Auswanderer

Tagebuch aus dem quirligen Shanghai

Immer mehr Deutsche zieht es ganz oder für einige Jahre ins Ausland. Auch Familie Hoppe aus Berlin hat ihre Sachen gepackt, um für drei Jahre in Shanghai zu leben. Dagmar Hoppe erzählt von ihrem Alltag in Shanghai – und wie sie die traditionelle chinesische Medizin erlebte.

Chinesische Kleinkinder sehen einfach niedlich aus. Bunt und dick eingemummelt werden sie überall auf dem Arm hingetragen (oder auf den Rücken gebunden, ich sehe kaum Chinesen Kinderwagen benutzen). Typischerweise haben die Babys Hosen mit einem Schlitz im Schritt an. Der Po bleibt nackig. Müssen sie mal, werden sie einfach über den Gehweg gehalten. Windeln werden anscheinend nur im Notfall getragen, zum Beispiel im kaltenWinter. Aber auch dann habe ich gesehen, wie die Windel erst abgelegt und dann das Kind übers Gras gehalten wurde. Die Windel schien nur zum Wärmen da zu sein. Freunde haben mir erzählt, dass die Kinder hier in China dafür schon mit einem Jahr trocken sind, also auf Toilette gehen können. Hat eben alles seine Vorteile?(wenn ich daran denke, was ich mit meinen drei Kids an Pampers gespart hätte).

Erst elf von 100 Chinesen haben ein Auto, weshalb auf den Straßen Shanghais (meist auf Extra-Spuren neben den für PKW, aber viel breiter als unsere Fahrradwege) extrem viele Motor- und Elekroroller sowie Fahrräder, zum Teil auch mit Elektromotor, unterwegs sind. Die Fahrräder sehen eigentlich immer uralt, verrostet, zusammengeflickt aus. Licht haben sie nicht – was die Zusammenstoß-Gefahr am Abend deutlich erhöht. Was aber an jedem dieser Räder befestigt ist, ist mindestens eins, manchmal auch mehrere dicke Schlösser.

Unsere Ayi schließt zum Beispiel ihr Fahrrad selbst auf unserer Garagenauffahrt mit 2 eisernen Kettenschlössern ab, während in unserer offenen Garage all unsere Räder unabgeschlossen dastehen? Es gibt auch viele Geschäfte, die nur Schlösser für Fahr-oder Motorräder verkaufen. Scheint also sehr wichtig zu sein, und oft wohl das Wertvollste am ganzen Rad. An den größeren Straßenkreuzungen haben sich fliegende Fahrrad-Reparaturbetriebe aufgebaut, die dann Soforthilfe leisten und ein ganzes Sortiment an Schläuchen, Felgen etc mit sich führen. Auch gibt es überall größere Luftpumpen, die an Bürgersteigen stehen, und wo man nach dem Fahrrad-aufpumpen einen kleinen Betrag in eine bereitstehende Schüssel wirft. Praktisch und schnell, finde ich.

Ganz im Norden Chinas, an der Grenze zu Sibirien, liegt Harbin. Hier ist es monatelang eiskalt (bis minus 25 Grad) und so kamen findige Leute vor einigen Jahren auf die Idee, ein zweimonatiges Eis-und Schneefestival zu veranstalten. Da waren wir jetzt am Wochenende und es ist unglaublich phantastisch. Und richtig schön chinesisch. Denn nicht nur gibt es ein mindestens fünf Fußballfelder großes Areal mit über 50 Meter hohen kunstvoll geschnitzten Eisskulpturen, riesige Pagoden und Paläste, nein, alles Eis war von innen beleuchtet in allen Regenbogenfarben.

Dazu gab es Baumgruppen mit Blättern aus Glühbirnen, lange Rutschen aus purem Eis – ein märchenhafter Spaß für alle! Wenn man warm genug angezogen ist. Ein anderer Park, den wir am nächsten Tag im Sonnenschein besuchten, zeigt Schneekunstwerke. So gab es begehbare Häusergruppen, Iglus, Paläste, Landschaftsszenerien. Und wieder riesige Rutschen, diesmal aus Schnee (und auch bunt beleuchtet), und Schneeskulpturen zum Darauf- und Darinherumklettern. Die Kinder fanden es super und wir waren auch ganz beeindruckt von der Größe und Vielfalt sowie dem Ideenreichtum. Es war schön, auf dem gefrorenen See herumzulaufen und zuzuschauen, wie nach Fischen im Eis geangelt wurde. Die ganze Stadt hat einen merklich russischen Einfluß, so gibt es Läden mit rein russischen Waren und Andenken oder die größte russisch-orthodoxe Basilika Südostasiens (die aber nicht mehr als Kirche sondern als Fotoausstellungsort genutzt wird).

Bei solchen Ausflügen merke ich, wie riesig das Land ist, wie vielfältig und dass Shanghai doch sehr viel moderner, "westlicher“ ist

Die Zeitung ist auch hier voll mit Negativmeldungen über die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, so zum Beispiel den Anstieg der Arbeitslosigkeit da aufgrund mangelnder Aufträge Spielzeugfabriken die Produktion drosseln oder etwa Neubauten aufs Eis gelegt werden. Manchmal sind die Sparmaßnahmen, über die berichtet wird, auch so kurios wie folgende:

Nach wie vor scheint es in China zum guten Ton zu gehören, sich als erfolgreicher Mann eine Mätresse zu halten. Oder auch mehrere, wie ein Chinese, der gleich drei Damen Appartements unterhielt. Jetzt konnte er sich aber keine drei Geliebte mehr leisten und wollte eine loswerden. Und um das nicht selbst in die Hand nehmen zu müssen, ließ er die 3 einen „Mätressenwettkampf“ veranstalten. In den Disziplinen Schönheit, Trinkfestigkeit und Gesang. Die drei Frauen willigten in den Wettbewerb ein, nur leider bekamen sie sich nach Runde 1 (Schönheit) über die Wertungen der anderen so in die Haare, dass die Polizei kommen musste und die ganze Sache publik wurde.

Schon oft hatte ich in Deutschland darüber gelesen: Traditionelle chinesische Medizin, kurz TCM. Doch was sich genau dahinter verbirgt? Hier in Shanghai stolpere ich immer wieder über geheimnisvolle Apotheken, in deren tausend kleinen Schubladen sich alle möglichen Kräuter zu verbergen scheinen, und in der Zeitung wird fast täglich berichtet, welche Nahrungsmittel man laut TCM zu welcher Jahreszeit essen und welche Kombinationen von Essen man lieber lassen sollte (weil es nicht gut für die Leber, das Herz etc ist).

Nun bin ich ja ein neugieriger Mensch und so wollte ich mal ausprobieren, ob die TCM etwas gegen meine zahlreichen Allergien ausrichten kann. So besuchte ich also eine TCM Praxis, von der ich öfter gehört hatte, und fand mich einer chinesischen und einer deutschen, seit 14 Jahren in China lebenden und praktizierenen TCM-Ärztin gegenüber. Beide schauten sich ausgiebig meine Zunge an, fühlten lange meinen Puls und redeten dann miteinander, ohne das ich etwas verstand und mich etwas mulmig fühlte. Das Ergebnis? Mir fehlt das „Qi, das von der Milz ausgeht“. Wie bitte? Ja, ich hätte eindeutig zuwenig Energie in meinem Körper, meine Lunge ist nicht feucht genug,? aha.

Erstmal wollte ich protestieren, denn ich fühle mich schon ziemlich energiegeladen und unternehme ja auch sehr viel, doch schnell machten mir die Ärztinnen klar, dass sie nicht DIESE Energie meinten (das ist in der TCM-Sprache „Feuer“) und das ich es doch auch mal etwas ruhiger angehen lassen sollte. Jedenfalls bekam ich 7 x 10 Beutelchen mit irgendwelchen Pulvern, die ich abends und morgens in etwas Wasser trinken sollte. Und dann wiederkommen. Nichts leichter als das, dachte ich, etwas trinken und schon sind Heuschnupfen, Woll-Kontaktallergie und Hausstauballergie besser oder gar weg?

Klingt doch gut. Bis ich die Pulver dann zusammenmixte. Und sie roch. Unglaublich intensiv bitter und scheusslich! Und soviel Pulver, dass ich den Pulver-Wasser-Mix kaum umrühren konnte. Am ersten Abend konnte ich mit zusammengehaltener Nase gerade 3 Schlucke nehmen, mehr ging einfach nicht. Danach konnte ich mich besser überwinden, aber es war eine Überwindung! Allerdings merkte ich keine spontane Verbesserung bei den Allergiesymptomen und auch die Ärztinnen beim Kontrollbesuch eine Woche später nicht. Und so bekam ich einen neuen Pulverkräuter-Mix mit, diesmal ohne das am übelsten riechende. Auf ein Neues, doch ein paar Tage Pulver-Pause brauche ich.

Shanghai ist eine so temporeiche, energiegeladene Stadt, in der nahezu jeden Monat ein neues spektakuläres Restaurant oder eine hippe Bar eröffnet. Also Unmengen von Möglichkeiten, auszugehen, Neues zu entdecken, Spaß zu haben! Inzwischen habe ich wirklich gute Freundinnen gefunden, mit denen ich auch abends ab und zu ein "girls nite out“ veranstalte. Dann machen wir uns schick, quetschen uns in ein Auto und beginnen in einer der beeindruckend gestalteten Bars in den alten 30er-Jahre-Villen an der Uferpromenade mit teurem Aperitif und kostenlosem aber unbezahlbarem Blick auf den Fluss und die hypermoderne Skyline von Pudong auf der anderen Fluss-Seite.

Danach wechseln wir in eines der ebenso durchdacht wie aufwendig gestalteten Restaurants in den Nachbargebäuden und dann vielleicht noch in eine andere Bar (wenn wir nicht todmüde sind, da wir alle um sechs aufstehen müssen). Die Dichte an coolen, besonderen Plätzen hier ist einmalig. Unvorstellbar, dass vor zehn Jahren hier noch Ödland war und es unglaublichen Mut und Weitsicht bedeutete, hier den ersten Schritt zu tun und eines der leerstehenden Häuser aus dem Beginn des 20. Jahrhunderts zu renovieren und ein Restaurant zu eröffnen! Heute wie gesagt eröffnen (und auch schließen) so viele spannende Konzepte an interessanten Orten, dass wir mit dem besuchen kaum hinterherkommen (obwohl wir uns bemühen und wirklich viel essen gehen). Ich glaube, es zieht auch viele gute Köche ebenso wie Interior-Designer aus aller Welt hierher, denn es gibt das Publikum und viele Möglichkeiten. Nur die Zutaten werden großteils eingeflogen, sei es der sizilianische Fisch für den Italiener oder die verschiedenen Thunfische für den Japaner. Und leider ist es manchmal so, dass das Ambiente überwältigend dafür aber der Service unterirdisch ist.

