"Das Motiv, Steuern zu sparen, übersteigt bei vielen Deutschen den Sexualtrieb." Dieser Satz gehört zu den liebsten des Reinfried Pohl. Der 80-Jährige Chef des Finanzvertriebs DVAG kann auf jahrzehntelange Erfahrung als Verkäufer von Fonds und Policen zurückblicken. Nun wird Pohl den Satz zumindest ergänzen müssen. Denn das Motiv, Steuern zu sparen, wird ganz offensichtlich noch übertroffen von der Angst der Anleger, ihr Geld zu verlieren.

Das bekommt auch die Fondsindustrie zu spüren. Die Hoffnung auf einen Nachfrageboom vor der 2009 startenden Abgeltungsteuer hat sich nicht erfüllt. Selbst das einfache Verkaufsargument, durch Fondskäufe in diesem Jahr die neue 25-Prozent-Steuer zu vermeiden, zieht nicht. Schuld ist die Finanzkrise

"Von unseren ursprünglichen Verkaufsplänen haben wir uns verabschiedet", sagt Wolfgang Mansfeld, Präsident des Interessenverbandes der Fondsindustrie BVI. "Wenn die Märkte sich in den kommenden Wochen nicht beruhigen, können wir das Zusatzgeschäft wohl ganz abschreiben." Ursprünglich wollte die Investmentbranche in diesem Jahr an den Rekord von 2000 anknüpfen. Damals wurden Aktienfonds im Wert von knapp 40 Mrd. Euro abgesetzt.

Darüber hinaus erwarteten die Gesellschaften Umschichtungen in Höhe von 200 Mrd. Euro. Die Anleger sollten ihr Erspartes aus Geldmarktprodukten und Rentenfonds abziehen und in Aktien- und Dachfonds stecken, um sich die Steuerfreiheit auf Kursgewinne zu sichern. Einzelne Anbieter wollten sogar Beleihungen von in Kürze fälligen Lebensversicherungen ermöglichen, damit sich die Sparer noch vor dem 31. Dezember mit Fonds eindecken können.

Die Realität sieht anders aus. Aktienfonds verzeichnen in diesem Jahr sogar Mittelabflüsse von 1,3 Mrd. Euro. Allein Dachfonds schlagen sich mit Zuflüssen von 8,3 Mrd. Euro noch recht wacker. Von den 40 Mrd. Euro ist die Fondsbranche freilich weit entfernt.

"Die Erwartungen an die Abgeltungsteuer wurden nicht erfüllt und werden sich nicht mehr erfüllen", sagt ein Sprecher der DekaBank, der zweitgrößten Investmentgesellschaft des Landes. Aus der Werbung hat die Sparkassenorganisation das Thema bereits verbannt. In ihren TV-Spots dominiert nun das Thema Sicherheit. Der über Monate gesendete Schalter, den es laut Werbebotschaft noch 2008 wegen der Steuer umzulegen gilt, ist im Archiv verschwunden. Fast schon vergessen sind auch die Worte von Deka-Chef Franz Waas aus dem Februar. Damals wollte er die Zuflüsse noch um rund 50 Prozent steigern. Dabei setzte er auf das "viele Geld, das bislang noch auf Tagesgeldkonten" liege.

Auch Finanzvertriebe haben die Hoffnung auf eine kräftige Sonderkonjunktur begraben. "Einen großen Run, wie noch zu Jahresanfang erwartet, wird es nicht geben", sagt Uwe Schroeder-Wildberg, Chef des Finanzdienstleisters MLP. Das Thema Abgeltungssteuer sei durch. Schroeder-Wildberg muss es wissen, sind doch im Namen von MLP 2500 Berater unterwegs, die in ganz Deutschland Finanzprodukte vor allem an Akademiker verkaufen. Die rund 740 000 Kunden entschieden sich eher für kurzfristige Sparanlagen statt langfristiger Vermögensverwaltung, so Schroeder-Wildberg.

Für das Restjahr setzt er nun auf Riester- und Rürup-Rente sowie Berufsunfähgkeitsversicherungen - also eher Produkte, die sich mit dem Sicherheitsargument verkaufen lassen. So glaubt der Manager, zumindest noch den Jahresumsatz 2007 zu erreichen. Noch vor kurzem wollte MLP aus 2008 ein Rekordjahr machen. Auch für 2009 rechnet der MLP-Chef mit einem schwierigen Jahr. Es bestehe die Gefahr, dass die pessimistischen Konjunkturerwartungen weiter zur Zurückhaltung bei Kunden führten.

Der Finanzindustrie bleibt nur noch eine kleine Hoffnung: Dass sich der Dax schnell berappelt und die 6000-Punkte-Marke ansteuert. "Wenn die Nachrichten wieder zuversichtlicher werden, sind die Anleger auch wieder empfänglicher für Steuerargumente", sagt ein Sprecher des Fondsanbieters Allianz Global Investors. Frühere Steuererhöhungen lehrten, dass viele in letzter Minute agierten. "Als die Mehrwertsteuer erhöht wurde, trugen die Menschen auch erst zwei Wochen davor die Flachbildschirme aus den Elektronikmärkten."