Paul Mercier kann sich noch gut an den Start erinnern. An die Aufregung, die durchwachten Nächte, die langen Sitzungen. Und an die bange Frage, ob dieses waghalsige Projekt wirklich zu schaffen sei. "Es war, als würden wir mit einem Flugzeug starten, ohne zu wissen, wann genau die Maschine landen wird", sagt er über die Spannung der Anfangstage, als Mercier und seine Kollegen fast aus dem Nichts heraus eine internationale Institution schaffen mussten: die Europäische Zentralbank (EZB), die Hüterin der europäischen Gemeinschaftswährung Euro.

Der 56-Jährige weiß, wovon er spricht. Der Belgier liebt das Abenteuer Fliegen, seit Jahren ist er begeisterter Hobbypilot. Die Bildergalerie in seinem Büro im ersten Stock der Europäischen Zentralbank (EZB), die er vom Cockpit seines Sportflugzeugs aus aufgenommen hat, zeugt davon. Und wenn man ihm zuhört, wird klar, dass das Abenteuer, sein Abenteuer, in gewisser Weise bis heute nicht aufgehört hat. Denn Mercier, der stellvertretende Generaldirektor der Abteilung Finanzmarktoperationen, war unter den Ersten, die im Sommer vor zehn Jahren bei der EZB starteten. Damals war das ein Projekt mit ungewissem Ausgang, von vielen Experten vehement bekämpft, von vielen Bürgern entschieden abgelehnt.


Mittlerweile ist die Zentralbank etabliert, sie wird an ihrem heutigen zehnten Geburtstag gefeiert werden wie noch nie. Im Großen Saal der Frankfurter Alten Oper wird Bundeskanzlerin Angela Merkel die Festrede halten, anschließend spielt das Londoner "Chamber Orchestra of Europe" zu Ehren der Notenbanker die Feuerwerksmusik von Georg Friedrich Händel. Kaum jemand wird sich noch daran erinnern, wie der US-Notenbankchef Alan Greenspan einst über "this Euro thing" lästerte, dieses ominöse "Euro-Dingsda", und wie renommierte Ökonomen öffentliche Protestbriefe gegen die Weichwährungsgefahr verfassten.


Das alles ist lange vorbei und widerlegt. Trotzdem wollen die meisten europäischen Währungshüter noch nicht von Routine sprechen. Denn noch immer muss die Europäische Zentralbank mit dem sich ständig wandelnden Euro-Raum Schritt halten. Sie muss sich anpassen, ohne sich im Kern zu verändern. Selbst EZB-Veteranen wie dem Belgier Paul Mercier fällt es nicht leicht vorherzusagen, was das für die Zukunft bedeutet - und auf wie viel öffentliche Unterstützung die Bank dabei hoffen kann.

Denn die EZB wird weltweit zwar wegen ihrer Erfolge geschätzt und für ihre Unabhängigkeit bewundert. Sie funktioniert längst so, wie Europa einmal gedacht war: grenzüberschreitend, effizient und ziemlich selbstbewusst. Wirklich geliebt wird sie dafür von den 320 Millionen Einwohnern des Euroraums jedoch noch immer nicht.

Das mag auch daran liegen, dass es nicht ganz einfach ist, Zugang zu finden. Denn die Gesetze sind streng im Lande EZB, das fängt schon bei der Einreise an. Größtmögliche Transparenz hat sich die Zentralbank bei ihrem Start vorgenommen, und das verlangt sie auch von ihren Besuchern. Deshalb muss jeder, der das gläserne Hochhaus in der Frankfurter Kaiserstraße 29 betritt, erst durch die Sicherheitsschleuse. Muss Mäntel, Taschen und sich selbst wie am Flughafen durchleuchten lassen, muss Strickjacken ausziehen und Gürtel ablegen. Und doch kommt der Besucher nicht weiter als in den zweiten Stock, ein ausgeklügeltes Aufzugssystem will es so. Selbst wer drei, vier, fünf Tage hintereinander Gast ist, muss wieder und wieder dieselbe Prozedur durchlaufen. "Rules are rules", sagen sie in der EZB dazu: "Vorschrift ist Vorschrift."

Mit der ordnenden Kraft von Regeln kennt sich Wolfgang Schill bestens aus. Der 55-jährige Generaldirektor Volkswirtschaft war früher lange bei der Bundesbank, er hat dort einst unter dem gestrengen Präsidenten Hans Tietmeyer gedient und unter der Leitung des ehemaligen Chefökonomen Otmar Issing eine Strategie für die neue Zentralbank mit entworfen. Der Ökonom gehört damit zu jenen, die das Erbe der bewunderten Hüter der D-Mark in die Neuzeit des Euro retten sollten.

