Späße auf eigene Kosten mag RWE-Chef Jürgen Großmann nicht. So wurden vor wenigen Tagen in einer Telefonkonferenz Manager gedrängt, Witze über den neuen Slogan „VoRWEg gehen“ zu unterbinden. Wer von einem „irRWEg“ einem „VoRWErk“-Staubsauger schreibe, müsse sich fragen lassen, ob er noch imrichtigen Unternehmen arbeite. Der neue Slogan „VoRWEg gehen“ spiegele schließlich die Philosophie des zweitgrößten deutschen Energiekonzerns wider. Kurz darauf ging der Jux weiter. Auf einer Tagung reichte ein RWEler einen Zettel herum: „Kein Unfug! Sonst eRWErbslos“.

Für Jürgen Großmann läuft es acht Monate nach Dienstantritt noch nicht rund. Immer noch wandern Hunderttausende Kunden ab, der Verkauf der Wasser-Sparte in den USA bringt weniger als erwartet. Und dann bricht auch noch Streit mit den wichtigsten kommunalen Anteilseignern aus.

Viel Pech für einen Mann. Dabei hat Großmann Erfolge vorzuweisen. Er hat den Konzern mit der Gründung von RWE Innogy den überfälligen Einstieg in die erneuerbaren Energien geschafft. Der angekündigte Verkauf der Gastransportnetze bringt dem Konzern neue Freiheiten. „Das Gasgeschäft können wir trotzdem wie geplant entwickeln. Besser noch, wir werden wieder politisch handlungsfähig“, heißt es aus Großmanns Umfeld.


Aus dem Aufsichtsrat wird derweil kolportiert, dass der Milliardär sich einen zwei Millionen Euro schweren Beitrag zur Alterssicherung aufs Konto überweisen ließ, zusätzlich zum Jahresgehalt von sechs bis sieben Millionen Euro, ohnehin ein Spitzenwert in Deutschland. Aber es sind nicht diese Sticheleien, die Großmann zusetzen.

Der Kapitalmarkt ist härter. Selbst die Erfolge reißen Analysten wie Theo Kitz von der Privatbank Merck & Finck nicht mehr vom Hocker: „Im Vergleich geht E.on vor, und RWE zieht nach. RWE ist kleiner und immer nur Zweiter. Das sehen auch die Anleger so.“ Der Börsenwert von RWE liegt bei 43 Milliarden Euro. Branchenführer E.on ist 90 Milliarden schwer. Eine Ursache ist der misslungene Börsengang der US-Tochter American Water. Es wurden weniger Papiere verkauft als geplant, auch ihr Preis war geringer als erhofft. In der Folge schmolz der Ertrag auf 1,2 Milliarden Dollar, fast die Hälfte der Planungen. Großmann musste eine Gewinnwarnung aussprechen.

Einer aus Großmanns Umfeld sagt zu den Problemen, es gebe genug Gründe für Optimismus. Allen voran: Die politische Bedeutung des Konzerns wird unter Großmann wieder deutlich. Kanzlerin Angela Merkel akzeptiert den Manager als Ideengeber genauso wie die SPD-Mächtigen unter Frank-Walter Steinmeier. Unter Großmanns Vorgänger Harry Roels herrschte Funkstille. „Wir brauchten jemanden, der uns wieder auf öffentlicher Bühne vertritt“, fordert ein RWE-Mann.

Viele Projekte laufen schief

Das ist dringend nötig. Bei etlichen wichtigen Projekten läuft etwas schief. Kaum hat der Konzernlenker durch den Verkauf der Gasnetze ein Kartellverfahren der EU abgewendet, wird die Nachricht herumgereicht, dass sich die Baukosten der transkontinentalen Gaspipeline Nabucco auf knapp 7,5 Milliarden Euro fast verdoppelt. „Das Projekt ist aber nicht gefährdet“, heißt es aus der RWE-Spitze.

Auch die Übernahme des Kernkraftwerkbetreibers British Energy ging schief. Zunächst wurde RWE zusammen mit Partner Vattenfall als Favorit gehandelt. Gemeinsam wollten die Stromriesen den größten Energieerzeuger Großbritanniens für knapp 14 Milliarden Euro übernehmen und unter sich aufteilen. Doch die schwedische Regierung unterband den Einstieg des Staatskonzerns Vattenfall ins Inselreich. Pech für RWE. „Das hätte Vattenfalls Chef besser organisieren müssen“, sagt ein Manager in der Essener Zentrale. Großmann trage keine Verantwortung.

