Und nun auch noch die Tierschützer. „Ich bin mir sicher, dass Sie?die mitfühlende Entscheidung treffen werden, sich ab sofort von Pelzen zu lösen“ schrieb die Tierschutzorganisation Peta, bekannt für ihre „Lieber nackt als im Pelz“-Kampagne. Dem Schreiben lag ein Video bei, auf dem zu sehen ist, wie Tieren in einer chinesischen Pelzfarm das Fell über die Ohren gezogen wird. Maria-Elisabeth Schaeffler war so unvorsichtig gewesen, beim Hahnenkamm-Skirennen in Kitzbühel, einem Medienspektakel, einen teuren Nerz zu tragen und sich fotografieren zu lassen.

Ein Fauxpas, der nicht nur Tierfreunde aufbrachte. Sie hatte kurz zuvor um eine staatliche Milliardenbürgschaft nachgesucht: Betteln im Pelz – die Assoziation lag auf der Hand. Schaeffler ist, seit sie die Hand nach dem Traditionskonzern Continental ausstreckte, nicht mehr nur Privatmensch, sie ist Person des öffentlichen Interesses. Ihre PR-Berater hätten sie schützen müssen.

Die Multimilliardärin ist dort angelangt, wo sie nie hinwollte: in den Klatschspalten der Boulevardblätter. Die einen zeigen sie hämisch im Pelz, die anderen, wie die Münchner „Abendzeitung“, in einer Montage mit der Kopfbedeckung eines Scheichs – nachdem fälschlicherweise gemeldet wurde, ein arabischer Investor wolle in ihr Unternehmen einsteigen. „Salam alaikum, Frau Schaeffler!“

Selten ist jemand so schnell abgestürzt aus dem Olymp der Unternehmer wie diese elegante Frau von 67 Jahren. Sie steht davor, ihr Imperium, das ihr 1996 verstorbener Mann Georg gegründet hatte, an die Banken zu verlieren. Maria-Elisabeth Schaeffler tat das, was ein Tabu unter Familienunternehmern ist: die eigene Firma zu riskieren.

Vor einem Jahr nahm die Öffentlichkeit außerhalb des Frankenlandes die Unternehmerin kaum wahr. Sie war eine Milliardärin, die sich in der fränkischen Kleinstadt Herzogenaurach eingerichtet hatte, im Vorstand der Gesellschaft der Opernfreunde Nürnberg aktiv war. Eine Frau ohne Allüren. In Herzogenaurach, einer Stadt mit 23.000 Einwohnern und bekannt durch Adidas und Puma, ist Maria-Elisabeth Schaeffler bis heute hoch angesehen. „Die Stadt steht hinter ihr“, sagt Bürgermeister German Hacker, der vor Jahrzehnten sein Geld zum Studieren verdiente, indem er bei Schaeffler Maschinen reinigte.

Allerdings ist die Wirtschaftskrise auch in Herzogenaurach angekommen. 6000 Menschen arbeiten kurz. Verbuchte Hacker noch 2008 Gewerbesteuereinnahmen von 38 Millionen Euro, rechnet er für dieses Jahr mit einem Minus von vier Millionen Euro. Ein Minus, da er Rückzahlungen leisten muss. Das sei schon „extrem“. Aber Vorwürfe macht er Schaeffler nicht. Sie sei wie andere auch vom Konjunkturabschwung getroffen worden.

Hacker nennt Schaeffler „bodenständig und bescheiden“. „So wie sie jetzt in der Öffentlichkeit dargestellt wird, erkennen wir sie nicht wieder.“ Die Ehrenbürgerin geht allein einkaufen, fährt einen Audi A3, spielt Golf mit 20 Jahre alten Schlägern. Immerhin hat sie ein Ferienhaus in Kitzbühel. Zum Bekanntenkreis zählen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und der VW-Aufsichtsratsvorsitzende Ferdinand Piëch.