Damals machte man sich über so etwas noch Sorgen. Heute kann Schill von seinem Büro im 27. Stock der EZB die Bundesbank nicht einmal mehr sehen, sie liegt auf der anderen Seite des Gebäudes. "Die EZB war von ihrem Start an bei ihren Zinsentscheidungen genauso streng wie die Bundesbank, vielleicht sogar noch strenger", sagt Schill. "Das Maß aller Dinge ist und bleibt der Kampf gegen die Inflation."

Umso mehr ärgert es ihn, dass es die EZB noch nicht geschafft hat, das selbst erklärte Inflationsziel von unter aber nahe zwei Prozent zu erreichen, sondern im Jahresdurchschnitt stets ganz knapp darüber lag. Dafür kann man gute Gründe anführen, weil immer etwas dazwischenkam, worauf die Währungshüter in ihrem gläsernen Turm keinen Einfluss hatten.

Mal war es die Maul- und Klauenseuche, durch die sich Fleisch in ganz Europa plötzlich verteuerte, mal eine unvorhergesehene Dürre, die Salat- und Obstpreise in die Höhe trieb. Und immer wieder ist es, so wie jetzt gerade auch wieder, das teure Öl, das den Zentralbankern einen Strich durch ihre komplizierten Rechnungen macht.

Trotzdem, räumt Schill ein, sähe es natürlich besser aus, wenn das Ziel exakt erreicht worden wäre. "Eigentlich wollten wir eine solche Punktlandung Chefvolkswirt Otmar Issing 2006 zum Abschied aus der EZB schenken", sagt er lächelnd. Es wurden dann trotzdem etwas mehr: 2,2 Prozent.

Das liegt auch daran, dass der Gegner so schwer zu fassen ist. Tag für Tag analysieren Schill und seine 150 Volkswirte die Konjunktur und Preisentwicklung in allen 15 Ländern des Euro-Raums. Sie ähneln darin Gärtnern, die verzweifelt versuchen, Ordnung in einen wuchernden Dschungel zu bringen, und gleichwohl jedes noch so seltene Gewächs begutachten müssen.Die Stundenlöhne slowenischer Industriearbeiter, die Produktivität von Jägern in Frankreich, die Kreditschulden deutscher Haushalte - es gibt kaum eine Größe, die nicht in eines der vielen Modelle einfließt. Alles in dem Bemühen, den Euro-Raum, jenes komplexe Gebilde aus 15 Staaten, 320 Millionen Bürgern und mehr als 7000 Banken, greifbar zu machen. Und die Datenflut wird immer größer, je mehr Länder sich dem Projekt Euro anschließen.

Trotzdem muss Monat für Monat eine Empfehlung an den Rat, das höchste Entscheidungsgremium der Bank, gehen, welche Richtung die Leitzinsen nun nehmen sollen.

Eine von denen, die daran mitarbeiten, ist Bettina Landau. Sie forscht nach Methoden, um die Inflationsprognose zu verbessern, und analysiert die Preisentwicklung. Wie Wolfgang Schill zählt sie zu jenen, die von der Bundesbank gekommen und seit dem Start dabei sind. Sich für die EZB zu entscheiden sei einfach gewesen, sagt Landau: "Jeder wollte damals hierher, weil hier die Entscheidungen getroffen werden." Nicht jeder drückt das indes so unverblümt aus.

Denn die EZB funktioniert urdemokratisch. Jedes Mitgliedsland der Währungsunion, egal wie groß oder klein es ist, hat bei allen wichtigen Entscheidungen eine Stimme. Bedeutende Projekte, wie zum Beispiel die Vereinheitlichung des europäischen Zahlungsverkehrs, werden erst in Arbeitsgruppen erörtert, bevor sie dem Rat zur Abstimmung vorgelegt werden.

"Es ist nötig, dass wir so arbeiten, als Team mit großem Teamgeist", sagt Jean-Claude Trichet. Der Präsident der Europäischen Zentralbank ist ein freundlicher Gesprächspartner, er nimmt sich Zeit, er ist charmant. Das dürfte ihm bei seiner Aufgabe helfen, schließlich muss er 21 Mitglieder des EZB-Rats aus allen Teilen des Euro-Raums koordinieren. Und, was noch wichtiger ist: Er muss sie Monat für Monat dazu bringen, hoch oben im abhörsicheren Konferenzsaal in der 36. Etage der Bank einen gemeinsamen Beschluss zu fassen. Denn bei den wichtigen Leitzinsen entscheidet das Gremium nicht per Abstimmung, sondern im Konsens. Kampfabstimmungen sind tabu, zu groß ist die Gefahr, dass dann nationale Interessen wieder in den Vordergrund treten.

