Schwarze Limousinen, groß ausgerollter Teppich, Scheinwerferlicht - so etwas erlebt das kleine, bayerische Aschheim selten. "Sakradi", staunte so mancher Einheimische, "des sieht fei nach feiner G'sellschaft aus", als das Modehaus Escada zur ersten Fashion-Show mit neuem Investor in seine Räume im Industriegebiet des Münchner Ostens lud. Die halbe Modemedienwelt war angereist zu einem Termin, der traditionell für die internationalen Einkäufer ausgerichtet ist, um nämlich die neue Kollektion vorzustellen. Dieses Mal jedoch kam selbst Verleger Florian Langenscheidt, und auch Bayern-Kicker Philipp Lahm war da mit seiner Freundin. Es gab schließlich noch viel mehr zu sehen als nur modische Stoffe: Alle waren neugierig auf Megha Mittal, die Inderin, der jetzt Escada gehört.
Sie war im Privatjet aus London eingeflogen, in Begleitung ihres Gatten. Auch der Schwager war dabei und die Schwiegermutter, als fühlte sich Megha Mittal sicherer mit etwas Verstärkung von zu Hause. Immer stand die Familie wie ein Schutzwall um sie herum.
Wunderschön, zierlich, fast zerbrechlich sah sie aus in einem knielangen Kleid aus violettem Samt. Aber man sollte den zarten äußerlichen Eindruck nicht falsch deuten, die Unternehmerin ist durchaus selbstbewusst. Selbstverständlich trug sie Escada, kaum Schmuck dazu, wenig Make-up - und machte auch sonst alles richtig: Höflich, wie es die feine indische Art ist, begrüßte sie jeden Gast und beantwortete gut erzogen und geduldig alle Fragen. Erzählte, dass sie aufgeregt sei vor der ersten Show und unheimlich geehrt, dabei zu sein. Nicht nur Escada-Vorstand Bruno Sälzer schwärmte den ganzen Abend: "Sie ist jung, international, sie sieht toll aus - die perfekte Frontfrau fürs Unternehmen." Sogar die mächtige Anna Wintour, Chefin der amerikanischen "Vogue", greift höchstpersönlich zum Telefon, um ihr bis nach Aschheim hinterherzutelefonieren. Man weiß nicht viel über diese diskrete Familie, man weiß vor allem, dass sie sehr vermögend ist.
Doch lieber, als sich dem Jetset-Leben hinzugeben, kultivieren die Mittals das Image hart arbeitender Unternehmer. Ein Freund: "In London sieht man sie so gut wie nie, weder auf Festen noch in Restaurants. Ist nicht ihr Ding." Lakshmis Vorstellung von Spaß sei ganz im Gegenteil: Yoga, fleischlose Kost. Und Wochenendausflüge zu Stahlhütten. Wie das Familienoberhaupt scheint auch die Schwiegertochter getrieben von Disziplin und Fleiß. Eine glänzende Analytikerin mit starkem Willen, heißt es über die zweifache Mutter. Im Herbst kaufte sie die Mehrheit bei dem insolventen Unternehmen. An die 20-mal sei sie schon in Aschheim gewesen. Ein Mitarbeiter: "Und dann arbeitet sie durch. Die kommt frühmorgens rein, isst mittags kurz in der Kantine und fliegt abends wieder zurück." Selbst auf dem Empfang griff sie nicht einmal mal zu Häppchen oder Champagnerglas.
Morgenpost Online: Das Schwiegertöchterchen ruft: "Ich will eine Modefirma!" - und, zack, kauft ihm Schwiegerdaddy den Laden. Oder wie läuft das, Frau Mittal: Bekommen manche Menschen alles im Leben, oder was war der Reiz für einen indischen Stahltycoon, die marode Modemarke Escada zu kaufen?