Vor einem halben Jahr wurde Schaeffler noch bewundert: als brillante Strategin, die mit der überraschenden Übernahme des Autozulieferers Continental den Coup des Jahres gelandet hatte. Angeschlichen hatte sie sich, indem sie heimlich von Investmentbanken Conti-Aktien aufkaufen ließ. Maria-Elisabeth Schaeffler stand als Großaktionärin von Schaeffler/Conti an der Spitze eines Autozulieferers mit einem Gesamtumsatz von 35 Milliarden Euro.

Nun ist klar, dass sich die Strategin verzockt hat. Ihr Angebot von 75 Euro pro Conti-Aktie war in Zeiten der Finanzkrise viel zu großzügig. Nicht geplante 49 Prozent landeten so bei Schaeffler, sondern 86 Prozent der Aktien. Viel zu viel, als dass der Familienkonzern diese Summe auf Kredit finanzieren könnte.

Das Wort von der Insolvenz macht die Runde. Schaeffler suchte bei der bayerischen Landesregierung und beim Bund um Milliardenhilfen nach. So reiste auch Bürgermeister Hacker mit 15 Getreuen nach Berlin, um für Schaeffler in der SPD-Bundestagsfraktion zu werben. Unter Vorbehalt können sich nun die Sozialdemokraten gewisse Hilfen vorstellen.


Das Konsortium aus sechs Kreditinstituten, darunter die angeschlagene Royal Bank of Scotland und die Commerzbank, ist hochgradig nervös. Ohne staatliche Hilfe, soviel steht fest, wird Schaeffler ihr Unternehmen verlieren. Es sei denn, ein Scheich kommt vorbei. Doch warum sollte sich jemand an einem Unternehmen beteiligen, dessen Eigenkapital negativ ist? „Keiner kauft 25 Prozent an einem Haus, wenn er dafür mehr Schulden aufgebrummt bekommt, als der Anteil wert ist“, sagt ein Banker.

Eine Realität, mit der sich Maria-Elisabeth Schaeffler bis heute nicht abfinden will. Und nach außen erweckt sie immer noch den Eindruck, als könne das alles eigentlich nicht wahr sein. Sie ist stets aufwendig geschminkt, die blonden Haare sind perfekt frisiert. Immer noch tritt sie mit kraftvoller Stimme auf, mit leicht wienerischer Einfärbung.

Sie wurde 1941 in Prag geboren. Die Familie floh kurz vor Kriegsende nach Wien, wo ihr Vater später Generaldirektor der Ersten Allgemeinen Versicherung wurde. Ihr Medizinstudium brach sie ab, als sie den 24 Jahre älteren Unternehmer Georg Schaeffler kennen lernte und Hals über Kopf heiratete. Schaeffler war ein schillernder Unternehmer und Erfinder, der mit seinem Bruder Wilhelm im fränkischen Herzogenaurach nach der Flucht aus Schlesien eine solide Firma aufgebaut hatte. Nach dem Krieg ging es los mit der Fertigung von Leiterwagen und Holzknöpfen, später spezialisierten die Schaefflers sich auf Wälzlager und wurden reiche Leute.

Auch ein Betriebwirtschaftsstudium brach Maria-Elisabeth Schaeffler ab. Dafür lernte sie von ihrem Mann über drei Jahrzehnte, wie ein Unternehmen zu führen ist. 1996, nach Georgs Tod, übernahm sie die Schaeffler-Gruppe. Ihr habe das niemand zugetraut, sagte sie einmal. Es war wohl auch eher eine Notlösung, denn Sohn Georg junior, dem rund 80 Prozent der Anteile gehören, gilt als ungeeignet für die Position des Geschäftsführers. Er lebt als Wirtschaftsanwalt in Dallas.