Schnell habe ich mich an den Anblick gewöhnt: übervoll beladene Fahrräder, zum Teil zu Dreirädern umgebaut, mit Plastikflaschen, Pappkartons oder Metallmüll hochbeladen – so hoch, dass ich mich frage, wie schaffen es die Fahrer nur, ihr Gleichgewicht zu halten bzw wie können sie unter dem Gewicht überhaupt noch vorwärts kommen? All dies wird recycelt, nur fängt die Kette im Gegensatz zu Deutschland nicht bei uns, dem Verbraucher, an, sondern eine Stufe später und viele Menschen scheinen davon zu leben.

Haben wir in Berlin noch versucht, Haushalts-, Papier-, Glas-, Plastik-, Alu-, Bio-,?(noch was?) Müll zu trennen und in eigens dafür gekaufte Mülltonnen, in Gemeinde-Container zu verteilen oder zum Recyclinghof zu fahren, werfen wir hier alles in eine einzige Tonne vor unserer Garage. Bis zu fünf Mal täglich kommt ein Müllmann zum Entleeren dieser Tonne mit seinem Fahrrad. Und dann wird irgendwo sortiert und aufgeteilt. Zum Teil fahren auch andere Fahrradfahrer auf der Suche nach zum Beispiel Pappkartons durch unsere Straßen. Habe ich einen Karton, den ich nicht mehr brauche, stelle ich ihn auf unsere Auffahrt und spätestens nach einer Stunde ist er verschwunden. Plastikflaschen und Zeitungen nimmt unsere Ayi gerne und verkauft sie dann wo und wie auch immer weiter. Es liegt jedenfalls nie irgendwas herum – anscheinend kann man alles gebrauchen! An den vielen Baustellen sehe ich oft Leute, die aus Abbruchhäusern Ziegelsteine sauber klopfen. Freunde, die schon seit vielen Jahren hier leben, bestätigten, dass nahezu aller Müll recycelt, getauscht, verkauft oder weiterverwendet wird – vom Metall, das eingeschmolzen wird bis zu Restaurantabfällen, die zur Schweinefütterung benutzt werden.

Wir trennen halt nicht mehr selber, was einerseits bequem ist, andererseits die Kinder und wir selbst nicht mehr so bewusst und vielleicht verantwortungsvoller den Themen Müll und damit auch Umweltschutz gegenüberstehen. Doch nehmen wir zumindest die Reyclingmüll-beladenen Fahrräder wahr und reden darüber, genauso wie über die Situationen, wenn die Kinder empört beobachten, wie aus den Autos neben uns Papiere oder Zigaretten geschmissen werden. „Mama, der wirft das einfach aus dem Auto! Und bringt es nicht in den Mülleimer!“ Ich versuche dann zu erklären, dass neben der Strasse schon vier Strassenfeger darauf warten, hier den Müll zusammenzukehren und sich so ein Kreislauf schließt, es natürlich aber besser ist, weiterhin unseren Müll in die Mülltonnen zu werfen. Und wer weiß, wie lange es diese Art von Reyclingkreislauf in China noch geben wird.

Der Monat Januar kam mir vor wie ein einziger Ferienmonat, denn zunächst hatten wir bis zum 12. Januar noch Winterferien und dann ab 24. schon wieder eine Woche aufgrund des chinesischen Neujahrsfests. Zum Monatsanfang sind wir nach Kotakinabalu im Norden Borneos geflogen. Über Hongkong, wo wir zwar nur auf dem Flughafen waren, aber doch schon eine Ahnung davon bekamen, wie unterschiedlich das Festland China und Hongkong sind. Hongkong scheint sich bewusst so eigenständig wie möglich zu positionieren, hat zB immer noch eine eigene Währung und ein weiterhin zweisprachiges Schulsystem (was, wie ich gelesen habe, jetzt wieder staatlich gefördert wird, nachdem man zunächst versucht hatte, ganz auf chinesisch umzuschwenken und das Englische zu verdrängen. Je weiter sich China international öffnet, scheint es zu merken, dass das Beherrschen der englischen Sprache ein wichtiges Gut ist). Beeindruckt war ich, wie viel offener die Berichterstattung in der in Hongkong erscheinenden Zeitung im Vergleich zu den bei uns erhältlichen Nachrichtenblättern ist. Da wird die Behandlung von Dissidenten kritisiert oder offen über Bauernopfer in der Aufarbeitung des Milchskandal gesprochen.

In Kotakinabalu wohnten wir direkt am Dschungel und konnten die nur noch auf Borneo und auch dort sehr gefährdeten Urang-Utans beobachten, geführte Wanderungen durch den Dschungel (bei Hitze und hoher Luftfeuchtigkeit!) machen, schnorcheln, am Strand reiten, durch Mangrovenwälder schippern – wunderbare Erholung in einzigartiger Natur! Es war das erste Mal seit unserer Ankunft in Shanghai im August, dass ich ausserhalb Chinas, ausserhalb einer riesigen Stadt und nicht umgeben von so vielen Menschen war – und es fühlte sich überraschend gut an.

Nach nur zwei Wochen Schule standen dann die nächsten Ferien an: zum chinesischen Neujahrsfest schlossen auch alle Firmen für mindestens 3 Tage ihre Türen und so bot es sich an, zu verreisen. Wir hatten gehört, dass man in Japan außerordentlich gut skifahren können sollte und alle unsere Erkundigungen liefen auf eine Adresse hinaus: einen Club auf der Insel Sapporo. Irgendwie hat es Torsten geschafft, uns noch Zimmer dort zu besorgen uns so hatten wir das Glück, eine Woche lang im Schneeparadies zu sein. Wunderbar fluffiger Schnee lag meterhoch, die Pisten starteten direkt an der Hoteltür, die Sonne schien. Und das Beste: die Pisten waren – leer. Kaum Menschen! Wir hatten zum Teil ganze Abfahrten für uns, konnten die Stille, die Schönheit der Natur richtig genießen. Unglaublich, so etwas kenne ich aus Europa überhaupt nicht. Die Kinder hatten viel Spaß in ihren Skischulgruppen, nachmittags gab es Kakao und Waffeln, wir konnten Schlittschuhlaufen und japanische Badezeremonien genießen. Sowohl die Clubmitarbeiter, Skilehrer als auch die Gäste waren ein bunter Mix aus aller Welt und es ergab sich lustigerweise, dass ich ein paar richtig nette Leute traf, die gleich bei mir um die Ecke wohnen! Meine Skischulgruppe - eine Engländerin aus Hongkong, eine Malayin, ein Inder-Kanadier aus Singapur, ein Holländer, eine in Brunei lebende sowie eine in Russland lebende Engländerin – verstand sich so gut, dass wir auch nach 3Tagen Unterricht weiterhin zusammen fuhren und in Kontakt bleiben wollen.

So, jetzt ist erstmal genug mit Urlaub (leider) und Alltag angesagt – bis in knapp 3 Wochen der nächste Besuch aus Deutschland kommt.

Xin nian kuai le! Frohes Neues Jahr! Am 26. Januar hat nun das Jahr des Ochsen begonnen – und wie lautstark! Mit riesigem Feuerwerk und vor allem intensivem Geknalle. Das Getöse soll das Monster Nian verscheuchen. Selbst über eine Woche nach dem Neujahrstag wache ich nachts durch unglaublich laute Feuerwerkskörper und Knaller auf, auch morgens um 6 Uhr sind sie zu hören?.Wer bitte veranstaltet um sechs Uhr morgens ein Feuerwerk?

Es ist ein unglaublich langes Fest mit ganz festen Traditionen, die vom Türschmuck über das bestimmte Essen, die Besuche bei der älteren Generation als auch den ausgesprochenen Wünschen möglichst genau eingehalten werden.

Geld spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. Zunächst in den Glückwünschen, ist es doch sehr wichtig, sich gegenseitig „Gong xi fa cai!“ zu wünschen, was soviel wie „viel Wohlstand für Dich“ bedeutet. Außerdem übergibt man bzw bekommt die berühmten roten Umschläge mit Geld. Chinesische Kinder bekommen welche von ihren Verwandten, nachdem sie Neujahrswünsche überbracht haben, wir geben dem Fahrer und der Ayi einen Umschlag, Torsten verteilt welche in der Firma. Dabei ist ein sensibles Thema, wieviel Geld gegeben wird. Ist es zuwenig, ist es eine Geringschätzung, ist es zuviel, hat man übertrieben. Auf keinen Fall darf es etwas mit "4“en sein (die Zahl bringt Unglück), dafür aber mit der glücksbringenden „8“. Zusätzlich werden Süßigkeiten oder Spezialitäten aus dem Herkunftsland gerne gesehen, wurde mir geraten. Ich habe auch gehört, dass eine Vielzahl Arbeitskräfte nach Chinese New Year die alte Arbeitsstätte verlassen, nachdem sie den roten Umschlag, oft ein Monatsgehalt, noch mitgenommen haben. Unsere Ayi ist nach ihrer Woche Ferien jedoch wiedergekommen, also haben wir es wohl richtig gemacht.

Am 26. Januar feiern die Chinesen ihr Neujahrsfest, dann beginnt nach dem chinesischen Kalender das Jahr des Ochsen. Es ist, so habe ich es verstanden und erlebe es zur Zeit, das wichtigste Fest des Jahres, welches man traditionell bei seiner Familie verbringt. Alle Unternehmen und Schulen haben deswegen eine Woche geschlossen. Dies bedeutet nicht nur, dass alle Plätze und Straßen mit rot-goldenen Glücksbringern geschmückt werden und man schon jetzt mehr Feuerwerke als sonst sowieso üblich hören kann, sondern auch, dass das ganze Land auf Reisen geht.

Eine unvorstellbare Menge von 188 Millionen Menschen reist alleine mit der Bahn in ihre jeweiligen Heimatprovinzen. Dieses Aufkommen zu bewältigen, muss eine logistische Meisterleistung der hiesigen Bahn sein! Es gibt ja eine riesige Zahl sogenannter Migranten, die zum Beispiel in Shanghai arbeiten und jetzt in ihre Heimatstadt, oft zu Frau und schulpflichtigen Kindern, fahren wollen. Vor den Bahnticketschaltern sieht man lange Schlangen, es wurden aufgrund der Kälte große Zelte an den Bahnhöfen aufgestellt, um den Wartenden zumindest etwas Schutz zu bieten. Viele warten tagelang auf Tickets und doch, so zumindest die Zeitung, wird nur jeder Sechste ein Ticket bekommen können. Zum großen Teil sind es ja Wanderarbeiter, die dann scheinbar ihr gesamtes Gut in Bündeln zusammengewickelt bei sich tragen und manchmal schon vor einer Woche aufgebrochen sind, nur um dem Verkehrshöhepunkt kurz vor dem 26. Januar zu entgehen.