Aber er leidet unter den Folgen. RWE könnte die acht Kernkraftwerke der Briten gut gebrauchen: Als Braunkohleverstromer stößt der Konzern das meiste Kohlendioxid in Europa aus. Ab 2013, wenn die Kohlendioxid-Zertifikate noch einmal teuerer werden, drohen aus heutigen Geldkühen Geldfresser zu werden. Deshalb will Großmann die CO2-intensiven Braunkohlemeiler gegen klimagasneutrale Kraftwerke tauschen.

Unter diesem Vorzeichen versucht Großmann auch den Verkauf des Gasnetzes voranzutreiben. Nach Informationen aus dem Konzern will er die Gasanlagen gegen saubere Kraftwerke eintauschen, gerne auch im Ausland. „Das ist die wichtigste Aufgabe in der Zukunft“, sagt ein Insider. Großmann aber stürzt sich nicht nur darauf. Er geht neue Aufgaben an, ohne die alten abgeschlossen zu haben. „Manche Mitarbeiter erwarten mehr Kontinuität“, heißt es in der RWE-Spitze. Aber die kommt nicht. „Für die Details sind andere verantwortlich“, klagt ein Mitarbeiter.

Konzern leidet unter Kündigungswelle

Beispielsweise beim Kampf um die Kunden. Seit Januar haben mindestens 200.000 Haushalte ihre Verträge mit RWE gekündigt, berichtet Finanzvorstand Rolf Pohlig. Im vergangenen Jahr hatte der Konzern bereits eine Viertelmillion Kunden verloren. Großmann schlägt nun immer wieder neue Angebote vor, um mehr Strom an Privatleute zu verkaufen. Einer Flatrate etwa, Preisgarantien oder einen Atomtarif im Stromhandel. Mit der Exklusivversorgung aus Kernkraftwerken könne jeder Kunde seine Verbundenheit mit dem Atomstrom demonstrieren und dazu beitragen, den Atomausstieg zu stoppen, sagte Großmann öffentlich. Intern kommen die Aktionen gut an. „Großmann geht neue Wege. Nur so können wir Kunden gewinnen“, sagt ein Mitarbeiter.

Doch Werbung alleine reicht nicht, um den Konzern zukunftsfest zu machen. Die Kosten müssen runter, um den Herausforderungen von CO2-Abgaben und Regulierung zu begegnen. Großmann treibt deshalb den Umbau des Hauses voran. Die intern kritisierten „unglaublichen Hierarchien“ sollen flacher werden. Bis jetzt sind nur Kernpunkte der Pläne bekannt. So soll die deutsche Vertriebstochter RWE Energy eingedampft werden. Wenn im kommenden Jahr der Vertrag mit dem Vorstandschef der Vertriebs-Sparte Heinz-Werner Ufer ausläuft, soll dessen Stelle nicht wieder besetzt werden. Gleichzeitig würden zentrale Aufgaben auf die Konzernmutter überführt, andere Jobs nach unten in die Regionalgesellschaften abgegeben, heißt es im Konzern. Vom Vertrieb bliebe wenig mehr als eine Fassade.

Im Bemühen um diesen Umbau sucht Großmann die Unterstützung der Arbeitnehmer. Er unterschrieb etwa eine Jobgarantie bis 2012, die Löhne erhöhte er um 3,9 Prozent. Doch während der Betriebsfrieden damit gesichert ist, leistet sich Großmann einen ernsten Konflikt mit seinen wichtigsten Aktionären.

Ursprünglich wollten Bochum und Dortmund gemeinsam mit RWE einen neuen Stadtwerke-Konzern mitten im Pott schaffen. RWE sollte sich mit 20 Prozent an der Holding rund um den Versorger Gelsenwasser beteiligen. Doch dann forderte Großmann Gelsenwassers Wassergeschäft für sich. Die Städte ließen die Gespräche platzen. „Wir lassen uns nichts diktieren“, sagt ein Spitzenbeamter. Dabei beherrschen die Ruhr-Kommunen knapp 15 Prozent des RWE-Aktienkapitals. Im Aufsichtsrat haben gleich vier Vertreter.

Mittlerweile wird aus dem Gremium Schädliches verbreitet: Dass Großmann immer wieder seine Möglichkeiten überschätze nämlich. Zur Not aber müssten die Kommunen nachgeben und auf ein Aufsichtsratsmandat verzichten: „Das Schlimmste für uns wäre doch, wenn Großmann hinwirft.“