Diese Eintracht, so Trichet, gelinge nur deshalb, weil jeder beim Betreten der Bank die nationale Sichtweise ablege wie einen Hut und dann rein europäisch denke: "Die EZB funktioniert da nicht anders als ein multinationales Unternehmen mit starker regionaler Präsenz. Schließlich setzen die nationalen Notenbanken die Entscheidungen des EZB-Rats um und haben die Interessen der Gesamtorganisation immer im Blick."

Eine Gesamtorganisation, die ständig wächst. Mit rund 400 Mitarbeitern ist die EZB im Juni vor zehn Jahren gestartet. Mittlerweile hat die Zentrale in Frankfurt rund 1400 Beschäftigte. Rechnet man alle Notenbanker des Euro-Raums zusammen, kommt man auf etwa 50.000 Währungshüter. Sie alle kümmern sich darum, dass der Euro, der einst als "kränkelnde Frühgeburt" verspottet wurde, eine Erfolgsgeschichte bleibt.

Und doch könnte gerade der Erfolg zusehends Probleme bereiten. Und das nicht nur, weil Länder in den Euro-Raum drängen, die die strengen Beitrittskriterien - wie niedrige Inflation, stabile Wechselkurse und solide öffentliche Finanzen - nicht nachhaltig erfüllen.

Ein warnendes Beispiel war bereits der Beitritt Sloweniens im vergangenen Jahr, das mit seiner Inflationsrate schon kurz nach der Euro-Einführung weit über das erlaubte Maß hinausschoss. Ähnliches könnte im Fall der Slowakei drohen, die 2009 beitreten wird.

Was, wenn dadurch auch die Zahl derjenigen im Rat wächst, die ein laxeres Verhältnis zur Inflationsbekämpfung haben? Je größer das Gremium wird, desto schwieriger wird es werden, den strengen Geist der Anfangsjahre und vor allem die Kultur des Zusammenhalts weiter zu pflegen, die die EZB in ihren ersten zehn Jahren so erfolgreich gemacht haben. Was, wenn es deshalb eines Tages sogar unmöglich würde, im Rat einen Konsens bei der wichtigen Leitzinsentscheidung zu finden? Wenn das Gremium irgendwann gezwungen wäre, die Mehrheit entscheiden zu lassen, der wohl größte denkbare Bruch mit der Tradition?

Kleinere Brüche hat es längst gegeben. Die Zentralbank hat sich im Laufe der Zeit geöffnet. Ihre Fassade ist perfekter geworden, und das liegt nicht zuletzt an ihrem Präsidenten. Während sein Vorgänger Wim Duisenberg in der Öffentlichkeit gerade zu Beginn mitunter zu offenherzig war und dadurch sogar den Euro auf Talfahrt schickte, hält sich Trichet streng ans Protokoll. Die Auftritte des Franzosen, der sich einst als "Kapitän des Teams" bezeichnete, sind berechenbar, stets pflegt er die leisen Töne, auch innerhalb der Bank.

Dort schätzen sie diesen Kapitän, weil er Präsenz zeigt im Haus, und weil er sich interessiert für das, was in den vielen Büros geschieht. "Es kann passieren, dass das Telefon läutet und der Gouverneur ist am Apparat, um sich etwas erklären zu lassen oder eine Anregung loszuwerden", sagt einer der Mitarbeiter, und es klingt ein wenig stolz. "Gouverneur", das sagen sie hier mitunter, wenn sie den Präsidenten meinen. Es ist Teil des eigenartigen Sprachmix, der sich im Laufe der Zeit in der EZB etabliert hat. Zwar ist Englisch die Arbeitssprache, aber auf den schmalen Fluren ist eben auch Französisch, Deutsch oder eine der vielen anderen europäischen Sprachen zu hören. Und manchmal irgendwas dazwischen. "How's life" - "Wie ist das Leben so", lautet eine der Standardbegrüßungen. Es dürfte wenig Firmen geben, wo sich die Mitarbeiter auf diese Art und Weise einen guten Morgen wünschen.