Ich habe aber auch von einer Vielzahl von Arbeitern gehört, die lieber hier bleiben, um den dann gezahlten dreifachen Lohn mitzunehmen. Unsere Haushaltshilfe hat zum Beispiel gestern ihren 17-jährigen Sohn am Bahnhof von Shanghai begrüßen können, der weit weg zur Schule geht. Sie war sehr stolz und glücklich und hat uns netterweise von seinen Mitbringseln – Eier von eigenen Hühnern, Kekse und Erdnüsse – abgegeben. Diese Eier schmecken wirklich viel besser als die gekauften!

Nach einem für unsere Verhältnisse warmen Dezember ist er jetzt endlich da: Wenn die Temperatur fünf Tage lang unter zehn Grad Celsius beträgt, ist offiziell Winter. Das äußert sich im Essen: Die Straßenhändler bieten jetzt ganz andere Speisen an, meist heiße Süßkartoffeln, Maiskolben oder Maronen. Und es gibt getrockneten Fisch, ganze Hühner und Enten zu kaufen – im Supermarkt. Gehe ich durch die alten Stadtteile, hängen dort an Balkonen oder zwischen den Häusern einträchtig Wäsche und eben Enten, Hühner, Fische, Schinken nebeneinander zum Trocknen im Sonnenschein.

Bettdecken werden ebenfalls zum Warmwerden in die Wintersonne gelegt, denn die älteren Wohnungen und Häuser haben keine Heizung in Shanghai. So gibt es jetzt wattierte Schlafanzüge zu kaufen und viele Menschen scheinen mehrere Lagen Kleidung übereinander zu tragen. Insbesondere die kleinen Kindern sehen fast aus wie Michellin-Männchen und können vor dicken, wattierten Hosen, Überhosen, Steppjacken und Überjacken kaum noch laufen – aber sehen süß aus!

Übrigens sind auch viele Restaurants und Läden nicht geheizt, wir sitzen dann also in Schals und Jacken am Tisch oder benötigen im Supermarkt keinesfalls eine Kühltasche, weil es so kalt drinnen ist!

Ob es die kleinen Boutiquen im Viertel "French Concession“ sind, in deren Kleidern und Röcken mindestens „Prada“, „Armani“, „Dior“ etc Etiketten zu finden sind oder die sogenannten „fake markets“, auf denen man vom iPhone und Nintendo-DS-Spielkonsolen bis hin zu – gerade besonders beliebt – "Ed Hardey“ Shirts, "Abercrombie & Fitch“ Pullovern und den unvermeintlichen Handtaschen und Portemonnaies jedes erdenklichen Designers alles mehr oder weniger gut nachgemacht kaufen kann: Hier, habe ich den Eindruck, fragt man sich, warum das Original teuer kaufen, wenn man doch eine so viel günstigere Kopie haben kann. Clever der, der es gut nachmachen kann!

Diese Mentalität gibt es auch beim Geld, wie gerade ein aktueller Skandal erhüllt: Es sind im großen Umfang gefälschte 100-Yuan-Noten im Umlauf. 100 Yuan sind zur Zeit zirka 11 Euro wert und die größte sich im freien Umlauf befindliche chinesische Geldnote (sie werden schon wissen, warum). Sogar im Internet konnte man gefälschte 100-Yuan-Scheine käuflich erwerben, für etwa 17 echte Yuan gab es dann 100 falsche. Unglaublicherweise wurden auch Kommentare abgedruckt wie etwa "Die Scheine sind wirklich sehr realistisch gemacht, man kann sie gut einsetzen.“ Okay? Nervig ist jetzt nur, dass die ohnehin schon langwierige Proezedur des Prüfens der 100-Yuan-Banknoten bei jedem Einkauf noch länger dauern wird. Da wird jeder Schein ordentlichst befühlt, sortiert, ans Licht gehalten und genau angeschaut und meist noch durch eine Zähl-(oder Prüf?)maschine gejagt. Bei größeren Lebensmitteleinkäufen kann das ganz schön dauern.

Nach einem relativ deutschem Weihnachten in Shanghai – mit echtem Tannenbaum, echten Kerzen, schwer aufzutreibendem Rehrücken, ökumenischer Christmette, Weihnachtslieder singender Großfamilie – feierten wir Silvester mit amerikanischen Freunden und unserem Besuch aus Berlin hier in unserem Compound. Ein Feuerwerk zu besorgen ist nicht schwer, im Gegenteil muss man aufpassen, dass man es nicht gleich eine Nummer zu groß und laut erwischt. Um uns herum wurde sehr wenig geknallt, Raketen waren kaum am Himmel, bei uns kamen dann auch gleich die Sicherheitsleute gucken, was denn ungewöhnlicherweise um Mitternacht für ein Lärm veranstaltet wurde – so unbekannt scheint das Fest. Den Countdown haben wir auf einem philippinischen Fernsehsender gesehen, denn im chinesischen Fernsehen findet unser Silvester auch nicht statt. Trotzdem war es sehr schön, zusammen mit alten und neuen lieben Freunden das Jahr 2009 zu begrüßen und wir freuen uns, weiterhin hier sein zu dürfen und diese aufregende Stadt, ihre Bewohner, das Land China und soweit wie möglich den Kontinent kennenlernen zu können. Allen Lesern ebenfalls ein gesundes, fröhliches, stabiles Neues Jahr!

Die Adventszeit hat für unsere Kinder mit von einer Freundin aus Deutschland mitgebrachten Schoko- und Playmobil-Adventskalendern begonnen, gefolgt von einem Nikolausmorgen, den wir wie gewohnt gestalteten. Alles wie zu Hause? Nein, zwar gibt es vor Hotels und Einkaufscentern riesige, wunderschön geschmückte Tannenbäume, es blinken und glitzern Lichterketten über vielen Straßen, aber: Es wirkt eher wie ein Theaterstück, inszeniert und aufgesetzt. Fragt man Chinesen, was Weihnachten ist, habe ich jedenfalls nur ein unsicheres Lächeln als Antwort bekommen. Wie auch anders, sollen doch 99 Prozent der Chinesen Atheisten sein.

Nichtsdestotrotz kommt fast aller Weihnachtsschmuck – jedenfalls der günstigere – aus China, denn an allen entsprechenden Ecken gibt es Altbekanntes zu Spottpreisen zu kaufen. Schwieriger ist es da schon, einen ECHTEN Tannenbaum zu bekommen. Abgesehen von den Plastik-Varianten, gibt es, so meine Recherche, nur zwei Möglichkeiten: Bäume aus dem äußersten Norden Chinas, die eine etwa 3000 Kilometer lange Reise hinter sich haben und dementsprechend aussehen, oder die um ein Vielfaches teurere Variante der aus Dänemark eingeflogenen Tannen. Wir haben uns für eine echte chinesische Tanne entschieden und auch schon gekauft, denn Shanghai wurde nur einmal beliefert und da wir eine der wenigen großen haben wollten (drei Meter, aber inklusive Ballen). Jetzt steht er im Garten und ich hoffe, er hält sich bis Heiligabend, denn allzu üppig sieht der Baum nicht aus?

Auf einem schönen Weihnachtsmarkt waren wir auch. Organisiert von einem deutschen Club, fand an einem Wochenende ein wirklich ausnehmend geschmackvoller Markt aus hölzernen Buden in einem malerischen Lichtermeer statt. Viele Freunde haben wir am zweiten Adventssonntag zum Adventstee zu uns eingeladen, mit den Kindern hatte ich Plätzchen gebacken und gesungen haben wir auch gemeinsam. In der Schule wurde in den einzelnen Klassen zum Basteln geladen, verschiedene Weihnachtsbasare wurden von anderen internationalen Schulen veranstaltet und auch in unserer Schule haben einige Mütter und ich eine atmosphärisch schöne Weihnachtsfeier für Eltern und Schüler durchgeführt. An diesem Adventssonntag fand im deutschen Generalskonsulat ein Adventsgottesdienst statt, was auch ein besonderes Erlebnis war.

So gibt es also diverse Möglichkeiten, sich eine schöne Adventszeit zu gestalten, dabei lieb gewonnene Gewohnheiten aufrechtzuerhalten und Neues auszuprobieren.

Die Kinder haben noch eine Woche Schule und freuen sich dann auf Winterferien und Weihnachten in der Fremde, die gar nicht mehr so fremd, sondern schon ein richtiges zweites Zuhause geworden ist.

Unsere älteste Tochter wurde zehn und auf der Suche nach einer guten Idee für ihre Geburtstagsparty (erstmals nur Mädchen, Jungen sind zur Zeit doof bzw. ärgern einen nur) kamen wir auf Karaoke. Überall gibt es hier sogenannte "KTV“s (KaraokeTV), riesige, bunt blinkende Läden. Wir besichtigten ein paar und entdeckten so hautnah, dass es anscheinend ein chinesisches Lieblingshobby ist, allein, zu zweit oder in größeren Gruppen in einem kleinen, Disco-ähnlichen Raum meist chinesische Liebeslieder zu singen und dabei zu essen.

Diese KTVs sind riesengroß, haben bestimmt jeweils 100 oder mehr verschiedengroßer Karaoke-Räume, alles sieht professionell ausgestattet aus und Selbstbedienungsrestaurants gibt es auch gleich mit dabei. Westliche Besucher sind anscheinend äußerst selten, so spricht eigentlich niemand englisch und viele US-Lieder gibt es entweder gar nicht oder zum Beispiel ein Madonna-Songtext wird statt dazugehörigem Video mit einem singenden Chinesen gezeigt. Unserer Geburtstagsfeier war trotz ein paar Verständigungsschwierigkeiten ein großer Erfolg, alle Gäste hatten Spaß und sangen aus voller Kehle – dann eben immer die gleichen fünf Lieder.

Durch unsere Nachbarschaft und die Schule sind wir ja am meisten mit Nordamerikanern zusammen. So haben wir am 27. November auch Thanksgiving mit amerikanischen Freunden in einem rustikalen amerikanischen Restaurant, ganz traditionell mit üppig viel Essen – ganzem Truthahn und ganzem Schinken – gefeiert, dazu lief der Fernseher, auch das ist wohl so üblich. Den Freunden aus den USA war schon recht wehmütig zumute, sind sie an Thanksgiving doch sonst mit ihren Groß-Familien zusammen. Aber hier ersetzen Freunde eben die Familien.

