Als Angela Merkel bei Opel in Rüsselsheim zu reden beginnt, stehen die Bänder still. Alle Mitarbeiter sind aus der Montagehalle gekommen, um der Kanzlerin zuzuhören. Sie tragen quietschgelbe T-Shirts mit der Aufschrift „Wir sind Opel“. Der Betriebsrat hat sie schon am Samstag ausgeteilt. Und es ist auch Gesamtbetriebsratsvorsitzender Klaus Franz, der die Tonlage vorgibt. „Wenn Sie in die Augen der Menschen hier schauen“, sagt er zu Merkel, „sehen Sie die Erwartung an Sie persönlich und an die Politik, Opel eine Chance zu geben.“
Schon vor einem Jahr hat Merkel den Besuch bei Opel ausgemacht. Von der Krise war damals nichts zu spüren. Nun ist er der Auftakt einer der ungewöhnlichsten Wochen in der Kanzlerschaft Merkels: drei internationale Gipfel stehen bis Sonntag im Kalender der Kanzlerin. Den Auftakt macht heute der Finanzmarktgipfel in London, dann folgt der 60. Geburtstag der Nato in Baden-Baden und Straßburg und ein Treffen zwischen der EU und den USA in Prag am Sonntag. Wie im Brennglas muss die Kanzlerin nun zeigen, was sie zu leisten vermag und welchen Stellenwert deutsche Ideen in der Welt haben – ob es um die Regulierung des Finanzmarktes oder die weitere Strategie in Afghanistan geht. Oder um die Autofirma mit dem Blitz, die Merkels Herausforderer, Außenminister Frank-Walter Steinmeier ins Zentrum seines bereits angelaufenen Wahlkampfs stellt. Der SPD-Kanzlerkandidat war schon vor Wochen bei Opel und hat am Montag ein zwar vages, in einem Punkt aber sehr bestimmtes Rettungskonzept für Opel vorgelegt: Wenn es nicht anders geht, soll sich der Staat auch direkt an dem Autobauer beteiligen.
Das aber lehnt Merkel ab. Und so fliegt sie ohne Geschenke nach Rüsselsheim – auch wenn die gut 3000 Opelaner das erwarten, als sie sich in der großen ehemaligen Produktionshalle versammeln. Armin Herber hat deshalb extra ein Plakat gemalt. „Angie, lass uns nicht hängen“ steht darauf. „Wir wollen, dass sich der Staat an uns beteiligt“, sagt er. Seit 1987 ist er bei Opel, inzwischen als hauptamtlicher Betriebsrat.
Hoffnung und Zuversicht waren es vor allem auch, was die Beschäftigten im Vorfeld der Rede von Angela Merkel erwarteten. „Die Kanzlerin kann vielleicht den Anschub geben, dass Opel unabhängig bleibt und die Arbeitsplätze sicher sind“, sagt einer. Das vor allem ist es, was die Opelaner wollen: die Sicherheit der Arbeitsplätze, keine Werksschließungen, und dass der Rüsselsheimer Autobauer eine Zukunft hat.
Als Merkel um 11.44 Uhr in die Halle kommt, ist der Applaus wohlwollend und lang anhaltend. Merkel nimmt Platz in der ersten Reihe zwischen Opel-Chef Hans Demant und Carl-Peter Forster, dem Europachef der amerikanischen Opel-Muttergesellschaft General Motors. Sie ist die fünfte Rednerin an diesem Vormittag.
Ihre Rede ist ruhig, sachlich, warm, aber nicht emotional. Anders als jene von Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier, der wenige Wochen zuvor – allerdings vor dem Verwaltungssitz des Unternehmens, dem Adam-Opel-Haus, und von der Ladefläche eines IG-Metall-Lastwagens – kämpferisch den Retter Rüsselsheims gegeben hatte. Merkel spricht davon, wie gerne sie nach Rüsselsheim gekommen ist, dass sie schnell den Grundstein für ein Opel-Europa legen wolle und dass man mit der amerikanischen Regierung und der Opel-Mutter GM hart verhandeln müsse und werde. Sie lehnte eine direkte staatliche Beteiligung ab, aber sie versprach Hilfe bei der Suche nach Investoren und stellte Bürgschaften in Aussicht. Der Bund werde Opel unterstützen, „wo immer das nötig ist“, sagte Merkel. Man müsse aber immer im Kopf behalten, dass der Staat nicht der bessere Unternehmer sei.
Die Kanzlerin beendet ihre Rede in für sie klassischer Weise. „Wir brauchen GM“, sagt sie den Autobauern und macht eine kleine Pause. „Aber ich sage auch selbstbewusst hier, GM braucht auch Opel.“ Sie und ihre Mitarbeiter würden auf Augenhöhe mit den Amerikanern verhandeln.
Mit diesem Blick für gegenseitige Abhängigkeiten und der daraus abgeleiteten Einschätzung, was der jeweilige Partner zu leisten imstande ist, geht Merkel auch in die drei Gipfel dieser Woche. Niemals würde sie eine Verhandlungsposition aufbauen, die für den anderen untragbar ist. Lieber führt die Kanzlerin im Vorfeld noch ein weiteres der unzähligen Vorgespräche, um zu sondieren, wie weit der andere sich vorwagen kann, was machbar ist.
Seit Ausbruch der Finanzkrise ist nun noch das bei Opel erwähnte „Selbstbewusstsein“ hinzugekommen: Ob es sich um den Elektroantrieb im kommenden Opel Ampera oder das Modell der sozialen Marktwirtschaft handelt – Merkel findet, dass Deutschland der Welt durchaus vieles zu bieten hat. Und sie sagt das inzwischen auch.
Ganz vorne dran sei das Land beispielsweise, was die Forderung nach Konjunkturstimulierung angehe, sagt Merkel und zitiert Statistiken des Internationalen Währungsfonds. Sie werde sich keinesfalls Vorwürfe anhören, dass Deutschland hier zu wenig tue. Auch in Afghanistan, setzt sie hinzu, sei Deutschland hervorragend aufgestellt.
Bei den 3000 Opelanern kommt Merkel gut an. Stehend applaudieren sie am Ende der Kanzlerin. Auch Betriebsrat Herber mit seinem „Angie“-Plakat ist zufrieden: „Ich habe herausgehört, dass sie uns helfen wird.“