Die starke Firmenkultur der EZB hat aber auch etwas Ausgrenzendes.Selbst zehn Jahre nach ihrem Start wirkt sie noch immer wie ein Fremdkörper in der Stadt. Viele der Währungshüter führen mitten in Frankfurt ein Leben abseits der Mainmetropole. Offen räumen die meisten ein, dass sie noch immer nur ein paar Brocken Deutsch sprechen, dass sie noch nie die berühmte grüne Soße der Stadt gegessen oder Apfelwein in einer Äppler-Kneipe getrunken haben.

Die EZB sorgt gut für ihre Mitarbeiter, vielleicht zu gut, und das nicht nur dank der großzügigen Bezahlung. Es gibt einen eigenen Kindergarten, Hilfe bei der Wohnungssuche, organisierte Ausflüge. So eng ist die Verbundenheit der Mitarbeiter zu ihrer Bank, dass die hauseigene Gewerkschaft USE vor einigen Jahren mangels Zuspruch die Arbeit einstellte.

"Wer nicht aufpasst, landet hier schnell in einem europäischen Kokon", sagt Isabelle Vansteenkiste. Die 31-jährige Belgierin ist vor fünfeinhalb Jahren als einer der ersten Berufseinsteiger zur EZB gekommen. Weil in der Anfangsphase keine Fehler passieren durften, weil alles so neu war und unbekannt, wurden beim Start keine Anfänger akzeptiert. Gesucht waren erfahrene Währungshüter, die besten aus allen Euro-Nationen.

Auch das wird nun zusehends zum Problem. Denn wegen der flachen Hierarchien sind die Aufstiegschancen selbst für die Besten der Besten begrenzt. Und es erklärt gleichzeitig den Stolz der Euro-Hüter auf ihre Bank, auch wenn fast jeder von ihnen den Elitegedanken weit von sich weist. Nein, keinesfalls fühle sich die EZB als Nummer eins unter den Notenbanken des Euro-Systems, sagt etwa Jean-Michel Godeffroy, der Generaldirektor Zahlungsverkehr und Marktinfrastrkturen, diplomatisch. "Wir sehen uns nicht als etwas Besseres. Wir bilden vielmehr eine Einheit mit den nationalen Notenbanken."

Und doch stellt niemand infrage, dass nun alle Fäden bei der EZB zusammenlaufen. Besonders deutlich ist das seit dem Ausbruch der Finanzkrise im vergangenen August geworden. Paul Mercier, zuständig dafür, die Geldpolitik der Bank auf den Finanzmärkten umzusetzen, kann sich daran noch gut erinnern. Wie die ersten Alarmsignale aus den nationalen Notenbanken und von Händlern, zu denen die EZB über ihr eigenes kleines Expertenteam Kontakt hält, die Zentrale erreichten. Wie eine Krisensitzung die nächste jagte, stets unter Einsatz des weißen Notfalltelefons, das über ein abgeschottetes Datennetz die operative Geldpolitik mit dem Büro des Präsidenten und mit allen anderen Notenbanken des Euro-Systems verbindet. Wie Trichet es sich nicht nehmen ließ, persönlich im Handelssaal dabei zu sein, als die EZB das Bankensystem mit Notkrediten versorgte.

"Natürlich gab es auch dafür Notfallpläne", sagt Paul Mercier lächelnd. "Aber das war das erste Mal, dass wir sie tatsächlich anwenden mussten." Genau 90 Minuten, länger habe es nicht gedauert, bis die EZB-Experten alle nötigen Informationen gesammelt hatten und die Entscheidung fiel.

Erst später sollte sich herausstellen, dass ausgerechnet die oft als schwerfällig belächelte EZB in dieser Situation nicht nur am schnellsten von allen Notenbanken weltweit reagiert hatte. Vielmehr hatte sie auch anders als die Federal Reserve in den USA oder die Bank of England die einzig richtige Maßnahme getroffen, indem sie die Geldhähne weit öffnete. Es war eines der wenigen Male, in denen der EZB-Präsident bei seinem halbjährlichen Auftritt vor dem Europäischen Parlament anschließend stürmischen Applaus von den Abgeordneten geerntet hat.

In der Notenbank wünschen sie sich, dass das nicht so schnell in Vergessenheit gerät. Dass der Stolz auf die Zentralbank draußen ein wenig länger haften bleibt. Das muss nicht gleich zu einer Verehrung wie im Falle der Bundesbank führen. "Diesen Halbgötterstatus haben die Notenbanken weltweit längst verloren", sagt ein Währungshüter. Doch je größer die Unterstützung der Bevölkerung, desto besser sind die Aussichten, eine unabhängige Wächterin des Euro zu bleiben. Und das eben nicht nur für die nächsten zehn Jahre.