Von unseren Nachbarinnen wurde ich an eine andere amerikanische Idee herangeführt: Sie wollten einen Buchclub gründen. Zunächst dachte ich, okay, jetzt bin ich wirklich bei "Desperate Housewives“ angelangt, aber dann erfuhr ich, dass es wohl gang und gäbe ist, schon unter Collegefreundinnen und später unter Arbeitskolleginnen oder eben Nachbarinnen Buchclubs zu führen, um über diskussionswürdige Bücher geführt zu sprechen. Das Ganze ist sehr organisiert, es wird abgestimmt, welche Bücher gelesen werden, es gibt eine Liste der nächsten Gastgeber und Diskussionsführer. Soetwas kenne ich aus Deutschland gar nicht und weiß auch noch nicht, ob es etwas für mich ist, doch erstmal bin ich mit dabei. Die erste Schwierigkeit ergibt sich schon dadurch, dass wir die favorisierten Bücher hier nicht gesammelt bestellt bekommen, jedenfalls nicht unter 50 bis 60 Tagen durch die Zensurkontrolle.

Auch erleben wir gerade die unterschiedlichen Sitten und Gebräuche zur Adventszeit, so sind in den US-Häusern die Tannenbäume schon alle lichterstrahlend aufgebaut. Ich finde es bereichernd, in Shanghai auch den Amerikanern und ihrer Lebensweise ein ganzes Stück näherzukommen.

Nach über drei Monaten in Shanghai war es nicht mehr zu übersehen: sowohl bei den Kindern als auch bei mir war ein Friseurbesuch dringend notwendig! Also los, nur wohin? Friseurgeschäfte gibt es hier wie Sand am Meer und ich war sehr gespannt auf das intensive Haarewaschen und –massieren, hatte ich doch gehört, dass man das Gefühl haben sollte, noch nie so saubere Haare und Kopfhaut gehabt zu haben wie nach einer Haarwäsche bei einem chinesischen Friseur. Doch es ging ja auch ums Schneiden?. Und da gibt es hier ja recht viele Einheitsschnitte und ich hatte relativ schaurige Geschichten von grün bzw orange gefärbten Haaren gehört (aber zum Glück habe ich keine gefärbten Haare, vereinfacht die Suche schon mal).

Zu den auf Ausländer spezialisierten Geschäften in unserer Nähe wollte ich nicht, zu langweilig, lieber etwas ausprobieren. Also recherchierte ich im Internet und fragte chinesische Bekannte und ging dann zu einem Salon in der French Concession, hörte sich interessant an und sah ganz stylish aus. War dann ein kleinerer Laden, außer mir war erstmal kein Kunde drin, nur etwa zehn Angestellte. Zunächst wurde mir das Haar gewaschen: zirka 3 Mal shamponiert, kräftigst (!!!) dabei die Kopfhaut massiert, dabei auch an den Haaren gezogen, also von gemütlich die Augen schließen kann dabei keine Rede sein, eher zu versuchen, möglichst wenig Schmerz zu empfinden. Aber sauber habe ich mich auf jeden Fall danach gefühlt! Der Friseur stellte sich als Schweizer heraus, der mit Familie sein Glück in Shanghai versucht und bald einen eigenen Haarsalon aufmachen will. Hat Spaß gemacht und sieht auch ganz gut aus – und war zirka 3 Mal günstiger als bei meinem Berliner Friseur!

Mit den Kindern war es auch sehr lustig: Mit denen war ich dann bei einer bekannten Kette in der Nähe (keine Experimente, keine weite Fahrt, dachte ich mir), auch hier eigentlich nichts los und viele hilfsbereite und freundliche Servicekräfte, die sich offensichtlich freuten, dass wir kamen. Schwupps, saßen alle drei beim Haarewaschen nebeneinander (zuhause nur unter Protest und beim Friseur normalerweise gar nicht, hier waren sie wahrscheinlich zu baff) und auch bei ihnen wurde geschrubbt und geknetet was das Zeug hält. Dann auf Hockern auf Frisierstühle gethront, Lollis zum Stillhalten in den Mund und drei Leute kümmerten sich jeweils um ein Kind. Ein Bild für die Götter und ein Gefühl wie ein König! Alle haben es genossen, auch wenn bei den Mädchen über eine Stunde geschnitten wurde. Und das zu einem Spottpreis! Wir kommen garantiert wieder!

Fahre ich durch die Altstadt Shanghais, sehe ich vielerorts abgerissene Straßenzüge der so malerischen, zum Teil hundert Jahre alten Stadthäuser, sogenannte "Shikumen“-Häuser. Teils liegen Schutt und Asche herum und warten darauf beseitigt zu werden, teils entstehen gerade Wolkenkratzer mit geplanter Gewerbe- und Hotelnutzung. Bei geführten Spaziergängen durch die noch intakten Gebiete wird dann erklärt: "Dieses Quartier wird in zwei Jahren abgerissen, dieses dort steht wahrscheinlich noch 5 Jahre und die dort drüben haben Pech gehabt, denn ihre Häuser bleiben stehen, sie sind als kulturelles Erbe ausgezeichnet worden.“ Pech gehabt? Ich denke, wie schön, dass diese alten Häuser bestehen bleiben, sind sie doch ein pittoreskes Wahrzeichen Shanghais und nicht so gesichtslos wie die überall entstehenden Hochhäuser. Aber, so werde ich aufgeklärt, so denken die Shanghainesen nicht. Erstens hängt man nicht an dem alten und zweitens ist es eine einmalige Gelegenheit für sie, aus dem Leben auf zu engem Raum mit zu vielen Menschen unter einfachsten Bedingungen herauszukommen. Denn der Investor, der dort bauen will, zahlt jedem Bewohner eine Entschädigung. Entweder er bekommt eine Wohnung für sich bzw. seine Familie in einem Appartement (in der Regel 10 bis 20 Kilometer außerhalb Shanghais) oder Geld. Und das ist viel mehr, als sich die Bewohner dieser Häuser jemals aus eigener Kraft leisten könnten. Und so freut sich jeder, wenn es heißt "Investoren kommen“. Und beginnt mit Sicherheit auch, kräftig zu handeln und den Preis nach oben zu treiben.

Eine Folge des Melamin-Milchskandals ist der Rückgang der Nachfrage nach einheimischer Milch und das Ausweichen offensichtlich auch vieler misstrauischer Chinesen auf importierte Milch. Aus Japan, Frankreich, Neuseeland und Australien kommt diese weitaus teurere Variante. Chinesische Milch steht wie Blei in den Regalen. Seit einiger Zeit aber ist jegliche importierte Milch aus allen Supermärkten verschwunden. Auf Nachfrage heißt es "Die gibt es zur Zeit leider nicht“. Ich fahre also von Supermarkt zu Supermarkt auf der Suche nach eventuellen Überresten, zunächst erfolgreich, aber momentan ist keine einzige Flasche ausländische Milch aufzutreiben. Tja, sollen wir gezwungen werden, die inländische, darbende Milchindustrie aufzupäppeln? Aufgrund der Beimischung des Melamins und der sehr langsamen Aufdeckung des Skandals bin ich da doch sehr verunsichert. Zum Glück tun sich Auswege auf: da gibt es zum Beispiel eine japanische Firma, die in China eine Farm nach japanischen Qualitätsstandards unterhält und bei der man online ordern kann. Das habe ich jetzt probiert, mal sehen, was kommt (und wie’s schmeckt).

Durch die vielen amerikanischen Expats und Organisationen bin ich hier viel näher am amerikanischen Alltag dran als in Berlin. So wurde in unserer Nachbarschaft ganz offen darüber gesprochen, was wer per Briefwahl gewählt hatte, alle sehnten den Wahltag herbei und eine trug eine Kappe mit dem Datum des letzten Amtstages von George Bush darauf. Die Meinung bei uns im compound war sehr eindeutig pro-Obama. Am 5. November fuhr ich morgens auf eine Veranstaltung des amerikanischen Chamber of Commerce, auf der sehr interessante Reden, lustigerweise auch eine von einem amerikanischen Journalisten, der eine Zeit lang in Berlin gelebt hatte, zur Beziehung Europa-China vs. USA-China. Alles war in den amerikanischen Farben dekoriert, alle trugen Buttons mit „McCain/Palin“ oder „Obama/Biden“, letztere waren in kürzester Zeit verteilt, während erstere bis zum Schluss ausreichend herumlagen. Auf riesigen Leinwänden wurden die ersten Auszählungen gezeigt, alle fieberten mit – bis dann um 12 Uhr mittags unserer chinesischen Zeit das Ergebnis feststand! Alles sprang auf, jubelte, tanzte, einige weinten, riefen zuhause an – es war sehr emotional und berührend, dabei zu sein und zu erleben, wie so viele Amerikaner wieder stolz auf ihr Land sein konnten.

Wow, Torsten hatte Karten für die chinesische James-Bond-Premiere ergattert! Ich also aufgebrezelt und auf ein schickes Ereignis gefreut, immerhin mit rotem Teppich und im neuesten Kino Shanghais. Es drängten sich dann auch Unmengen junger Chinesen mit den unvermeidlichen Fotoapperaten an den Absperrungen – obwohl überhaupt niemand, weder prominent (für uns sowieso nicht zu erkennen) oder Normalsterblicher, erschien. Wir warteten dann lieber im Kino, wo aber auch überhaupt nichts passierte. Dann ging es in den Kinosaal, der unglaublich klein war! Alles nur Schuhschachtel-Größe, keine großen Leinwände, keine gemütlich-breiten Sitze. Nach dem Film war auch schon wieder alles vorbei. Wieso scheinen die Chinesen nicht gerne und oft ins Kino zu gehen, fragte ich mich? Und bekam am nächsten Tag prompt die Antwort vor die Augen gehalten: In den an allen Straßenecken zu findenden DVD-Shops gibt jeden erdenklichen Film für ganz kleines Geld zu kaufen – sogar schon den gerade gestern angelaufenen James Bond! Ja, wozu soll man da noch ins Kino gehen?

