Das sind die Verlierer des Jahres.
Klaus Zumwinkel, Deutsche Post
Ende Januar steht Bochum statt Davos bei Klaus Zumwinkel im Kalender. Der frühere Postchef wird wohl am 22. und 26 Januar bei den ersten Verhandlungstagen seines Steuerstrafverfahrens im Bochumer Landgericht zugegen sein. Zwei Tage später beginnt der Weltwirtschaftsgipfel in der Schweiz, bei dem Zumwinkel stetiger Gast war. Jahrzehntelang hatte der ehemalige Postchef die deutsche Wirtschaftselite vertreten.
Nun löst sich neben seiner persönlichen Reputation auch noch die Leistung des Unternehmers in Luft auf. Erst zwingt das Milliarden-Debakel USA seinen Nachfolger zum radikalen Jobabbau und zur Aufgabe des US-Expressgeschäftes. Dann kippt auch noch ein Oberverwaltungsgericht den von Zumwinkel durchgesetzten Mindestlohn für Briefträger.
Georg Funke, Hypo Real Estate
Die Zerstörung seines Lebenswerks entbehrte nicht einer gewissen Tragik. In fünf Jahren hatte Georg Funke die als Himmelfahrtskommando gestartete Hypo Real Estate zu einer Erfolgsgeschichte gemacht. Im Sommer 2007 konnte er sogar die Übernahme des deutlich größeren Staatsfinanzierers Depfa verkünden. Doch damit begann zugleich sein Untergang, denn wenige Tage später klappte die Mittelstandsbank IKB zusammen, die Finanzkrise erreichte Deutschland. Anfang dieses Jahres musste Funke aus heiterem Himmel Millionenabschreibungen verkünden. Und im Herbst brachten Finanzierungsprobleme der Depfa den Konzern an den Rand des Abgrunds – nur Milliardenhilfen des Staats und der Branche verhinderten den Absturz. Den Zorn seiner Aktionäre verstand Funke trotzdem nicht, er sah sich als Opfer der Finanzmärkte, wollte trotz der Misere an Bord bleiben. Erst nach lautstarken Rücktrittsforderungen und gut eine Woche nach der Beinahe-Pleite trat Funke ab.
Jürgen M. Geißinger, Schaeffler
Jürgen M. Geißinger entschied die größte Übernahmeschlacht des Jahres für sich. Der Geschäftsführer des Wälzlagerherstellers Schaeffler KG übernahm den Dax-Konzern Continental AG. Zwar überrumpelte „David“ Geißinger den dreimal größeren „Goliath“ Conti, jedoch könnte er sich verhoben haben. Mehr als zehn Milliarden Euro muss die Schaeffler KG für 90 Prozent der angedienten Conti-Aktien aufbringen. Viel Geld in einer schweren Konjunkturkrise, die die Autobranche und ihre Zulieferer erwischt hat.
Ein Sparprogramm soll nun Schaeffler, den soliden Mittelständler aus Mittelfranken, krisenfest machen. Tausende Leiharbeiter gehen, Kurzarbeit steht an, die Weihnachtsfeier fiel aus. Manager Geißinger kann nun nur darauf hoffen, dass das operative Geschäft so schnell wie möglich zulegt. Anderenfalls könnte das bislang Undenkbare eintreten: dass nicht nur Teile von Conti zum Verkauf stehen, sondern auch Schaeffler selbst in Schieflage gerät. Der vermeintliche Sieger wäre dann der Besiegte.
Henning Kagermann, SAP
Seine letzten Monate im Amt des Vorstandssprechers beim Softwarekonzern SAP hätte sich Henning Kagermann anders gewünscht. Anstelle wie gewohnt zweistellige Wachstumsraten zu verkünden, muss Kagermann vor einem Umsatzeinbruch warnen und drastische Sparrunden verkünden. Die heile Welt der SAP ist dahin, seit die Finanzkrise tobt – auch wenn die Umsatzrendite noch bei beachtlichen 28 Prozent für dieses Geschäftsjahr liegen dürfte.
„Sinnlose Panikmache“ und „chaotische Kommunikation“ werfen Mitarbeiter denn auch angesichts dieser starken Renditeaussichten Kagermann vor. Der kontert, dass er einen solchen Geschäftseinbruch wie in den letzten Septemberwochen in 26 Jahren bei SAP nicht erlebt habe. Da trifft es sich nicht gut, dass SAP im Sommer die Einführung einer neuen Mittelstandssoftware verschieben musste. Kagermann, der im Mai sein Amt an Nachfolger Léo Apotheker abgibt, stehen harte Monate bevor. Ob er danach in den Aufsichtsrat wechselt, ist noch unklar.
