/dma