In unserer Nachbarschaft wohnen ja überwiegend Nordamerikaner, und so wurden wir bereits Anfang Oktober an der Häuserdekoration gewahr, dass sich ein wichtiges amerikanisches Fest nähert: Halloween! Da wurden Sträucher, Briefkästen, Lampen mit Spinnweben dekoriert, mit Gesichtern verzierte Kürbisse aufgestellt und allerlei Schreckliches (Skelette, Spinnen, Hexen, Geister, sogar Grabsteine) aufgestellt bzw. –gehängt. Wir wurden in die Tradition des „booh“-ens eingeführt, was bedeutet, man klingelt gegen Abend an verschiedenen Türen und hinterlässt eine Tüte Süßigkeiten mit einer Nachricht vom „Halloween-Phantom“? Und so wurden auch unsere Kinder in die Spannung mithineingezogen und auch unser Haus musste (etwas) dekoriert werden, obwohl ich dafür eigentlich kein Geld ausgeben wollte. Doch viele Nachbarn hatten anscheinend Erbarmen und gaben unseren Kindern von ihren offensichtlich unerschöpflichem, aus den USA mitgebrachtem Deko-Reservoir ab. Die meisten hatten auch in den Häusern geschmückt, es hat also vergleichbare Ausmaße wie unsere Weihnachtsdekoration! Irgendwie steckte das dann doch an. Und in allen Supermärkten gab es spezielle Süßigkeiten zu kaufen oder bei den Bäckereien in schwarz und orange gefärbte Kuchenstücke – die Chinesen reagieren wohl auf den Bedarf und sind eben geschäftstüchtig.

In der Schule gab es dann eine große Halloween-Party, auf der auch alle Lehrer verkleidet erschienen und am Nachmittag des 31.10. eine weitere auf unserem compound. Als es dunkel wurde, zogen die Kinder dann verkleidet (unsere 3 als Hexen) in größeren Gruppen von Tür zu Tür. „Trick or treat“ heisst es dann und man gibt meist ein Stück Süßes, es gab aber auch schöne Strohhalme oder ein gegrilltes Würstchen. Das hat ca. 2 – 21/2 Stunden gedauert und es gab sehr phantasievolle, aufwändige Kostümierungen zu bewundern. Am Ende trafen sich die Kinder noch bei Freunden, um zu schauen, was die anderen hatten und um zu tauschen. Und ich fand es klasse, so nebenbei noch an den Traditionen eines dritten Landes teilzunehmen und darüber zu lernen. Aber ob wir als kleine deutsche Minderheit hier im compound auch die anderen mit unseren Traditionen wie zB dem St.Martins-Laternen-Umzug begeistern können? Oder nur als klägliches Grüpplein durch die Gegend ziehen? Mal schauen. Zum Adventstee werde ich jedenfalls einladen.

+++ 29. Oktober: Stadtspaziergänge +++

Eine wunderbare Art, Shanghai kennenzulernen, sind für mich geführte Stadtspaziergänge. Diese werden hier von allen möglichen Organisationen in die verschiedensten Quartiere und Ecken der Stadt angeboten. Einige habe ich bereits mitgemacht und viel erfahren und gesehen, woran ich alleine vorbeigelaufen wäre. Ich finde es auch schöner, mit einigen Gleichgesinnten durch die Gegend zu ziehen als alleine und dabei lernt man vielleicht wieder einige nette Leute kennen. Ist allerdings die Gruppe zu groß, versteht man kaum etwas (es sein denn, man rennt immer neben dem Führer her) und das Tempo passt sich den Langsamsten an. Was für mich die beste Erfahrung war, ist ein privater Stadtführer (der auch nicht viel mehr als die Führungen in großen Gruppen kostet). Den ich empfohlen bekam und mit Besuch nutzte, ist Shanghainese, ist hier also aufgewachsen und kennt alles und ich hatte das Gefühl, auch jeden. Wir haben eine individuelle Tour abgesprochen und er hat uns drei Stunden lang durch die Altstadt geführt, in Häuser hinein, zu dem Rest alter Stadtmauer, in einen kleinen buddhistischen Tempel, in dem Familien für ihre Verstorbenen gerade Papierhäuser und –geld verbrannten und abschliessend zu dem Ort der Gründung der kommunistischen Partei. Es war sehr informativ, wir haben ihm viele Fragen stellen können und dadurch auch relativ persönlich. Habe gleich mit ein paar Frauen gesprochen und werde auf diese Weise, in einer kleinen Gruppe mit dem privaten Stadtführer, weiter die Stadt erlaufen!

Mein erster Chinesisch-Kurs geht dem Ende zu, Zeit, Bilanz zu ziehen: Von den anfänglich neun Teilnehmern sind noch fünf dabeigeblieben, ich fange an, die Sprachstruktur und den Satzaufbau zu verstehen und kann mich leidlich ausdrücken (wenn auch zumeist unter Mithilfe der Hände), um einzukaufen oder den Weg zu finden. Es macht Spass, aber es ist auch ganz schön schwierig. Besonders die Aussprache macht mir zu schaffen und das vieles so ähnlich klingt, aber etwas ganz anderes bedeutet, was das Verstehen auch so mühsam macht. Und dann gibt es so viele Besonderheiten... Für mich zum Beispiel kurios: es gibt eine Unzahl von Wörtern, die eine Maßeinheit beschreiben. Wir haben allein 30 in einer Stunde durchgenommen. So gibt es jeweils eigenständige Wörter zum Aufzählen von Gläsern, Schüsseln oder Tellern. Möchte ich Bananen, Äpfel, Sellerie oder Brokkoli kaufen, gibt es für alles verschiedene Aufzähl-Wörter. Würden wir gar nichts oder „Stück“ sagen, benutzt man im Mandarin eine der Form oder Konsistenz des Gegenstandes angepasste Maßeinheit. Puh!

Den nächsten Kurs habe ich jedoch schon gebucht – dranbleiben ist die Devise. Dann sind wir allerdings nur noch zu dritt?

Ich hatte ja jetzt meine Eltern und danach eine Freundin zu Besuch, und während der Museumsbesuche, Stadtspaziergänge und Shopping-Bummel, genossen wir jeweils besonders die Wohltat einer chinesischen Massage und das abendliche Ausgehen. Ersteres wird zu unschlagbaren Preisen in hoher Qualität und angenehmer Atmosphäre angeboten und ist eine unglaublich angenehme Entspannung eines Sightseeing-Tages. Bisher kenne ich eine gute Kette von Massage-Spas (die sich praktischerweise an vielen netten Orten der Stadt befinden), es gibt aber sicherlich noch viele mehr zu entdecken aus der unglaublichen Vielfalt des Angebots. Traditionelle chinesische Massage ist übrigens durch leichte Kleidung hindurch und ganz schön intensiv-zupackend, also nix mit leichtem Nickerchen zwischendurch! Danach aber fühle ich mich herrlich erfrischt und gut gerüstet für neue Abenteuer.

Da wir relativ häufig abends essen gehen, haben wir schon eine ganze Reihe von Restaurants durchtesten können, wobei wir uns auf die chinesischen zu konzentrieren versuchen, denn bei diesem Essen gibt es am meisten Neues zu entdecken : die ganzen Regionalküchen – von wegen „chinesisches“ Restaurant! Da gibt es Bejing, Canton, Shanghai, Sichuan, Yunnan und noch viele andere Stile, nach denen in speziellen Restaurants gekocht wird. Mein Lieblings-Ausgehplatz ist nach wie vor der Bund, also die tollen Bars und modern eingerichteten Restaurants auf beiden Seiten des Shanghai durchquerenden Flusses, die es mit New York oder Berlin locker aufnehmen können und dazu noch diesen Traumblick auf eben den belebten Fluss und die spektakuläre Skyline bieten. Damit lässt sich auch jeder Besuch beeindrucken!

+++ 24. Oktober: Stadtbegrünung +++

Was mir beim Fahren durch Shanghai stets auffällt, sind die gepflegten Blumenrabatte und Grünflächen an nahezu jeder größeren Strasse und Plätzen. Was in Berlin aus Geldmangel sich selbst überlassen wird, wird hier von Heerscharen tagtäglich entmüllt (auch sehr notwendig) und gegossen. Ebenso gepflegt stellen sich die Parkanlagen dar, die typisch chinesischen angelegten Stein-, Wasser- und Pflanzgärten. In neu geschaffenen Stadtbereichen wie dem unseren in Pudong, wird versucht, viel Grün unterzubringen, aber auch in alten Bezirken wird die Begrünung zum Teil radikal vorangetrieben. So ist es ausgerufenes Ziel, die Lebensqualität in der Stadt zu verbessern und die Grünflächenanzahl stark zu erhöhen. Und man ist schon ein Stück weit gekommen: Betrug die Grünfläche pro Einwohner vor 1990 3,5qm, ist sie Ende 2007 auf 12qm angewachsen. Ein „3-Jahres-Begrünungsplan“ formuliert hierzu ehrgeizige Ziele. Das wird dann teilweise so umgesetzt, dass in einem Innenstadtbereich, in dem sich jetzt der „Square Park“ befindet, 40.000 Leute, die zuvor dort gelebt haben, umziehen mussten, damit Platz für den Park geschaffen werden und so das Grün zu den Menschen kommen konnte.

In den Parks von Shanghai sieht man in den Morgenstunden etwas für westliche Augen ziemlich Ungewohntes: alte Leute, die miteinander tanzen, Federball spielen, Taichi-Übungen machen, singen oder musizieren. Ganze Alleen sind dann voll mit Menschen. Ein faszinierendes Bild! Wenn ich stehen bleibe und zuschaue, werde ich manchmal herangewinkt und zum Mitmachen aufgefordert, aber das traue ich mich dann nicht. Alles geschieht sehr freundlich, lächelnd. Toll, wie diese älteren Menschen fit bleiben und die Bewegung suchen.

In den kleinen Seitengassen im französischen Viertel habe ich bei einem geführten Spaziergang mehrere über 90-Jährige getroffen, die davon erzählten, dass sie zumeist ihr ganzes Leben dort gelebt haben, die Gemeinschaft dieser Seitengassen sich gut um die Älteren kümmert. Die Häuser, in denen Ältere leben, erkennt man übrigens auch an den kleinen Kästen neben den Eingangstüren, in die jeden Tag eine Milchflasche geliefert wird. Eine Portion Calcium auf Staatskosten.

Besuch aus Deutschland! Für eine Woche hatten wir Freunde mit ihrem Baby zu Gast. Jetzt zeigte sich der Nutzen des großzügigen Hauses mit seinem Gästegeschoß, denn alle hatten ungestörten Platz für sich und die Gäste konnten ihren Jetlag gut ausschlafen. Das neue Bett wurde trotz der Kürze für gut und bequem befunden und wir konnten uns als Fremdenführer versuchen bzw. gemeinsam neue Ecken der Riesenstadt entdecken.