Leo Kirch, Medienunternehmer
Es hätte das Jahr seines Comebacks werden können. Vergleichsweise wenig hatte man von Medienmogul Leo Kirch gehört, nachdem sein Imperium Anfang des Jahrtausends mit Milliardenverlusten in Stücke ging. Doch 2007 meldete sich der hochbetagte Manager zurück – und mit dem, was er ankündigte, hätte er abermals gute Chancen gehabt, nicht nur deutsche Medien- sondern auch ein Stück deutscher Fußballgeschichte zu schreiben. Überraschend hatte er von der Deutschen Fußballliga (DFL) den Auftrag ergattert, die begehrten Bundesligarechte zentral vermarkten zu dürfen. Einnahmen von 500 Millionen Euro versprach Kirch der DFL pro Saison, die Profivereine sahen die Kassen sprudeln, die Fußballwelt applaudierte. Doch umsonst. Die Träume platzten – diesmal am Bundeskartellamt, das auf der samstäglichen Sportschau im frei empfänglichen TV bestand und damit Kirchs Vermarktungsmodell quasi das Herz entriss. Einziger Trost: Diesmal ging es nicht um Milliardenschäden, sondern nur um Millionen.
Adolf Merckle, Ratiopharm/HeidelbergCement
Er hatte viel riskiert. Schon Jahrzehnte gehörten Börsenspekulationen zum heimlichen Geschäftszweig des schwäbischen Industriellen Adolf Merckle. Lange Zeit ging dies auch gut und ermöglichte es dem 74-Jährigen, ein umfangreiches Firmenimperium aufzubauen. Heute gehört der größte Baustoffkonzern Deutschlands, HeidelbergCement, genauso zum Portfolio wie der Generikahersteller Ratiopharm oder der Pharmagroßhändler Phoenix. Auch Wälder und weitere Firmenbeteiligungen bilden das gut neun Mrd. Euro-Vermögen der Merckles, die damit zu den reichsten Familien in Deutschland zählen. Doch nach Milliardenzukäufen und Fehlspekulationen mit VW-Aktien steckt die Firmengruppe in gewaltigen Schwierigkeiten. Auch mit dem neuen
Überbrückungskredit, der nun ausgehandelt wurde, ist es fraglich, ob Merckle die Trendwende noch einmal schafft. Ein Großteil seines Vermögens von gut sieben Milliarden Euro wird er aber wohl verkaufen müssen, um die Kredite zu tilgen.
Thomas Middelhoff, Arcandor
Es war nicht das Jahr des Thomas Middelhoff. Der „Middelhoffnungswert“, den ein Wirtschaftsmagazin einst in besseren Tagen erfunden hatte, befindet sich inzwischen in der Nähe des Nullpunktes. Middelhoff verlässt seinen Posten als Chef des Essener Touristik- und Handelskonzern Arcandor Ende Februar, obwohl sein vor wenigen Monaten verlängerter Vertrag eigentlich erst Ende 2009 ausläuft. Freiwillig habe er seinen frühen Abschied genommen, heißt es. Der mutmaßlich letzte Versuch der Arcandor-Rettung findet unter der Führung des bisherigen Telekom-Finanzchefs Karl-Gerhard Eick statt, aber ohne Middelhoff. Zu oft waren seine Vorhersagen nicht eingetroffen, vor allem nicht die für den Aktienkurs. Statt bei den versprochenen „40 Euro plus x“, ist die Arcandor-Aktie unter den Wert von drei Euro gefallen. Milliardenwerte haben sich aufgelöst, Arcandor ist kaum noch etwas wert. Für einen Manager, der wie Middelhoff Erfolg vor allem am Aktienkurs misst, ist es da nur konsequent zu gehen.
Guillaume de Posch, ProSiebenSat.1
2008 wird nicht als eines der Glücklichen in die Biographie Guillaume de Poschs eingehen. Vollmundig hatte der Chef von ProSiebenSat.1 über einen paneuropäischen, voll integrierten TV-Konzern sinniert, als er sich im Sommer vor einem Jahr für 3,3 Milliarden Euro die Sendergruppe SBS einverleibte. Doch am Ende war diese Fusion der Auslöser dafür, dass de Posch sein zuvor gesundes Unternehmen wenige Monate später gefährlich nah am Abgrund manövrierte. Schon dass er sein Werbezeitenvermarktungsmodell zweimal überholen musste und Werbekunden dank der Finanzkrise viel knauseriger wurden, hätte gereicht, um ProSiebenSat.1 in Turbulenzen zu bringen. Durch seinen überraschenden Abgang schwächt der Manager das Unternehmen zusätzlich. Doch egal. Künftig wird er der Mediengruppe Antenna Group der steinreichen griechischen Familiendynastie Kyriakou bei der Expansion auf dem europäischen Markt helfen. Was interessieren einen, der Geld hat, die Schulden der anderen?