Maria-Elisabeth Schaeffler gibt sich offenkundig Mühe, perfekt zu wirken. Darauf lässt ihr Büro, in Schneeweiß gehalten, schließen. Weiße Orchideen stehen auf dem Schreibtisch, auf einem Ledersessel liegt eine Louis-Vuitton-Tasche. An der Tür ein Körbchen für ihren Yorkshire-Terrier „Amadeus“, der einzige ihrer vier Hunde, der in ihr Büro darf. Vier Zimmer weiter sitzt der Mann, dem sie bislang zu 100 Prozent vertraute. Vorstandschef Jürgen Geißinger, ein promovierter Maschinenbauer, aufbrausend, ehrgeizig.

Alle zwei Wochen lädt Maria-Elisabeth Schaeffler Geißinger zum Abendessen ein. Bei Tisch wurde auch der Conti-Deal erdacht. Eingeweiht waren nur wenige. Zum engen Kreis gehören neben Geißinger ihr Sohn Georg, Finanzchef Thomas Hetmann und Hans Rolf Koerfer, Jurist bei der Kanzlei Allen & Overy.

Doch jetzt ist klar: Schaeffler hat sich zu sehr auf ihre Berater verlassen. Sie ging volles Risiko mit der Übernahme, die komplett fremdfinanziert war und noch eingefädelt wurde, als sich schon die Autokonjunktur eintrübte. Es war ja schon einmal gut gegangen. 2001 übernahm sie im Handstreich den MDax-Konzern FAG Kugelfischer. Auch der, wie Conti, größer als die Schaeffler Gruppe. Diese feindliche Übernahme gilt bis heute als gelungener Schachzug.

Die Übernahme von Conti ist hingegen zum Desaster geworden. Noch im November ließ sie sich die Übernahme schönrechnen. In einem Interview Mitte Dezember konnte man den Eindruck gewinnen, Schaeffler blende die Realität aus. Damals war schon klar, dass ihr Unternehmen in eine Schieflage geraten war. Trotzdem antwortete sie mit Sätzen wie: „Wenn es irgendwo Aufgeregtheiten gibt, dann nicht auf unserer Seite. Wir gehen weiter unbeirrt unseren Weg.“

Man muss schon eine gehörige Portion Chuzpe haben, um so die Öffentlichkeit zu täuschen. Dabei braucht Schaeffler heute die öffentliche Meinung auf ihrer Seite, wenn sie von der Bundesregierung eine Milliardenbürgschaft will.

Doch Rückhalt hat sie verspielt. Auch durch unbedachte Aussagen, durch ungeschickte Auftritte. Sie tritt in Sitzungen bestimmend auf, ergreift das Wort, erteilt das Wort. Das konnten zuletzt die Conti-Aufsichtsräte im Januar miterleben. Sie reiste mit ihrem Tross nach Hannover, um Conti-Aufsichtsratschef Hubertus von Grünberg zu stürzen.

Die Spannung im altehrwürdigen Saal Herrenhausen in der Conti-Zentrale war zu greifen. Ihren drei Begleitern gab sie dezidiert das Wort. Ihren Sohn, immerhin 43 Jahre alt und Mehrheitsgesellschafter, unterbrach sie, als er unaufgefordert an der Diskussion teilnehmen wollte. Nach der Sitzung war ihr Berater Koerfer designierter Conti-Aufsichtsratschef.

Die ungeklärte Nachfolgefrage bei Schaeffler macht die Lage noch komplizierter. Sohn Georg lässt sich zwar häufiger als früher am Stammsitz blicken. Aber Leute, die ihn in Verhandlungen erlebt haben, gewannen nicht den Eindruck, ihnen sitze ein potenzieller Nachfolger gegenüber. So hängt die Schaeffler-Gruppe an einer Frau, die längst das Rentenalter erreicht hat. „Berater, Berater, Berater, ein Heer von Beratern geht ein und aus bei Schaeffler. Alle wollen sich ein Bild machen, lähmen aber nur das Unternehmen“, sagt ein mit der Situation Vertrauter. Es geht um ein Konzept, mit dem Maria-Elisabeth Schaeffler in Berlin vorstellig werden kann. Dort muss sie auf das Erbarmen von Politikern hoffen.