Finanzkrise

Ein fiktives Interview mit Welt-Ökonom Karl Schiller

Was hätte wohl der Hamburger Ökonom Karl Schiller, von 1966 bis 1972 Bundesminister für Wirtschaft, zur Finanzkrise gesagt? Für Morgenpost Online hat Autor Uwe Bahnsen zu aktuellen Fragestellungen zahlreiche Originalzitate des SPD-Politikers zusammengestellt. Herausgekommen ist ein Interview, das durchaus auch heute so hätte geführt werden können.

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In der Finanzkrise schießen auch die Expertenmeinungen ins Kraut – doch wirklich profund und weitsichtig sind die wenigsten. Was hätte wohl der Hamburger Ökonom Karl Schiller, von 1966 bis 1972 Bundesminister für Wirtschaft und von 1971 bis 1972 zusätzlich Bundesminister für Finanzen, zur Lage von Staat, Banken und Unternehmen gesagt? Autor Uwe Bahnsen, dessen Biografie „Karl Schiller“ (Reihe Hamburger Köpfe, ZEIT-Stiftung) in der kommenden Woche in Berlin vorgestellt wird, hat zu aktuellen Fragestellungen viele aufschlussreiche Originalzitate des SPD-Politikers für Morgenpost Online zusammengestellt. Herausgekommen ist ein Interview, das durchaus auch heute so hätte geführt werden können.

Morgenpost Online: Herr Professor Schiller, die Schieflage der internationalen Finanzindustrie hat weltweite Ausmaße angenommen. Ist es nur die unersättliche Gier nach riesigen Gewinnen, die diese Krise ausgelöst hat, oder steckt mehr dahinter?


Karl Schiller: Nicht die Prinzipien der offenen Gesellschaft, nicht das marktwirtschaftliche Regelwerk, nicht der Wettbewerb als Entdeckungsverfahren tendieren zur Raffgesellschaft, sondern die Beschädigungen der Moralregeln, wie sie in den letzten Jahren deutlich sich zeigen, sind das eigentliche Problem.


Morgenpost Online: Was muss die Bundesregierung in dieser Lage tun?


Schiller: Die Regierung hat die Pflicht, über den Tellerrand des Wahltermins hinauszublicken und dem Volk rechtzeitig zu sagen, was zu leisten ist und was zu fordern ist. Schweigen würde nichts, Aufklärung kann viel helfen.


Morgenpost Online: Und die Realität? Woran erinnert Sie das Verhalten der Regierung?

Schiller: An jenen Mann, der aus dem Fenster des neunten Stockwerks gefallen ist und der, beim ersten Stockwerk angelangt, ruft: Bisher ist doch alles gut gegangen!

Morgenpost Online: Und was muss die Regierung tun, damit unsere Wirtschaft die Folgen dieser Krise überwindet?

Schiller: Die Pferde müssen wieder saufen!


Morgenpost Online: Wenn Sie auf Ihr Leben und Ihre Erfahrungen zurückblicken, in der Weimarer Republik, in der NS-Zeit, in der Bundesrepublik, wie denken Sie über die Demokratie?


Schiller: Wir lieben die Demokratie als ein System, das auch in seiner Unvollkommenheit dem unvollkommenen Menschen zutiefst entspricht. Die Demokratie setzt menschliche Fehler voraus, und sie schafft in ihrem System ständig Kräfte und Institutionen, die aus sich heraus Fehler immer wieder korrigieren. Das ist ihre Alltagshumanität.

Morgenpost Online: Was raten Sie einer Partei, die über eine Koalition verhandelt?

Schiller: Die Leiche soll auf den Tisch!

Morgenpost Online: Welchen Stellenwert hat für Sie die ökonomische Stabilität?

Schiller: Stabilität ist nicht alles. Aber ohne Stabilität ist alles nichts.


Morgenpost Online: Sie haben stets großen Wert auf ordnungspolitische Maßstäbe gelegt...


Schiller: ... so viel Wettbewerb wie möglich, so viel Planung wie nötig?


Morgenpost Online: ... und zu welchem Befund kommen Sie heute?

Schiller: Es ist grotesk, in welcher Wirrnis wir uns heute befinden.

Morgenpost Online: Na gut, aber wie wäre es mit einem vorübergehenden Lohn- und Preisstopp, um die Inflation zu beruhigen?

Schiller: Ein Lohn- und Preisstopp ist überhaupt keine Hilfe. Diese Lohn- und Preisstopps bedeuten doch, dass wir unsere freie Marktwirtschaft verletzen würden.

Morgenpost Online: Und was sagen Sie den Linken in ihrer Partei, der SPD, die gegen diese freie Marktwirtschaft zu Felde ziehen?

Schiller: Genossen, lasst ... die Tassen im Schrank!

Morgenpost Online: Welche prinzipiellen Ziele verfolgen die Linken nach Ihrer Meinung?

Schiller: Die wollen ja eine ganz andere Republik.

Morgenpost Online: Wie beurteilen Sie die Strategie der Gewerkschaften in der Lohnpolitik?

Schiller: Die Gewerkschaften wissen auch, dass zurzeit der Produktivitätsfortschritt in der Bundesrepublik klein ist und angesichts der Preissteigerungen auf mittlere Sicht nicht mehr so furchtbar viel hergibt.

Morgenpost Online: Welchen Rat geben Sie den Politikern von heute für den Umgang mit der Staatsverschuldung?

Schiller: Lieber die Begleichung der Schulden auf größere Zeiträume verteilen, als große Steuererhöhungen durchsetzen, um die Staatsschulden schneller zu reduzieren. Wie es geht, haben uns die USA nach dem Zweiten Weltkrieg gezeigt.

Morgenpost Online: Was war Ihr größter Fehler in der Politik?

Schiller: Das war der Doppel-Minister, ganz klar! Das Wirtschaftsministerium war in Deutschland damals ein Überzeugungs- und Ordnungsministerium, das für Preisstabilität und ähnliche Werte zu sorgen hatte. Als ich aber Wirtschafts- und Finanzminister war, erkannte ich, dass ich nicht nur für Preisstabilität zu sorgen, sondern auch eine zweite Front der ,big spenders' im Kabinett gegen mich hatte. Die Haushaltssitzungen wurden unerfreulich, und als Finanzminister war ich das Angriffsziel Nummer eins.

Morgenpost Online: Alle Parteien reden so gern vom mündigen Bürger. Gibt es den eigentlich?

Schiller: Die vielfältige Bindung des Individuums an verschiedene gesellschaftliche Gruppen, die Unübersichtlichkeit des Netzwerkes der Macht‚ die Fülle der verfügbaren Informationen und Handlungsalternativen schwächen ... die Autonomie des einzelnen Bürgers und seine Fähigkeit zur Kommunikation und rationalen Aktivität.

Morgenpost Online: Sie waren ein sehr erfolgreicher Rektor der Hamburger Universität. Was brauchen unsere Universitäten vor allem?


Schiller: Geld allein genügt nicht. Es kommt auf den freien Geist an...


Morgenpost Online: Woran liegt es, dass die Parteien in den Augen vieler Wähler immer austauschbarer werden?


Schiller: Die großen politischen Parteienkämpfe ... werden immer weniger um die sogenannten Weltanschauungen ausgefochten. Es geht vielmehr darum: Wer beherrscht am besten, am rationalsten, das heißt am wissenschaftlichsten, die Technik des Wohlfahrtsstaates, die Instrumente zur Steigerung des Sozialprodukts?