Norbert Reithofer, BMW
Das hatte sich Norbert Reithofer Anfang des Jahres anders vorgestellt. Mehr Autos sollte BMW weltweit und vor allem in den USA verkaufen. Der Gewinn sollte steigen, BMW in der Erfolgsspur bleiben. Nun muss Reithofer verkünden, dass die weltweite Absatzflaute BMW in die „größte Krise der Unternehmensgeschichte“ stürzt. Über 8000 Arbeitsplätze hat BMW bereits gestrichen. Die Produktion in den Fabriken wird für mehrere Wochen gestoppt.
Im dritten Quartal brach in der Autosparte der Gewinn um 82 Prozent ein, der Umsatz um neun Prozent. Vor allem in den USA ist BMW über seine großzügige Leasingpolitik gestolpert. Dass sich die Lage 2009 bessert, scheint fraglich. Glücklicher denn je muss Reithofer in diesen Tagen über die Familie Quandt sein. Sie hält rund 47 Prozent an BMW und ist ein schier unüberwindbarer Schutzwall. Denn mit einer Marktkapitalisierung von weniger als 15 Mrd. Euro scheint BMW ein leichtes Opfer unerwünschter Attacken von Hedgefonds oder Wettbewerbern.
Werner Schmidt, BayernLB
Gegen den Strom zu schwimmen hat den früheren Leistungsschwimmer Werner Schmidt nie gestört. Also schlug der Chef der Bayerischen Landesbank einen anderen Weg ein, als Ende 2007 ein Institut nach dem anderen seine Sünden mit amerikanischen Ramschhypotheken beichtete. Schmidt hielt die Belastungen seines Hauses nur für vorübergehend – und schwieg. Bis sich die Probleme Anfang dieses Jahres nicht mehr unter der Decke halten ließen. Schmidt musste Abschreibungen von 1,9 Milliarden Euro bekannt geben und brüskierte damit Landesfinanzminister und BayernLB-Verwaltungsratschef Erwin Huber, der zeitgleich im Landtag versicherte, es gebe noch keine Zahlen. Das Kommunikationschaos kostete den 64-jährigen Schmidt den Job. Die BayernLB muss mit drei Milliarden Euro Jahresverlust rechnen und braucht zehn Milliarden Euro Kapital vom Steuerzahler. Ein personelles Opfer war für dieses Fiasko zu wenig – auch Huber brachte die Bankenmisere um sein Amt.
Herbert Walter, Dresdner Bank
Er gab sich wirklich Mühe, gute Miene zu diesem Spiel zu machen. Herbert Walter plauderte vom Urlaub an der Algarve, als die Übernahme der Dresdner Bank durch die Commerzbank verkündet wurde. Trotzdem merkte jeder im Saal, dass dieser Tag ein Beleg seines Scheiterns war. Fünf Jahre lang hatte Walter im Dienste der Allianz vergeblich versucht, deren ungeliebte Bankentochter auf Vordermann zu bringen. Pflichtschuldig arbeitete er dieses Jahr an der Notverheiratung des Hauses. Erst spaltete er das Privatkundengeschäft vom Investmentbanking ab, was sich schließlich als nutzlos erwies, weil die Commerzbank die Konkurrentin komplett kaufte. Dann ließ er sich als Dresdner-Chef für den Übergang verpflichten – auch das ist obsolet, nachdem die Bank schneller übernommen wird als geplant. Dass er als Marketing-Vorstand der Commerzbank noch einmal durchstarten würde, war nicht zu erwarten, und so räumte der 55-Jährige Mitte Dezember diesen Posten, noch ehe er ihn angetreten hatte.
Wolfgang Ziebart, Infineon
Die Durchhalteparolen von Wolfgang Ziebart wollte am Ende niemand mehr hören. „Ich bin mir sicher, wir sind auf dem richtigen Weg, aber der Weg ist weiter, als wir dachten“, sagte er, damals noch Infineon-Chef, auf der Hauptversammlung im Februar. Die Aktionäre, die seit Jahren auf ein Ende der Verluste beim Halbleiterhersteller warteten, quittierten es mit höhnischen Kommentaren. Aufsichtsratschef Max Dietrich Kley gab sich Mühe, seine Unzufriedenheit zu zeigen.
Damals ahnten Konzernkenner: Ziebarts Tage sind gezählt. Und Ende Mai musste er dann gehen, vor allem, weil er beim Verkauf der Speicherchiptochter Qimonda nicht vorankam und deren Verluste weiter in der Bilanz aufführen musste. Nach seinem Rauswurf berichteten Konzernkenner allerdings, Ziebart habe sehr wohl Ende 2007 einen Interessenten für Qimonda gefunden. Damals habe ihn aber der Aufsichtsrat gebremst. Wenn dies stimmt, ist es für Ziebart noch tragischer, dass er den Job verlor, während Aufsichtsratschef Kley bleiben durfte.
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