Die Kinder waren stolz, ihre Schule und die Wohnanlage vorzuführen und zu zeigen, was sie alles schon wissen und kennen. Ein schönes Gefühl! Nachdem das also so gut geklappt hat, erwarten wir nur einige Tage danach erneut Besuch: diesmal meine Eltern, die für eine Woche kommen, um zu gucken, wie wir hier so leben und dann kommt im Anschluß gleich eine gute Freundin aus Berlin. Auf diese Mädelswoche freue ich mich schon sehr! Torsten wird dann geschäftlich in den USA sein, das passt dann ganz gut – ich bin nicht allein; im Gegenteil, wir können zu zweit toll shoppen und Shanghai erleben gehen!

Darauf hatte ich mich lange gefreut: Am Wochenende waren wir zu einer chinesisch–deutsch/französischen Hochzeit eingeladen. Im Vorfeld hatte ich schon viel von den aufwändigen Planungen, Proben und den im Vorfeld aufgenommenen Hochzeitsfotos (extra in einem wunderschönen, aber zwei Stunden von Shanghai entfernten Ort) erfahren und so war ich sehr gespannt. Es begann bei der Begrüßung mit Fotos des in weißem langen Kleid und schwarzem Anzug gekleideten Brautpaares mit den jeweiligen Gästen (Fotos sind überhaupt und bei allem sehr wichtig).

Man setzte sich an den vorgesehenen Tisch und während des Essens, das auch prompt begann, wurde das Brautpaar mit einer Fotoshow begrüßt und dann gab es relativ kurz hintereinander folgende Programmpunkte: Eheversprechen des Bräutigams (die Braut musste nichts sagen), Anstecken der Ringe (alles ohne Geistlichen oder Offiziellen, die offizielle Beurkundung fand Wochen früher statt), Eingießen einer beleuchteten und nebelumwaberten Champagner-Pyramide, Reden der Eltern, Anschneiden der Hochzeitstorte, Aufsteigenlassen von Luftballons aus der Mitte eines mit unechten Kerzen gelegten Herzens.

Zwischendurch zog sich die Braut um und trug dann ein traditionelleres chinesischen Kleid, den qipao, und hatte die Haare auch neu aufgesteckt. Von der Braut habe ich erfahren, dass sie seit morgens mit Makeup-Artist und Friseur beschäftigt war, die sie auch abends betreuten. Die Brautleute gingen dann von Tisch zu Tisch und prosteten allen Gästen zu. Man erzählte mir, dass eigentlich der Bräutigam spätestens nach dieser Runde betrunken aus dem Saal getragen wird, weil er traditionell mit jedem Gast anstossen muss. Hier ging es jedoch noch weiter: Während normalerweise die Hochzeitsfeier relativ schlagartig mit dem Essen beendet ist, zog hier die Hochzeitsgesellschaft in eine benachbarte Bar um, in die auch neue Gäste, Freunde aus der Stadt, geladen waren und wir bei Livemusik unter freiem Himmel redeten und den Abend wunderbar ausklingen liessen. Dazu hat sich die Braut übrigens ein drittes Mal umgezogen. Fazit: Es war eine tolle Hochzeit mit einer wirklichen Mischung aus westlichem und chinesischem Hochzeitsstil, wobei ich glaube, dass sich ein echter neuer chinesischer Weg, Hochzeit zu feiern, noch weiter entwickeln wird.

Neulich wurde ich von einer kundigen Freundin in die chinesischen Shoppingparadiese eingeführt: von außen völlig unscheinbare, kleine Schuhschachtel-ähnliche Geschäfte öffnen sich innen nach hinten und oben ins Unermessliche. Mehrere Stockwerke hoch und auf jedem Stockwerk mehrere Gänge lang und breit Mini-Geschäfte mit allem, was man sich nur vorstellen kann. Da gibt es ganze Gänge nur mit Haarspangen-Geschäften, andere nur mit Einpackpapier und Tüten, mehrere mit Regenschirmen usw. Eigentlich alles, was ich in deutschen Dekorations-und Spielzeuggeschäften oder in Warenhäusern gesehen habe, konnte ich praktisch auch hier entdecken. Eine richtige Desillusionierung! Im Prinzip ist alles „made in China“ oder zumindest gibt es auch eine chinesische Variante davon. Den Preisunterschied kann man sich vorstellen. Weiter ging es in ein Schmuck-Warenhaus, in dem sich unzählige Schmuckhersteller auf mehreren Stockwerken Konkurrenz machten. Man muss sich wirklich auskennen, um zu wissen, bei wem man gut kaufen kann! Das wusste meine Begleiterin, die mich schnurstracks zu "Lisa’s“ führte (daneben war "Nadia’s“, "Rainbow’s", "Lucy’s" usw). Eigentlich wollte ich überhaupt nichts kaufen, aber als ich dann die schönen Türkise (hoffentlich wirklich echt!), Lavasteine und Perlen sah, die zu phantasievollen Ketten aufgezogen waren. Und dann die Preise! Selbst ohne handeln (was wir natürlich doch noch taten) erschienen sie uns unglaublich billig! Und schon hatte mich der Kaufvirus gefangen – aber Andenken und Weihnachtsgeschenke kann man ja nie früh genug haben.

So ein Expat-Leben kann auch ein Luxus sein, wie ich jetzt feststellen durfte: Man erwartet von Ausländern, dass sie hier Arbeitsplätze schaffen und dazu gehört auch die Beschäftigung einer Ayi, einer Art Haushälterin. Meist kommen sie aus den dörflichen Regionen in die Städte, um hier weitaus besser zu verdienen als bei ihnen zuhause. Zuerst dachte ich, dass wir doch nur jemanden für ein paar Stunden die Woche brauchen, um mich beim Saubermachen etc., zu unterstützen, aber so eine Beschäftigung gibt es fast gar nicht, die meisten möchten ganztags arbeiten und das kostet ungefähr so viel wie jemanden in Deutschland ein paar Stunden die Woche zu beschäftigen.

Wir guckten uns also um (hier gibt es sogar Ayi-vermittelnde Agenturen, alle Supermärkte haben Pinnwände mit Job-suchenden Ayis) und wussten ziemlich schnell, dass wir eine Chinesin und keine z.B Philippinin suchen würden, denn wir wollten ja chinesischen lernen und praktizieren und ich möchte auch gerne chinesisch kochen lernen und wissen, wozu man all die unbekannten Gemüse und Früchte gebrauchen kann. Ich rief also ein paar der auf den ausgehängten Zetteln genannten Telefonnummern an und dann kamen einige, sich vorzustellen.

Meine Telefonnummer wurde wohl auch munter weitergereicht, denn ich bekam diverse Anrufe und SMS von weiteren Ayis. Eigentlich suchten wir ja jemand, die zumindest ein bisschen englisch spricht, haben uns dann aber für eine entschieden, die zwar kein Englisch kann, aber sehr nett, freundlich und kinderlieb ist. Alle einschließlich Kater Cookie haben sie gern und es bringt großen Spaß, mit ihr zu kochen und sich dabei mit Händen und Füßen zu verständigen. Außerdem gibt es ja für alles ein Buch und so habe ich mir das „Ayi Survival Booklet“ gekauft, in dem alles rund um den Haushalt auf Englisch und Chinesisch erklärt wird.

Darüber hocken wir dann zusammen und versuchen, westliche und chinesische Arten sauberzumachen oder Wäsche zu waschen auszutauschen und zusammenzubringen. Sehr lustig! Und Antonia und Isabelle können ihre Chinesisch-Hausaufgaben mit ihr üben. Und ich stelle verwundert fest, dass man bei einem so großen Haus tatsächlich viele Stunden mit saubermachen beschäftigt sein kann und fange an, den Luxus zu genießen, nicht immer alleine das ganze Obst oder Gemüse zu schnippeln und jemanden zu haben, der mit mir die Küche am Abend aufräumt...


Um dauerhaft in China bleiben zu können, braucht jeder von uns ein permanentes Visum. Alle Erwachsenen müssen dafür zunächst einen vorgegebenen Gesundheitscheck durchlaufen. So fand ich mich zur abgesprochenen Zeit in der zentralen Gesundheitsstelle für ausländische Visa-Antragsteller ein, bekam einen Kittel und einen Laufzettel in die Hand gedrückt und wurde zur ersten Station geschickt. Hier hieß es Blutabnehmen, zu fünft nebeneinander wie am Fließband.

Danach bugsierte mich chinesische Schwestern sanft zum Sehtest, Ultraschall, Röntgen (lieber nicht darüber nachdenken, wie alt die Geräte sein mögen), Abtasten, EKG, wiegen und messen und noch so allerlei mehr. Alles in kleinen, engen, dunklen und ältlichen Kammern, in denen chinesische Ärzte den ganzen lieben langen Tag solche Visaantragsteller wie mich sahen und durch diesen Prozess schleusten. Gesprochen wurde übrigens fast gar nicht. Irgendwann hieß es dann „finished“ und ich wurde mit Kopfnicken entlassen.

Meinen Pass bekam ich jedoch nicht wieder, sondern einige Wochen später wurde ein neuer Termin vereinbart, diesmal bei einem Amt für Öffentlichkeitsfragen, Bereich Visaanträge. Auch diesmal bekam ich einen „Agenten“ an die Seite gestellt, der (zum Teil durch Drängeln und Diskutieren) netterweise dafür sorgte, dass ich nicht ewig warten musste, sondern relativ zügig (ca. eine Stunde warten statt mehrerer) auf einem Stuhl Platz nehmen konnte, wo eine Dame mein Passbild mit meinem Gesicht verglich, wohl um festzustellen, ob wirklich ich dieses Visum beantragte. Dann durfte ich wieder gehen – wieder ohne Pass. Dieser wurde dann ca. eine Woche später der Firma meines Mannes zugestellt – mit Visum!

Während unseres Kurzurlaubs auf Hainan kamen wir nicht nur in den Genuss der Vorzüge der Tropen, sondern erlebten auch eine negative Seit. Innerhalb kürzester Zeit veränderte sich das Wetter: es wurde immer stürmischer, dunkle Wolken zogen auf und dann ging es los: wolkenbruchartig schüttete es, dazu kam ein gewaltiger Sturm. Es heulte und fauchte aus allen Ecken, alles rannte hinein. Doch ist das Hotel auf ein Leben draußen hin ausgerichtet, so sind Lobby und alle Gänge zwar überdacht, aber nach den Seiten hin offen und hier peitschten Regen und Wind kräftig hin, sodass alles überflutet wurde, sich auf dem Boden regelrechte Seen bildeten. Wollten wir auf unsere Zimmer oder in ein Restaurant, wateten wir durchs Wasser und wurden zudem von dem seitlich einstürmenden Regen durchnässt. Wegen des Sturmes lohnte sich der Gedanke an einen Regenschirm überhaupt nicht. Überall waren gute Geister damit beschäftigt, in hohen Gummistiefeln und Regencapes der eindringenden Wassermassen mithilfe von Besen Heer zu werden – vergeblich. Die ganze Nacht stürmte es weiter, um dann am nächsten Morgen wieder Sonnenschein zu zeigen, als wäre nichts gewesen. Doch die herumliegenden Palmenzweige, herausgerissene Bäume zeugten von dem Naturereignis.