Megha Mittal: Ich weiß, manche mögen vielleicht etwas anderes denken, viele wissen ja gar nicht, wer wir wirklich sind. Aber Escada ist für mich kein Spielzeug, wenn Sie das meinen. Ich nehme das Investment ernst. Ich war immer schon an Mode und Design interessiert. Hinzu kommt mein Business-Background, ich habe Wirtschaft studiert. Und so fing ich vor eineinhalb Jahren an, etwas zu suchen, was beides verbindet. Aber ich gebe Ihnen recht, ich habe natürlich großes Glück, sowohl die Unterstützung meines Mannes als auch meines Schwiegervaters zu haben. Trotzdem habe ich lange überlegt, viele Modemarken über Monate hinweg intensiv geprüft und im letzten Moment immer wieder abgelehnt. Escada hat mir gefallen.
Morgenpost Online: Junge, internationale Frauen wie Sie tragen nur die neuesten, angesagtesten Designer, würde man denken. Wie sind Sie auf die alte Lady Escada gekommen?
Mittal: In der internationalen Modewelt ist Escada eine Ikone. Ich liebe die Sachen seit Langem, den noblen Glamour, die Farben, Schnitt und Qualität. Aber auch das Management hat mich beeindruckt. Ich habe gemerkt, hier brennt ein Team für eine Sache.
Morgenpost Online: Aber mal Hand auf den Sari: Mit Goldknopf, in Knallfarben von top to toe wird's doch schwierig? Und so sehen Sie auch gar nicht aus.
Mittal: Ich persönlich mag es eklektisch und modern. Vor allem aber muss ein Schnitt gut sitzen und, ich finde, die Materialien und Farben müssen bestechen. Genau dafür steht Escada. Jetzt muss es nur noch verführerischer werden.
Morgenpost Online: Jodhpurhosen, üppige Gold-Accessoires in der neuen Kollektion - ist das schon Ihre Handschrift? Wie stark involviert sind Sie im Design?
Mittal: Gar nicht. Ich liebe es, mich mit dem Design-Team auszutauschen. Aber mein Fokus richtet sich rein auf das Geschäftliche und unsere Strategie.
Morgenpost Online: Sie kommen viel herum in der Welt. Wenn Sie Frauen in Europa, in Amerika, in Asien vergleichen - worin unterscheidet sich ihr Stil? Wie ist da Ihre Wahrnehmung?
Mittal: Es stimmt, ich bewege mich, seit ich denken kann, in einer multikulturellen Gesellschaft. Ich liebe es zu reisen, weil es den Geist öffnet und uns auch die Geschichte, Architektur, Weltbilder anderer näherbringt. Und natürlich hat jedes Land seinen eigenen Charakter - und jede Frau ihren persönlichen Stil, auch wenn wir durch die Globalisierung eine zunehmende Uniformierung erleben. Doch egal wo ich bin auf der Welt, Mode hat immer das gleiche Ziel: uns Frauen zu helfen, schön auszusehen und uns auch so zu fühlen.
Morgenpost Online: Was schätzen Sie an Deutschland?
Mittal: Ich muss sagen, ich genieße es sehr, hierherzukommen und hier zu arbeiten. In Deutschland spürt man überall Fortschritt. Die Menschen arbeiten hart. Und auch wenn sie Erfolg haben, sind sie geerdet. Ich mag den hohen Anspruch, den die Menschen an Qualität stellen in diesem Land.
Morgenpost Online: Wie kommt man überhaupt zurecht als junge Frau in der harten internationalen Unternehmerwelt?
Mittal: Ich bin an diese Welt seit Kindertagen gewöhnt. Eines ist sicher, sie ist heute viel attraktiver für Frauen als zu Zeiten meiner Eltern. Gleichzeitig Mutter zu sein ist natürlich eine Herausforderung. Man muss gut organisiert sein und - ganz wichtig - eine gesunde Balance schaffen, um beides zu leisten. Aber es ist auch wahnsinnig aufregend.
I.G./D.v.T.