Nur zweieinhalb Flugstunden von Shanghai entfernt haben wir eine kleine Oase entdeckt: Die Insel Hainan gehört zu China, fühlt sich aber überhaupt nicht wie China an: tropisches Klima, weite, palmenbesäumte weisse Sandstrände, warmes, klares Meer mit wunderbarem Wellengang und kaum Leute! Es war mal schön, dass wuselige, laute Shanghai gegen ein vergleichsweise menschenleeres Paradies einzutauschen. In einem ganz neuen Resort (die Chinesen wissen eben, womit man Geld verdienen kann) ließen wir es uns über die chinesischen Staatsgründungs-Feiertage gut gehen: in wunderschön angelegten Pools, im Meer, auf dem Motorboot, bei köstlichem Essen? Wie überall in China, war man auch hier überaus kinderfreundlich und so genossen unsere Drei immer mal wieder ein kleines extra Eis oder eine Runde im Golf-Cart? Da viele Chinesen nicht schwimmen können und sich anscheinend nicht gerne am Strand aufhalten, hatten wir diesen Bereich oft für uns. Die chinesischen Frauen hatten übrigens keine Hemmungen, mit Schwimmreifen ins Meer zu gehen. Und die Badeaufsichten trauten den Schwimmkünsten offenbar auch nicht: sobald der kleinste Wellengang war, wurden alle aus dem Wasser gepfiffen.


Zweimal wöchentlich habe ich jetzt chinesisch (theoretisch, denn einmal davon bin ich meist verhindert). Unsere Lehrerin, die sich den schönen Namen „Rainbow“ gegeben hat, versucht mit größter Mühe, uns zunächst die Aussprache der Buchstaben und Silben sowie die vier Töne des Mandarin beizubringen. In sehr kreativer Form, denn zum Teil singen wir die Vokale, was Spaß macht, beim Vorsingen zuhause bei meinen Kindern aber auf große Skepsis stößt. Es ist so schwierig! Ganz wichtig sind zum Beispiel die Buchstaben „x“, „s“, „z“ und „c“. Die werden anders als im Deutschen oder Englischen ausgesprochen, hören sich aber ziemlich ähnlich an und werden sehr oft in Kombination mit „h“ und „ch“ verwendet und klingen dann wieder anders, für unsere ungeübten Ohren aber zum Verwechseln ähnlich. Die nächste Schwierigkeit sind die vier Töne, was bedeutet, dass jedes Wort in vier Betonungen ausgesprochen werden kann und dabei seine Bedeutung verändert.

So kann „ting“ beispielsweise sowohl „Stopp“ als auch „hören“ bedeuten (und es hat noch zwei weitere Bedeutungen, die ich noch nicht kenne). Dazu kommt, dass es auch für eine Sache verschiedene Wörter geben kann. So habe ich etwa schon drei chinesische Ausdrücke für „Tag“ kennengelernt. Macht es auch nicht einfacher. Naja, ich habe ja drei Jahre Zeit! Als ich allerdings neulich einem Taxifahrer meine Adresse sagen wollte (schön vorher geübt), hat der mich überhaupt nicht verstanden! Trotz mehrmaliger Versuche musste ich ihn dann doch wieder mit Gesten lotsen? das war frustrierend.


Wir haben immer in Berlin geglaubt, dass an allen Ecken und Enden gebaut wird und sich die Stadt schnell verändert! Aber Berlin ist gar nichts im Vergleich zu Shanghai. Zum Einen gibt es wirklich Baustellen, wohin man schaut: überall Kräne, Absperrungen, Bauschutt. Gearbeitet wird scheinbar sieben Tage die Woche, 24 Stunden lang. So können es die Chinesen auch schaffen, innerhalb kürzester Zeit riesige Bauprojekte zu bewerkstelligen, wie neue Tunnel unter dem die Stadt teilenden Huangpu-Fluss, Schnellstraßen auf Stelzen (aus Platzgründen) und immer neue, immer höhere Wolkenkratzer. Gerade wurde der neueste Stolz eröffnet, das dritthöchste Gebäude der Welt, die Form erinnert an einen Flaschenöffner. Als Attraktion kann man mit einem superschnellen Fahrstuhl in den 150. Stock fahren und eine rundumverglaste Aussichtsplattform begehen.

Daneben und auch wörtlich fast direkt nebenan, befinden sich immer wieder auch Überbleibsel aus dem alten Shanghai: enge, kleine Garagen-ähnliche Läden, die meist nur wenige Sachen anbieten: Obst, Fahrradzubehör, frische Nudeln. Sie sind so winzig und dunkel, dass die Besitzer vor ihren Läden sitzen und auf Kundschaft warten. Manchmal öffnen sich daneben noch enge Gassen, wo rechts und links winzige zweistöckige Beton-Häuser stehen, an deren Fenstern Wäsche zum Trocknen flattert und wo auf der Straße gespielt, erzählt, Geschirr abgewaschen wird. Diese Leute werden sich die teuren Eintrittskarten für einen Besuch im Wolkenkratzer nie leisten können.


Viel schneller als uns lieb ist, mussten wir das chinesische Gesundheitssystem ausprobieren: Antonia (9) ging es letzte Woche zwei Tage nicht so gut – Akklimatisierungsschwierigkeiten, das ungewohnte Essen, dachte ich. Doch ein paar Tage später klagte sie morgens wieder über Unwohlsein, Stunden später tat ihr der rechte Unterbauch so weh, dass sie nicht aufstehen konnte. Anzeichen einer Blinddarmentzündung? Ich fuhr mit ihr zum nahgelegenen Ärztekomplex. Dort warteten wir lange und bekamen doch keine klare Diagnose, nur den Hinweis, besser ein Krankenhaus aufzusuchen. Doch welches? Ich rief ein paar Leute an, die schon länger in Shanghai wohnten. Alle nah an westlichen Standards orientierte Krankenhäuser mit Ausländerabteilung sind relativ weit entfernt (es gibt in dieser Riesenstadt auch nur sehr wenige), was bei Nachmittagsverkehr mindestens eine Stunde Fahrzeit bedeutete. In der Zwischenzeit hatte Antonia auch Fieber bekommen. Wir folgten also der Empfehlung und landeten auch bei einem vetrauenserweckenden Krankenhausarzt, der schnell alle notwendigen Tests durchführte und danach zu rascher Operation riet. Alle Vorbereitungen wurden getroffen, der Chirurg von zu Hause geholt – dann warteten wir. Antonia Fieber stieg weiter und ihre Schmerzen nahmen zu! Dann aber sagte uns der Arzt, dass die Anästhesisten die Operation nicht durchführen wollten, Antonia wäre zu leicht und zu jung, wir müssen in ein anderes Krankenhaus fahren! Der Arzt selber schüttelte auch nur zornig den Kopf, denn gestern wurde ein neunjähriger Junge am Blinddarm operiert – heute sollte es nicht möglich sein. „That’s China!“, murmelte er nur. Wir trugen Antonia also wieder ins Auto und fuhren eine weitere Stunde in dichtestem Verkehr in ein weiteres internationales Krankenhaus, wo entgegen den Beteuerungen nichts für sie vorbereitet war und wir wieder endlos warten mussten.

In der Zwischenzeit telefonierte ich mit den beiden Kleinen, die ich zum Abendessen bei einer Freundin untergebracht hatte und die nun von der chinesischen Hilfe ins Bett gebracht werden sollten. Beide weinten am Telefon, fühlten sich alleine, nur mit jemandem, den sie erst wenige Tage kannten und mit dem sie keine gemeinsame Sprache hatten. Ich hätte selber weinen können und rief eine Nachbarin an, die so lieb war und gleich herüberkam und sich um die Kinder kümmerte.

Dann wurde Antonia durch die Tür in den OP geschoben, wohin wir sie nicht begleiten konnten – ein schreckliches Gefühl! Eine Stunde später präsentierte die Chirurgin uns stolz den herausgenommen Blinddarm – kurz vor dem Durchbruch, also Glück gehabt. Der weitere Aufenthalt im Krankenhaus, das vom Standard mehr einem guten Hotel ähnelte, verlief sehr positiv: rasche Genesung, freundliche und kompetente englischsprechende Schwestern. Nach nur zwei Tagen durfte Antonia wieder nach Hause – worüber wir sehr froh waren!


Bisher habe ich beim Lebensmitteleinkauf danach ausgewählt, was gut aussah, gut roch und möglichst lokal und organisch angebaut wird (jedenfalls laut Etikett). Nur Fleisch oder Wurst haben wir aus Neuseeland oder Australien gekauft, weil ich hier auf Nummer sicher gehen wollte. Joghurt und Milch sind frisch nur aus chinesischer Produktion zu bekommen, haben wir also viel gekauft und gegessen. Nach dem riesigen Milchskandal sind wir jetzt total verunsichert und erschüttert . Wir kaufen jetzt ultrahocherhitzte Importmilch und Joghurt aus Australien oder Frankreich und mache mir viel mehr Gedanken über die Lebensmittelsicherheit als vorher. Ich habe gelesen, dass die lokale Milch auch deswegen bedenklich ist, weil die Gefahr von antibiotischen Rückständen besteht. Denn viele Bauern haben nur sehr wenige Kühe, die ihre ganze Existenz darstellen und wenn die mal krank sind, werden sie mit Antibiotika behandelt, um weiter Milch zu geben. Die meterlangen Joghurtregale in den Supermärkten weisen zur Zeit gespenstische Leere auf (weil auch die Supermärkte als Vorsichtsmaßnahme viele lokale Marken aus den Regalen ziehen) und sogar die Chinesen habe ich beim Hamsterkaufen französischer H-Milch beobachtet. Da macht sich schon ein mulmiges Gefühl breit? Was ich aber gut finde, ist die ausführliche Berichterstattung in der Tagespresse. Namen und Firmen werden als Verursacher viel deutlicher genannt als zum Beispiel in Deutschland.


Unser Haus hier ist ja um einiges größer als unser altes in Berlin und es fehlen noch so einige Sachen und wo fährt man dann am einfachsten hin? Zu Ikea, was es auch schon in Shanghai gibt. Das ist vielleicht ein lustiges Bild, lauter Chinesen zwischen den schwedischen Landhausmöbeln herumlaufen zu sehen! Aber die Shanghainesen lieben Ikea und ein Ausflug dorthin scheint eine beliebte Freizeitbeschäftigung zu sein. So ist es immer knallvoll (mit Wartezeiten vor dem Parkhaus und langen Schlangen am Wochenende vor der Ladenöffnung). Alle Stühle, Sessel, Betten werden ausprobiert und besonders begehrt ist auch das Restaurant. Jedenfalls sind überall riesige Schlangen vor den Essensausgaben, und dann werden die doch sicherlich fremd anmutenden Köttbullar eben mit Stäbchen gegessen.

Übrigens wird bei Ikea anscheinend nach Landesbedürfnis produziert. So war es unmöglich, ein Bett zu finden, das länger als 1,90 Meter ist! So müssen bei unserem neu erstandenen Gästebett große Gäste eben die Füße aus dem Bett hängen lassen...


Seit einer Woche haben wir ein neues Familienmitglied! Ein 4-Monate-alter schwarzer, wuscheliger Kater mit bauschigem Schwanz – unternehmungslustig, gewitzt, verspielt. Eine große Tierschutzorganisation veranstaltet monatliche Adoptionstage, bei denen man aufgesammelte und hochgepäppelte Strassentiere adoptieren kann. Davon hatten wir gelesen und da sich unsere Kinder so sehr ein Haustier wünschten und wir ihnen damit das Wohlfühlen hier noch mehr erleichtern möchten, machten wir uns letzten Sonntag also auf in , ja eine Art Biergarten, wo viele Tierschützer aber zunächst nur sehr wenig Tiere waren.

Besonders unsere Tiernärrin Isabelle (8), die extra den neuen Katzenkorb gewaschen und mit Spielzeug und Decke ausgestattet hatte, war sehr enttäuscht. Doch das Ausharren dort bei großer schwüler Hitze sollte sich lohnen: Eine nette chinesische Studentin brachte einen kleinen schwarzen Kater, der ängstlich aus seinem Korb lukte. Isabelle und auch Victor und Antonia waren gleich Feuer und Flamme! Und wir auch. Auf der Heimfahrt überlegten wir alle einen geeigneten Namen. Und da alle gerne „Cookies&Cream“ Eis, das mit den leckeren dunklen Schokokeksstückchen essen, sollte es „Cookie“ sein! Ich glaube, er mag seinen Namen. Inzwischen tollt er übermütig über Tisch und Bänke, verschmäht meistens seinen Kratzbaum und wetzt seine Krallen lieber an unseren Sofas.


Natürlich vermisse ich meine Freundinnen und merke, wie selbstverständlich es war, sich fast täglich oder wann man eben wollte, zu sehen, miteinander zu reden und den Alltag zu teilen. Jetzt bin ich froh, wenn wir einmal in der Woche miteinander telefonieren. Aber so bekommt Freundschaft auch einen anderen Wert, finde ich. Und genau wie die Kinder, bin ich dabei, hier Freunde zu finden. Da alle in unserem compound neu dazugezogen sind, sind alle ganz offen und auch darauf aus, neue Kontakte zu knüpfen. Viele tingeln schon jahrelang durch die Welt und kennen das Gefühl, irgendwo neu.

Darüberhinaus habe ich von lieben Freunden Kontaktadressen von deren Freunden bekommen, die nach Shanghai gegangen sind. Die klappere ich jetzt ab und auch dadurch haben sich schon sehr nette Treffen ergeben. Dann gibt es das Phänomen der „coffee mornings“: Ob Schule, compound, Expat-Organisationen (zum Beispiel American Women Organisation, Shanghai Expat Association, Deutscher Club) – alle veranstalten nach den großen Ferien sogenannte „Welcome coffees“. Ich habe schon einige dieser Kaffeemorgen besucht und fand das ganz hilfreich (und auch netter, als die restlichen Kisten auszupacken!) Man muss aber aufpassen, sich nicht von coffee morning zu coffeee morning zu bewegen!

Jeden Morgen geht es jetzt schon um 7:15 Uhr los auf den halbstündigen Fahrweg zur Schule. Zum Glück ohne irgendwelches Murren, denn alle drei Kinder gehen sehr gerne in die neue Schule. Sie haben auch wirklich sehr nette Lehrerinnen und Mitschüler. Scheint ein Glücksgriff gewesen zu sein (bisher). Die Klassen sind recht klein (12 bis 17 Schüler) mit Kindern aus vielen Nationen und sehr persönlichem Unterricht in einer „Wohlfühlatmosphäre“. Antonia und Isabelle kommen vom Englischen her sehr gut mit und finden es spannend, jetzt täglich Mandarin zu lernen. Stolz bringen sie nachmittags ihre neu gelernten Vokabeln an. Und Victor ist eifrig bemüht, Englisch zu lernen.

Am ersten Schulmorgen standen Torsten und ich mit Tränen in den Augen da und fragten uns, wie er wohl seinen ersten Tag in der Schule, in der Fremde und mit einer fremden Sprache durchstehen würde. Doch er selbst ging tapfer und frohen Mutes dorthin und als ich ihn abholte, war er ganz begeistert! Jetzt lernt er täglich dazu, macht mit Feuereifer seine „Hausaufgaben“ und findet alles (Computer, Kunst, Sport, Mathe, Bücherei) sehr aufregend. Nur manchmal meint Victor, dass der Tag doch ziemlich lang sei, bis er mich wiedersieht. Recht hat er, denn die Kinder sind ja von 8 bis 15 Uhr in der Schule. Da es aber so abwechselungsreich, spielerisch und anregend ist, vergeht die Zeit meist wie im Fluge. Trotzdem wünscht sich Vicky, noch schneller so gut Englisch zu können, dass er besser mit den anderen Kindern und auch seiner Lehrerin kommunizieren kann. Aber er findet seinen Weg, sich auszudrücken: mit Händen oder eben auf deutsch. Einige Male wurde auch eine seiner Schwestern unproblematisch geholt, um zu verstehen, was Victor meinte.

Froh macht mich auch, dass alle drei Kinder schon Freunde in ihren Klassen gefunden haben. Isabelle hatte gleich in der ersten Woche eine so nette Gruppe von drei Mädchen, dass wir kurzentschlossen ihren nach fünf Tagen Schule anstehenden Geburtstag mit einer richtigen Party feiern konnten! Antonia hat eine deutsche Klassenkameradin, die schon seit fünf Jahren hier auf unserer Wohnanlage lebt und die sie deswegen auch fast das ganze Wochenende über sieht und auch Victor ist schon zu einem Kindergeburtstag bei einem Mädchen (!) aus seiner Klasse eingeladen. Ein guter Start!


Jetzt leben wir schon drei Wochen in unserem neuen Zuhause, einem neu gebauten „compound“ (Wohnanlage) im neuen Teil Shanghais, Pudong. Vor fünf Jahren waren hier nur Felder und Wiesen und jetzt stehen hier die modernsten Hochhäuser der Welt und schon sieben Millionen Menschen wohnen hier (von den ca. 20 Millionen Bewohnern Shanghais). Vorteil: Es ist sehr grün, alles ist neu und schön, aber eben auch weit (45 bis 60 Minuten Fahrzeit je nach Verkehr) vom alten Teil Shanghais, wo es ursprünglicher, quirliger, authentischer ist. Doch nach einem Tag in diesem hektischen, lauten Puxi bin ich oft froh, angefüllt mit vielen Eindrücken und Bildern, in das Grüne und Ruhige zurückzukommen.

Und für die Kinder ist es hier ein Paradies! Nachmittags und am Wochenende ist entweder eine große Kinderschar bei uns versammelt oder unsere fahren mit dem Rad oder Roller durch die Anlage und besuchen Freunde. Sprachen schwirren dann durcheinander, Größere passen auf Kleinere auf, Hunde und Katzen sind auch dabei – Antonia, Isabelle und Victor sind glücklich und darüber wir auch. Ein bisschen ist das Leben auf diesem compound wie auf einem Campingplatz: alle sind sehr dicht aufeinander und man hat wenig Privatsphäre, dafür aber sehr viele Kontakte. Und das ist ja besser als einsam zu sein! Doch ein paar höhere Grünpflanzen für die Terrasse werde ich schon kaufen, um nicht jedesmal den Nachbarn vom Wohnzimmer aus zuwinken zu müssen...


Shanghai ist verkehrsmäßig chronisch verstopft: Viel zu viele Autos drängen auf den Straßsen, man steht oft ewig im Stau. Dabei sind die Shanghainesen sehr erfinderisch, denn meistens bilden die Autos mindestens eine Spur mehr als die Straßenführung vorgibt und Verkehrszeichen scheinen dazu da zu sein, sie zu missachten. Dann hupt man den nächstschwächeren Fahrer (kleineres Auto, Mofafahrer oder Fahrradfahrer) einfach weg. Oder es wird auf einer der meist drei- bis vierspurigen Straßen von der ganz linken Spur aus mal eben nach rechts scharf abgebogen! Auch habe ich erlebt, wie gefährlich es ist, in seinem jahrelang gelebten Trott Fahrrad zu fahren: Autos weichen plötzlich auf den Fahrradweg aus oder biegen einem einfach vor die Nase, obwohl man Vorfahrt hat und weit vor und nach einem viel Platz wäre. Hier hat mir schon so manches Mal nur eine Vollbremsung geholfen! Meine Tochter Antonia, die beim Überqueren einer Straße beinahe von einem falsch abbiegenden Motorrad umgefahren worden wäre, möchte überhaupt nicht mehr in Shanghai Fahrrad fahren.

Gleichzeitig konnte ich auch erleben, wie so manches Verkehrschaos entsteht. Da ist eine Kreuzung schon blockiert und trotzdem bewegen sich die Autos, Busse, Lastwagen und Moped aus allen Himmelsrichtungen stur zentimeterweise aufeinander zu, bis lange Zeit gar nichts mehr geht. Schon steigen die ersten aus und schreien sich wütend an, um dann genauso langsam wieder rückwärts auseinander zu fahren. Bin ich dann froh, nicht selbst zu fahren!

Obwohl ich doch überlege, zum Winter hin den chinesischen Führerschein zu machen, den man benötigt, um hier Auto fahren zu dürfen. Mal sehen, ob ich mir das Fahren dann auch zutraue.